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Panorama Schreit ihr noch oder redet ihr schon?
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20:01 09.09.2016
Der öffentliche Diskurs in Deutschland besteht immer öfter aus Empörung statt Argumenten, Vereinfachung statt Herausforderung, und einer intellektuellen Entmündigung der Bürger. Quelle: iStock
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Wir leben offensichtlich in einer Zeit, da Empörung um ihrer selbst willen die Form des zivilisierten Diskurses abgelöst hat. Primitive Affekte übertrumpfen Vernunft und Anstand, Verachtung, Hass und Häme florieren ungezähmt, und immer bereitwilliger überlassen Massenmedien Emotionen, Moral und Gesinnung das Feld der Verständigung.

Im primitiven Reiz-Reaktions-Schema der Facebook- und Twitter-Ära reißt uns offenbar nur noch der Superlativ mit: das Heftigste, Drastischste, Krasseste. Möglichst kurz, möglichst radikal. Daumen hoch, Daumen runter. Das ist das Gegenteil von Diskurs und öffentlicher Verständigung über die höchst komplizierte Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir übermorgen leben?

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Die Simplizität des Denkens ist erschreckend, das Lagerdenken radikalisiert sich zusehends, Vermittlung wird immer schwieriger. Die reflexhafte Gleichsetzung von Kritik an anderen Sitten, Werten, Religionen und Völkern mit faschistoidem Rassismus ist ebenso albern wie die plumpe Anklage des angewandten Humanitarismus als apokalyptischen Vorboten der Deutschlandabschaffung.

Gut gegen Böse, Freund gegen Feind

Erschwerend kommt hinzu, dass die deutsche Art der Debattenführung in verstärktem Maße auf einer Konfrontation geschlossener Weltbilder basiert: Gut gegen Böse, Links gegen Rechts, Freund gegen Feind. Die Reideologisierung des Politischen mündet entweder in Apathie oder endet irgendwann berechenbar bei Hitler. Wer Nazi ruft, hat immer recht.

Das Kerngeschäft des Diskurses wäre Vermittlungsarbeit, aber die Komplexität einer Sachfrage lässt sich niemals auf eine Schlagzeile oder Phrase reduzieren. Diskurs heißt moderierter Streit der Argumente, heißt: Bereitschaft, sich auf das intellektuell andere, auf den weltanschaulich Andersplatzierten, auf das fremde Sachargument einzulassen. Das ist mühsam, erfordert Haltung, hohen Ton, langen Atem, nachhaltige  Offenheit und die spielerische Lust an Gegensätzen und ihrer Versöhnung.

Diskurs heißt Geist, nicht Zeitgeist. In einer weitgehend Geist-feindlichen Epoche aber, da der Boulevard in besorgniserregendem Maße selbst die Qualitätsmedien kolonisiert hat, da zunehmend mehr Zeitgenossen in Diffamierung und Ressentiment ihr billiges Heil finden und eine zwanghafte Gewinnerkultur nur noch nach verwertbaren Helden und Losern sucht, haben wir Differenz, Differenzierung und geistige Noblesse verlernt.

Meinung statt Wissen

Für diskursive Debatten braucht man Zeit und Personal, und weil genau das, Zeit und Personal, kostspielig ist, leistet man sich lieber billiges Massenentertainment. Selbst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird Reflexion, so überhaupt ins Programm gehoben, in die Nacht verlegt, und die Inflation von Krimi, Quiz und Fußballerei vor dem Hintergrund quasiheiliger Quotenhörigkeit lässt einen schier verzweifeln.

All das hat Gründe. Wir leben in einer weitgehend entintellektualisierten Ära; wissenschaftsskeptisch, elitenfeindlich, volatil. Ersetzt wurde der große Wurf einer Vision durch eine Vielzahl kleiner Visiönchen und Narrative, deren Halbwertszeit manchmal nur ein paar Stunden beträgt, bis sie der kollektiven Amnesie anheimfallen. Die Entwertung des Öffentlichen durch das Veröffentlichte ist alarmierend, und die Figur des öffentlich agierenden Intellektuellen hat hierzulande ohnehin keine Aktien.

