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Panorama 15 junge Turnerinnen jahrelang missbraucht – Trainer verurteilt
Nachrichten Panorama 15 junge Turnerinnen jahrelang missbraucht – Trainer verurteilt
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13:33 17.09.2018
Im Landgericht Erfurt wurde ein Übungsleiter wegen Missbrauchs von 15 Mädchen zu drei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Quelle: dpa
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Erfurt

Ein früherer Trainer in einem Weimarer Sportverein ist wegen jahrelangen sexuellen Missbrauchs junger Turnerinnen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Die Jugendkammer des Landgerichts Erfurt verhängte gegen den 31-Jährigen am Montag eine Haftstrafe von drei Jahren und acht Monaten. Der Mann, der ein Geständnis abgelegt hatte, wurde in 82 Fällen für schuldig befunden, davon in einem Fall auch wegen Nötigung. In neun Fällen waren die Mädchen jünger als 14 Jahre. Angeklagt war der Missbrauch von 15 Turnerinnen. Das Gericht sieht auch eine Mitverantwortung des Vereins dafür, dass die Taten jahrelang unentdeckt blieben.

„Man hat so oft die Augen nicht verschlossen, sondern zugekniffen“, sagte die Vorsitzende Richterin Sabine Rathemacher in der Urteilsbegründung, bei der neben vier als Nebenklägerinnen auftretenden Opfern auch der Vorsitzende des Sportvereins im Gerichtssaal saß. Niemand von den anderen Trainern habe sich gewundert, dass der junge Mann bei den Hilfestellungen für die Mädchen an den Turngeräten engen Körperkontakt suchte, dass er mit ihnen in der Turnhalle übernachtete und mit ihnen in die Sauna ging.

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Turntrainer genoss „gewisse Narrenfreiheit im Verein“

Auch nach Hinweisen einer Mutter an andere Trainer sei nichts passiert – wohl auch, weil der Trainer dem Verein die erwünschten Erfolge geliefert habe, vom Landessportbund ausgezeichnet wurde, bestimmt, freundlich und eloquent aufgetreten sei. Er habe eine „gewisse Narrenfreiheit im Verein“ genossen, so die Richterin. Für manche der Turnerinnen sei die Trainingsgruppe der einzige Freundeskreis gewesen, diese Vertrauensstellung hat der 31-Jährige laut Gericht mit „Manipulation bis zur Perfektion“ ausgenutzt.

Den Fall ins Rollen gebracht hatte eine Turnerin in der Trainingsgruppe, nachdem sie laut Gericht von Kontakten des Trainers zu einem weiteren Opfer erfahren hatte. Sie erstattete Anfang 2016 Strafanzeige. Das zog weitere Anzeigen zu den Vorfällen zwischen 2007 und 2015 nach sich. Seit August hatte die Jugendkammer unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt.

Opfer-Vertreter unzufrieden mit Strafmaß

Vertreter der als Nebenklägerinnen auftretenden Opfer zeigten sich unzufrieden mit dem Strafmaß. Es sei deutlich zu gering, sagte Anwältin Anne Prestrich. Weil das Verfahren sich so lange hinzog, wurde dem Mann noch im Gerichtssaal ein Monat der verkündeten Haftstrafe erlassen. Von der Anzeige bis zum Prozessauftakt vergingen zwei Jahre. Zu seinen Gunsten wirkte sich zudem aus, dass er nicht vorbestraft ist und geständig war. Eine der Betroffenen hat laut Gericht seine Entschuldigung und eine Schmerzensgeldzahlung akzeptiert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der verurteilte Übungsleiter ist vom Verein suspendiert worden. Der Vorsitzende des Sportvereins HSV Weimar, Holger Lindner, sagte nach der Urteilsverkündung, es sei schwierig für einen Verein mit ausschließlich ehrenamtlichen Strukturen, solche Missbrauchsfälle „von außen“ zu erkennen. Er dankte der Turnerin, die Anzeige erstattet hatte. „Sonst wäre es weitergegangen.“

Von RND/dpa