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Panorama Sind Sie ein trauriger Clown?
Nachrichten Panorama Sind Sie ein trauriger Clown?
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20:01 17.06.2016
Die Hisbollah tötete seinen Sohn, der Friedenspreisträger setzt sich für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern ein: David Grossman im Interview. Quelle: Getty
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Herr Grossmann, was ist Ihr Lieblingswitz?
Da gibt es mehrere. Allerdings finde ich, dass die Menschen Humor und Witze stets verwechseln. Ich kenne viele exzessive Witzeerzähler, die überhaupt kein Gespür für Humor haben. Die witzigsten Menschen aus meinem Bekanntenkreis wird man nie dabei erwischen, einen Witz zu erzählen.

Ihr Werk "Kommt ein Pferd in die Bar" trägt im Titel einen klassischen Eröffnungssatz für Witze. Fahren Sie mal fort.
Kommt ein Pferd in die Bar und bestellt einen Wodka. Der Barmann hält die Hand auf und verlangt 10 Euro. Als das Pferd die Bar verlassen will, läuft ihm der Kneipier hinterher: "Warten Sie, ich habe noch nie ein Pferd als Gast gesehen!" Die Antwort: "Bei diesen Preisen werden Sie auch nicht so schnell wieder eins sehen."

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Es gibt verschiedene Witzgenres mit wiederkehrender Struktur, neben den tierischen Barbesuchern von Hund bis Krokodil ist ein anderes Beispiel: "Ein Jude, ein Araber und ein Christ sitzen in einem Boot ..." Halten Sie diese Muster für universell?
Vielmehr halte ich Humor generell für universell. Allerdings gibt es Länder, in denen die westliche Art von Humor überhaupt nicht funktioniert. Ein Freund von mir hat in Japan einen Film vorgestellt, und das Publikum hat an Stellen gelacht, an denen er das niemals für möglich gehalten hätte. Ich selbst hatte ein ähnliches Erlebnis mit einem Theaterstück über das Leben im Kindergarten. Es richtete sich eigentlich an Erwachsene, doch bei einer Vorstellung haben wir auch Kinder eingeladen. Sie lachten alle an denselben Stellen – doch keiner der Erwachsenen. Wenn diese wiederum lachten, blieben die Kleinen bemerkenswert ruhig. Vielleicht waren sie sogar ein bisschen beunruhigt.

Wie erklären Sie sich das? Muss man Witze erst verstehen lernen?
Ja, es ist eine erlernte Fähigkeit wie der Genuss von schwarzem Kaffee. Ich erinnere mich an meine eigene Kindheit: Immer, wenn jemand einen Witz erzählte, machte es mich irgendwie traurig. Denn in jedem Witz wird jemand betrogen, geschlagen oder verulkt. Eigentlich sind es ziemlich schreckliche Geschichten. Ich fühlte mit diesen Opfern mit und war jedes Mal ziemlich verwirrt, wenn die anderen lachten. Etwas von dieser Verwirrung habe ich in meine literarische Figur der kleinen Frau gesteckt. Sie sitzt im Publikum und lauscht dem Stand-up-Comedian Dovele. Sie ist sprachlos angesichts der Grausamkeit und Vulgarität seiner Witze. Sie kann nicht entschlüsseln, wie es möglich ist, darüber zu lachen.

Jener Stand-up-Comedian Dovele hat eine tragische Vergangenheit, wie nach und nach ans Licht kommt. Hat diese seine Berufswahl beeinflusst?
Das ist gut möglich. Den Nukleus der Geschichte trage ich schon seit bald 20 Jahren mit mir herum: Ein Junge wird aus der Fremde zu einer Beerdigung bestellt und niemand klärt ihn darüber auf, ob es sich bei dem Toten um seine Mutter oder seinen Vater handelt. Während dieser Reise erzählt sein Fahrer ihm zur Ablenkung Witze. Es ist dieses Zusammenspiel aus Horror und Gelächter, das mich fasziniert. Wann immer ich einen Text beendete, wollte ich diese Geschichte aufschreiben. Aber ich brauchte eine lange Zeit, bis ich die passenden Wörter dafür fand.

Birgt Lachen die Möglichkeit, die Welt auf den Kopf zu stellen, wie es Dovele tut, der als Kind in beängstigenden Situationen auf den Händen zu gehen pflegte?
Ich mag diese Interpretation. Der Fahrer handelt mit seinen Witzen entgegen der Situation, wie wir im Theater sagen. Er will den Geist des Jungen davon ablenken, was ihn bei der Ankunft erwartet. Er ist in solchen Dingen nicht geschult, seine Reaktion ist sehr intuitiv und ursprünglich. Menschlich sogar. Zu Beginn erscheint es grausam, den Jungen nicht mit seiner Trauer in Ruhe zu lassen und Witze zu erzählen. Erst 45 Jahre später, wenn Dovele auf der Bühne von dieser Erfahrung berichtet, versteht er, dass die Intention eigentlich eine noble war: dem Kind noch ein paar Momente des Lachens zu gönnen, ehe sein Leben der Tragik begegnet.

