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Panorama Warum Schweigen gelernt sein will
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09:00 05.01.2019
Schweigen ist Gold – aber nicht unbedingt in jeder Situation. Quelle: Kristina Flour/Unsplash
Hannover

Manchmal kann eine Fahrt im Aufzug schier endlos wirken: Fremde stehen zusammen auf engem Raum, jeder blickt konzentriert in eine Ecke, es herrscht betontes Schweigen. Und wenn die Türen aufgehen, ist jeder froh, wieder frei zu sein. Auch in Wartezimmern beim Arzt wird vornehmlich geschwiegen. Aber es fühlt sich anders an. Da kann man sitzen und in Zeitschriften blättern. Die Ruhe ist durchaus angenehm.

Manchmal schweigt man auch, weil einem partout nichts einfällt, was man sagen könnte. Man will das Schweigen so gern durchbrechen, hat aber eine regelrechte Mattscheibe im Kopf. Oder man schweigt, weil man ein Gelübde abgelegt hat: ein Akt der Besinnung und des Zu-sich-Findens. Schweigen existiert in unterschiedlichen Varianten, ist aber immer eine Form der Kommunikation. Wann aber ist diese Kommunikation wertvoll, wann ist Schweigen tatsächlich Gold?

Schweigen ist mehr als bloßes „Nicht reden“

Schweigen ist Wortlosigkeit, die aber durchaus eine Absicht verfolgt. Das unterscheidet es von bloßer Stille, die entsteht, wenn man einfach seinen Gedanken nachhängt. „Schweigen ist ein erwartetes ‚Nicht reden‘, kein bloßes ‚Nicht reden‘. Wenn man also Rede erwartet und Schweigen zurückschallt, dann bezeichnet das Schweigen. Ruhe oder Stille sind andere Phänomene als Schweigen“, erklärt Vazrik Bazil. Er ist Kommunikationsberater und Leiter für Strategische Kommunikation beim Sächsischen Staatsministerium.

Seines Wissens nach beeinflusse Schweigen insbesondere die Beziehungsebene und weniger die Inhaltsebene. Schließlich liefert Schweigen keine Zahlen und Daten, dafür wirkt es sich enorm auf die gegenseitige Wahrnehmung aus. Mal kann es ausgesprochen höflich sein, wenn wir zurückhaltend nichts sagen.

Schweigen kann klug, passend, mitfühlend, irritierend und sogar unverschämt sein. Es hat gern auch etwas Geheimnisvolles, wenn eine Aussage ersehnt wird, die nicht kommt. Wer sich darauf versteht, im entscheidenden Moment den Mund zu halten, kann dadurch vieles steuern und beeinflussen.

Persönliche Distanzzone

Zusammengepfercht auf engem Raum, etwa in einem Aufzug, dient Schweigen als persönliche Distanzzone. Eine Methode, so Stiltrainer Jan Schaumann, um uns Fremde vom Leib zu halten: „Die Distanz in Aufzügen schaffen wir uns selbst. Da geht es um Selbstschutz. Und die beste Voraussetzung dafür ist, sich unangreifbar zu machen. Möglichst kühl und distanziert sein. Ein bisschen wie eine Schockstarre, bei der die ganze Energie nach innen geleitet wird.“ Weil wir uns der Situation nicht entziehen können, verstummen wir. Und gleichzeitig wirkt das Schweigen beklemmend.

Kommunikationsberater Bazil erklärt, warum: „Wenn wir mit anderen Menschen sprechen, sind wir uns oft physisch nahe. Wenn wir uns aber physisch nahe sind und nicht miteinander sprechen, dann widerstrebt das einer täglichen Gewohnheit.“ Deshalb vermeide man auch, dass sich Blicke treffen. Denn bei Blickkontakt steigt die Erwartung nach Unterhaltung. Ähnlich wie in der Schule, wenn der Lehrer fragt, ob jemand die Antwort weiß, und betretenes Schweigen den Raum erfüllt, die Köpfe der Schüler gesenkt. Wie erleichternd ist es dann, wenn jemand das Schweigen mit einer Antwort bricht.

Ein Ort des Schweigens: das Wartezimmer. Quelle: imago

Es gibt aber auch Situationen, in denen wir das Schweigen als passend und gesellschaftlich gerechtfertigt wahrnehmen: Bei einer Beerdigung wird aus Rücksicht vor den Trauernden weitestgehend nicht gesprochen, in der Kirche generell auch nicht, oft auch nicht in Museen. Es sind Orte der Besinnung oder Konzentration. Uns wurde beigebracht, uns dort zurückzunehmen.