In Deutschland ist Streit negativ konnotiert: als Fingerzeig des Scheiterns, und Scheitern wird bekanntlich gern sozial geächtet. Von der alten Idee eines Funkenschlags des besseren Arguments, das möglichst alle Vernunftbegabten einsehen – egal aus welcher Ecke es stammt –, sind wir weit entfernt. Lagerzugehörigkeit ist heute wichtiger als Unabhängigkeit. Es wird sofort gemeint und geurteilt statt gewusst und gedacht.

Kritik und Selbstkritik sind unschick

Dazu kommen der Zwang zur aufsehenerregenden Verkürzung ("Gauland beleidigt Boateng"), der Ja-Nein-Dualismus einer wirkmächtigen Demoskopie ("Macht Merkel ihre Arbeit gut? Ja/Nein") und die Entmündigung des Bürgers als Leser und Zuschauer, wenn jedes Fremdwort bereits als Angriff auf die Menschenwürde verstanden wird.

An die Stelle organisierter Debatten tritt nun aber der Furor digitaler Diarrhö. Soziale Medien sind ja Fluch und Segen zugleich: interessante Katalysatoren einerseits, die Themen und Thesen in kürzester Zeit beschleunigen und bedeutsam werden lassen können, es andererseits aber allzu oft bei kurzfristig exzessiver Moralisierung belassen: Hashtag Aufschrei! Der Pluralismus der Plattformen ermöglicht jeder Kleingemeinschaft die höchstmögliche Affirmation ihrer Interessen – wohlfeile Weltbildbestätigung durch die Filterblase. Gegenargumente werden nicht zur Kenntnis genommen, weswegen konfektionierte Weltanschauungsreservate entstehen.

In den dauererregten Eklat- und Anklagenetzwerken findet Dialog in Form einer Kommunikation als gemeinschaftsbildende Verhandlung der res publica, des für alle geltenden Gemeinwohls der Polis, nicht mehr statt. Kritik und Selbstkritik sind selbstredend unschick, unerquicklich, riskant und erfüllen kaum das Bedürfnis nach sofortiger Belohnung. Es fehlt an der Erkenntnis, dass Verantwortung für das Soziale immer in der Erziehung zu sozialer Verantwortung besteht.

Diskursverweigerung der Medien

Die Diskursverweigerung der Medien korrespondiert mit der Debattenangst der Politik. Statt öffentlicher Auseinandersetzung bevorzugen Parteien die oft verlogene Behauptung harmonischer Geschlossenheit. Parteien und Politiker scheuen die ungefilterte Rede, weil sie die Gefahr von Irrationalitäten und verbalen Irrläufern bergen, die in der medialen Verwertungskette sofort skandalisiert und somit unkontrollierbar würden. Und dann fehlen den Parteien freilich auch Freigeister, die das Unbequeme einfordern, die gegen den Strich denken, die Widerstand fördern, die Zeit und Muße zur Erklärung und Aufklärung fordern oder moralisches Vorbild-Räsonnement durch Werthaltung repräsentieren.

Warum nur entmündigt man Leser, Zuschauer, Wähler und also die Bürger, statt ihren geistigen Fähigkeiten zu vertrauen? Just jetzt, da das Politische wieder existenziell geworden ist und jeden spürbar betrifft, könnte durch die Neubegründung des Deutschland-Diskurses die von vielen vermisste geistige Auseinandersetzung stattfinden.

Bietet man Konsumenten nicht süffigen Konsum, sondern fordert sie durch Inhalte heraus, fühlen sie sich überraschend bereichert; je öfter das geschähe, desto selbstverständlicher würde es. Qualität spricht sich herum. Und Sprechen ist in einer Demokratie das A und O – oder sollte das ein Irrtum sein?

Zur Person

Quelle: Markus Röleke / Droemer-Knaur

Christian Schüle (46) studierte Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft und hat seit 2015 einen Lehrauftrag für Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin. Er veröffentlichte mehrere Bücher. Zuletzt erschien "Was ist Gerechtigkeit heute?". Droemer Knaur, 386 S., 19,99 Euro.

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