Quelle: Hanser

Woran denken Sie als Erstes beim Begriff Galgenhumor?
Ich werde mit einem Witz antworten. Zwei Männer laufen durch die Wüste. Sie sind hungrig, durstig und verzweifelt. Es gibt kein Zeichen der Rettung. Plötzlich, als sie dem Tod schon nahe sind, sehen sie einen Galgen. Und der eine sagt zum anderen: "Gott sei Dank: Zivilisation." Mein Buch ist voll von solchen Witzen. Denn Dovele handelt im Angesicht seines möglichen Todes. Je mehr Angst er hat, desto schwärzer, tougher und brutaler werden seine Gags. Er denkt, das beschützt ihn. Allerdings gibt es einen Bruch: Dovele verhält sich danach nicht länger wie ein Stand-up-Comedian, sondern erzählt seine private Geschichte. Dabei verändert sich auch sein Humor. Er weiß mit dem Instinkt des Performers, dass er die Zuhörer bei Laune halten, sie provozieren und mit ihnen flirten muss. Und dennoch wandelt sich auf einmal vor allem seine Sprache. Plötzlich ist sie viel subtiler, distinguierter und intimer. Dem Großteil des Publikums schmeckt dieser Bruch nicht. Ihnen gefällt der Tango des Comedians mit den Zuschauern, dieser brutale Kampf. Dafür haben sie bezahlt. Jetzt müssen sie plötzlich Mitgefühl für den Mann auf der Bühne aufbringen. Und so gehen sie einer nach dem anderen. Doch es gibt eine kleine Gruppe, die bleibt. Gott sei Dank.

Dovele macht auch Spaß über den Holocaust, er nennt den KZ-Mediziner Josef Mengele einen "Familiendoktor". Ist es heutzutage in Israel akzeptiert, Witze über die Shoah zu machen?
Es ist immer eine Gratwanderung. Aber eine Ansicht ist weitverbreitet: Wenn es jemanden gibt, der angesichts der Shoah laut lachen darf, dann sind es die Juden. Doveles Mutter ist dem Holocaust entkommen. Für ihn sind diese Witze eine Art, seine Unabhängigkeit zu beanspruchen und sich von diesem Schatten zu lösen. Selbst in den fürchterlichsten Momenten der Menschheitsgeschichte nutzten wir Humor, um uns aus der Situation zu lösen und eine Enklave der Freiheit inmitten der Demütigung zu schaffen. Humor ist die beste Möglichkeit, nicht Opfer zu sein. Selbst wenn die Falle um einen herum zuschnappt – wenn man noch über sich selbst lachen kann, liefert man sich der Willkür der Situation nicht aus.

War dieses Buch auch für Sie der Versuch,  sich aus der Trauerphase um Ihren Sohn zu befreien, der 2006 im Libanonkrieg starb und von dem Ihr Vorgängerwerk "Aus der Zeit fallen" handelt?
Es fällt mir sehr schwer, diese Frage zu beantworten. Ich werde mich nie von diesem Verlust befreien können. Mein Leben und das meiner Frau werden davon beeinflusst bleiben. Doch die menschliche Existenz besteht aus mehr als Trauer. Immer wieder werde ich wie in dem aktuellen Werk andere Aspekte behandeln. Ich hoffe, ich lebe lange genug für diese Aufgabe.

Dovele ist ein trauriger Clown. Sehen Sie Ihre Rolle als Autor ähnlich?
Die einzige Rolle, die ein Autor spielen sollte, ist die, gute Geschichten zu schreiben. Aber er sollte nicht mit der Wirklichkeit kollaborieren, sondern beim Leser diesen kleinen Kitzel der Freude und der Freiheit auslösen, der eingefahrene Perspektiven infrage stellt. Und Zweifel an allem Absoluten befeuert. Das tut auch Dovele. Diese Fähigkeit besitzt in Israel weder die extrem Linke noch die extrem Rechte. Wir sind so paralysiert von gegenseitigen Anschuldigungen und Feindseligkeiten, dass wir nicht über uns selbst lachen können.

In der deutschen Sprache bezeichnet das Wort "Witz" sowohl eine pointierte Geschichte als auch den Scharfsinn eines Menschen. Glauben Sie wie Shakespeare daran, dass der Narr der Weiseste von allen ist?
In Theaterstücken und in Geschichten ist der Narr der Weise, der Dinge ausspricht, die sich niemand sonst zu benennen traut. Allerdings habe ich im wahren Leben viele Narren getroffen, die nichts Kluges zu sagen hatten.