Aber wie verhält es sich auf weniger festgelegtem Terrain wie im Zugabteil, beim Friseur oder im Taxi? Wann sollte ich aus Höflichkeit das Schweigen brechen, wann es einhalten? Alles eine Frage der Kommunikation, meint Stiltrainer Schaumann. Man müsse in öffentlichen Begegnungen kein Gespräch aus Höflichkeit anzetteln. Wenn man schweigen will, aber denkt, aus Höflichkeit reden zu müssen, dann sollte man das ansprechen.

„Gedacht ist nicht gesagt!“, ist Schaumanns Merksatz zur Situation: „Wenn ich mir nur denke: Ich habe überhaupt keine Lust auf reden. Woher soll der andere es dann wissen? Wenn ich meine Bedürfnisse aber höflich kundtue, nach dem Motto ‚Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber ich bin total k.o.’, dann hat der andere wenigstens die Chance zu verstehen. Und ich greife ihn damit nicht an.“

„Je vertrauter mir jemand ist, umso schöner kann Schweigen sein“

Ein festes Regelwerk fürs Schweigen im zwischenmenschlichen Umgang gibt es nicht – schon deshalb, weil Situationen und Menschen so unterschiedlich sind. Ort und Situation beeinflussen, ob wir schweigen, warum wir es tun und wie wir uns dabei fühlen. Ganz stark spielt auch die Beziehung zu den Mitmenschen eine Rolle, die uns umgeben. Schweigen kann für Kommunikationsberater Oliver Kannapin ‚verschließen‘ bedeuten, es kann aber auch ein ‚offenes Zuhören‘ sein: „Je vertrauter mir jemand ist, umso schöner kann Schweigen sein. Obwohl man nichts sagt, spürt man ein Gefühl der Verbundenheit und Nähe.“

Schweigen aber Arbeitskollegen am gemeinsamen Mittagstisch, kann dies ausgesprochen abgrenzend und desinteressiert wirken. Tatsächlich verlangt es Menschenverstand, Fingerspitzengefühl und Emotionalität, um das passende Schweigen an den Tag zu legen. Darin sind sich Stilberater und Kommunikationsexperten einig. Auch der Zeitgeist spielt eine Rolle. Während es bei vielen Großeltern und Urgroßeltern noch als goldene Regel galt, beim Essen nicht zu sprechen, gilt heute das gemeinsame Essen als wertvoller Ort für Unterhaltung und Austausch.

Wichtig beim Schweigen ist, dass keine Missverständnisse entstehen. Wenn man mit Kindern zu tun hat, erklärt man ihnen häufig jeden einzelnen Handlungsschritt, um sie in Kenntnis zu setzen. Unter Erwachsenen bleibt plötzlich vieles unausgesprochen. Man setzt Verständnis voraus, wo häufig keines ist. Dann sorgt Schweigen, so Kommunikationsexperte Vazrik Bazil, ungewollt für Irritation und Disharmonie: „Wichtig ist, dass man immer daran denkt, wie das Schweigen beim Gegenüber ankommt und ob es Missverständnisse hervorruft oder nicht. Wenn man schweigt, sollte man darauf achten, Missverständnisse zu vermeiden.“

Grenzwertig: Schweigen als Ausdruck von Macht

In der Geschäftswelt wird gezieltes Schweigen gern als Ausdruck von Macht eingesetzt. Man signalisiert, dass man Worte nicht nötig hat, und verunsichert damit bewusst den Gesprächspartner. Dies ist eine ethisch grenzwertige Strategie, die im alltäglichen Miteinander definitiv tabu sein sollte.

Umso gewünschter und Ausdruck guten Benehmens ist Schweigen für Stilberater Jan Schaumann dann, „wenn man von etwas keine Ahnung hat. Dann muss ich nicht zwingend meinen Senf dazugeben.“ Ohnehin sei es eine Tugend, sich nicht ständig in den Vordergrund zu spielen, sich auch mal zurücknehmen zu können und sich durch achtsames Stillsein und Zuhören hervorzutun. Dann ist Schweigen wahrlich Gold.

In einem Punkt bekommt das gesprochene Wort immer den Vorzug gegenüber dem Schweigen: bei Komplimenten. Denn während wir selten schweigen, um Kritik zu äußern oder unsere schlechte Laune zu kommunizieren, haben Komplimente tatsächlich Seltenheitswert. In Coachings gibt der Stiltrainer seinen Kursteilnehmern seit 15 Jahren mit auf den Weg, dass sie bei positiven Rückmeldungen keinesfalls schweigen sollen: „Nicht nur denken, dass jemand etwas Gutes gemacht hat, sondern es wirklich aussprechen!“

Von Andrea Mayer-Halm

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