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Panorama Und es war Sommer (III)
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19:56 03.06.2016
Von Uwe Janssen
Treffpunkt für Kulturen und Ausgangspunkt für große Jugenddramen: Der Autoscooter und seine Eckgeländer auf dem Dorfschützenfest. Quelle: Onnola / CC BY-ND 2.0
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Eine Sommerjugend auf dem Land, das war auch immer ein Missverständnis. Warum nur, fragten wir Kinder mit Fernsehempfang und entsprechend tagesaktuellem Informationsstand, warum kommen die Menschen aus den aufregenden, spannenden Städten hierher? Wegen der guten Luft? Die rauchten doch alle, seit sie zwölf waren. Und zwar feinste Hehlerware und nicht getrocknete Kirschblätter in Zeitungspapier wie wir.

Für die jungen Städter gab es neben der einzigen Disko, die in den beginnenden Achtzigern wie üblich "Whisky" oder irgendwas mit a gogo oder vielleicht überraschenderweise mal "Heuboden" hieß, einen Hoffnungsanker im ländlichen Sommer: das örtliche Schützenfest. Es bot den Checkern aus der Stadt die Gelegenheit, eine tagelange, kollektive Enthemmung der örtlichen Bevölkerung zu beobachten. Landeier, ungebremst.

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Stadtbienen und Mauerblumen

Abgesehen von allen Schützenritualen, die auf wundersame Weise uniformierte Disziplin und permanenten Alkoholverzehr wie selbstverständlich verbanden, war der Festplatz die zentrale Bühne. Genauer: der Autoscooter. Am Autoscooter fanden sich irgendwann alle.

Er war die logische Entwicklungsstufe für Aktivpubertierende, deren höchstes Ziel auf dem Fest es jahrelang gewesen war, beim Groschenroulette reich zu werden. Nun also das große Bestäuben zwischen Stadtbienen und Mauerblumen.

Lungern auf Eckgeländern

Grundsätzlich war das Fahren beim Autoscooter nicht so wichtig wie das Herumlungern auf Eckgeländern. Hier wurde angefahren und aneinandergerasselt, hier trafen Kulturen aufeinander. Die Städter waren für uns Landeier einwandfrei auszumachen. Schon nach dem Auschlussverfahren. Wir kannten uns ja alle. Wir wussten, wer aus, sagen wir, Moordorf kommt und wer nicht.

Und dann trugen die anderen auch immer den neuesten Chic. Was im herandämmernden Jahrzehnt der stilsicheren Unfassbarkeit ein großes Wort war. Wenn einer aus Moordorf mit einem Halbarm-Sommerstrickpulli, Bundfaltenhose und Slippern herumgelaufen wäre, hätte er trotzdem ausgesehen wie einer aus Moordorf.

Irgendwann war dieses Sommerstrickding dann tatsächlich auch in Moordorf und umzu angekommen. Wir waren uns alle sicher, dass nur das Eckgeländer am Autoscooter schuld gewesen sein konnte.

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