Bitte erzählen Sie noch einen Witz – als Pointe für dieses Interview.
Ich habe doch schon zwei Witze erzählt! Nun gut: Ein Koalabär steht auf einem sehr hohen Baum. Er streckt seine Arme aus und springt in die Luft. Er fällt, und er stürzt, und er weint. Am Boden leckt er seine Wunden, sammelt seine verletzten Knochen zusammen und beginnt erneut, auf den Baum zu klettern. Bis zum obersten Ast. Und wieder streckt er seine Arme aus und springt in die Luft. Und er fällt, und er stürzt, und er weint. Und beginnt erneut mit dem Aufstieg. Auf dem Nachbarbaum sitzen zwei Vögel, und einer sagt zum anderen: "Was meinst du: Ist es nicht an der Zeit, ihm zu sagen, dass er adoptiert worden ist?"

Zur Person

Die Kraft der Sprache vermag Hass und Schmerz zu besiegen. Dies ist der zentrale Gedanke von David Grossmans Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2010). Als Friedensaktivist hat der israelische Schriftsteller immer wieder deutliche Worte für seine Kritik an der Netanjahu-Regierung und sein Plädoyer für eine Aussöhnung mit den Palästinensern gefunden. Der Glaube an die heilende und grenzüberschreitende Macht der Sprache durchwebt auch sein literarisches Werk.

In seinem bekanntesten Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" (2009) begibt sich die Mutter eines Soldaten auf eine Odyssee durch Israel, in der Hoffnung, der Nachricht vom Tod ihres Sohnes an der Front durch anhaltende Bewegung zu entrinnen.

David Grossman nimmt 2010 in der Paulskirche in Frankfurt am Main den Applaus des Publikums entgegen, nachdem er den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. Quelle: Frank Rumpenhorst / dpa

Eine Endloswanderung war auch Andreas Kriegenburgs Uraufführungsinszenierung von Grossmans Erzählung "Aus der Zeit fallen" am Deutschen Theater Berlin im Dezember 2013. Ein Mann verlässt sein Heim, um die Nähe seines toten Sohnes zu suchen. Auf seiner Reise schließen sich ihm Menschen an, die seinen Verlust teilen: eine Hebamme, ein Schuster, ein Herzog und ein greiser Rechenlehrer. Das unablässige Schreiten des Chores auf der Bühne in Kreisen, das während der gesamten Pause fortgeführt wurde, mutete wie eine rituelle Geisterbeschwörung an.

Düster und tieftraurig, aber auch hoffnungsvoll ist diese Erzählung. Denn sie handelt vom Verlieren und Wiederfinden der Sprache: Ein Chronist sammelt die Leidensgeschichten anderer, nachdem er sein Kind nicht vor dem Ertrinken bewahren konnte. Er verwächst mit seinem Schreibtisch, ein "Zentaur", halb Ding, halb Mensch, weil die Erinnerung an den toten Sohn ihn lähmt.

So widerfuhr es auch Grossman selbst. Sein Sohn Uri wurde 2006 in den letzten Tagen des Libanonkrieges im Alter von 20 Jahren von einer Hisbollah-Rakete getötet. Ein untergründiger Schmerz beschwert bis heute die Worte des Vaters.

Ein Autor mit Witz

Bei der Begegnung in Berlin offenbart sich der 62-Jährige als sehr höflicher, ruhiger Mensch. Grossman lebt am Rande von Jerusalem. Seinen Schreibprozess hat er einmal so beschrieben: "Ich laufe stundenlang auf und ab. Immer wieder durchschreite ich den schmalen Korridor, der an meine spartanische Schreibklause grenzt, die ich extra für die Arbeit gemietet habe. Ich brauche diesen Bewegungsraum für Füße und Geist. Wenn ich ein Wort gefunden habe, das exakt zu meinen Gedanken passt, dann setze ich mich kurz auf den Stuhl, der neben dem Schreibtisch der einzige Einrichtungsgegenstand ist. Sobald es notiert ist, springe ich auf. Zurück auf den Korridor."

Sein jüngstes Werk "Kommt ein Pferd in die Bar" handelt wieder von der Übermacht der Erinnerung: Ein Junge, der früh ein Elternteil verlor und von einem Freund verraten wurde, lädt ebenjenen Jahrzehnte später zu einer seiner Shows ein. Als Stand-up-Comedian versucht der Verletzte von damals sich einen Panzer aus Ironie zu schaffen. Im Laufe des Abends, der die Rahmenhandlung bildet, wird deutlich, wie trügerisch dieser Schutz ist. Grossman erweist sich hier erneut im Sinne seines Romantitels als ein Autor mit Witz.

Von Nina May

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