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Panorama Warum #aufschrei zu wenig bewirkt hat
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20:02 30.09.2016
Gibt es Sexismus in der Politik? Selbstverständlich, heute ebenso wie vor der #aufschrei-Debatte. Und es wird ihn geben, solange es Sexismus in der Gesellschaft gibt. Wir sollten mehr miteinander darüber reden. Quelle: Unsplash/Rodion Kutsaev
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April 2013, wenige Wochen nach der #aufschrei-Debatte war ich bei einer Journalismus-Veranstaltung in der Nähe von Stuttgart. Ich erzählte auf der Bühne etwas über eine Sozialreportage, die ich geschrieben hatte. Um mein Porträt über Rainer Brüderle, das kurz zuvor eine Debatte über Sexismus mitausgelöst hatte, ging es nicht. Danach ging ich zurück an meinen Platz. Ein älterer Herr in der Reihe hinter mir tippte mir an die Schulter. Ich drehte mich um. "Jetzt, wo ich Sie sehe", sagte er zu mir, "muss ich ganz ehrlich sagen: Man kann es Herrn Brüderle nicht verdenken."

Er lachte mich erwartungsfroh an. Als rechnete er damit, dass ich mitlache und seinen Gag honoriere. Ich nehme an, er wollte ein Kompliment machen und dachte schlicht, das mache er gerade sehr originell. Es war einer jener Momente, in denen einem fünf Minuten später ein super Spruch einfällt, den man als Replik hätte ins Gesicht schleudern können. Aber in der Sekunde konnte ich ihn nur fassungslos ansehen. Ich dachte: Dieser Mann hat nichts verstanden. Trotz unzähliger Talkshowrunden zum Thema Sexismus, trotz der Zehntausenden Erlebnisse, die Frauen auf Twitter geteilt hatten. Der #aufschrei war vorbei. Und alles war wie immer.

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Jetzt, dreieinhalb Jahre später, erleben wir eine Debatte wie ein Déjà-vu. Die Berliner CDU-Kommunalpolitikerin Jenna Behrends wirft ihrer Partei Sexismus vor. Sie berichtet, ein Senator habe sie "süße Maus" genannt. Und er habe einen Parteifreund über sie gefragt: "Fickst du die?" Besagter Senator, sagt sie, sei Frank Henkel, noch amtierender Berliner CDU-Chef und Innensenator. Und der dementiert die Vorfälle nicht.

Sexismus ist allgegenwärtig

Ich kenne Jenna Behrends nicht. Ich weiß nicht, was sie genau erlebt hat. Aufgrund meiner eigenen Erfahrung nehme ich an, dass sie gerade nicht die leichtesten Tage ihres Lebens durchlebt. Einige aus der Union versuchen, sie zu diskreditieren. Überrascht es mich, dass so etwas dreieinhalb Jahre nach #aufschrei passiert? Überhaupt nicht. 2013 war es dringend notwendig, dass wir über Sexismus reden. Beseitigt hat die Debatte den Sexismus nicht.

Rund ein Jahr danach stand ich neben einer jungen Bundestagsabgeordneten, als sie ein Parteifreund fragte, ob sie jemanden habe, der sie im Bett warm halte. Politikerinnen erzählten mir, wie sie sich dafür rechtfertigen müssen, dass sie nach dem Mutterschutz wieder arbeiten.

Ein männlicher Spitzenpolitiker wie Justizminister Heiko Maas sagte hingegen, er werde ständig gefragt, wie er sein Hobby Triathlon und die Politik unter einen Hut bringe – wie er das Amt mit seinen zwei Söhnen vereinbare, interessiere aber niemanden. Frauen in politischen Spitzenpositionen berichteten, wie würden belächelt, wenn sie sich in Funktionärsrunden zu Wort melden. Gibt es Sexismus in der Politik? Selbstverständlich. Und es wird ihn geben, solange es Sexismus in der Gesellschaft gibt.

Verteidigung eines antiquierten Weltbildes

Ein Jahr nach #aufschrei ergab eine Studie, dass jeder Vierte im Zuge der Debatte über sein Verhalten nachgedacht hat. Das ist eine Menge. Es zeigt aber auch: Drei von vier haben das nicht getan. Interessanterweise haben vor allem die 18- bis 24-Jährigen ihr Verhalten reflektiert. Aber nur 17 Prozent der Älteren über 55 wollten ihr Geschlechterbild überdenken.

Zur Erinnerung: Rainer Brüderle war damals 66 Jahre alt. Frank Henkel ist 52. Gerade jene, deren Verhalten zum anderen Geschlecht vor Jahrzehnten geprägt wurde, waren am wenigsten bereit, sich zu fragen, ob ein kleines Update nötig wäre. Die Debatte vor drei Jahren hatte nicht den Effekt, den sie hätte haben können. Jene, deren Weltbild infrage gestellt wurde, teilten aus, anstatt einfach mal zuzuhören. Rainer Brüderle selbst sah sich gar als Opfer einer lange geplanten Medienkampagne.

Im Jahr 2013 debattierten wir ernsthaft noch über die Frage: Gibt es Sexismus oder nicht? Die Polarisierung war enorm. Das zeigte sich auch an den Rollen, die Rainer Brüderle und mir zugeschrieben wurden. Wir wurden zu Projektionsflächen, die je nach Haltung jener, die über uns urteilten, ausgefüllt werden konnten. Wir waren: das joviale Mannsbild und die hysterische Feministin; der Sexist und die mutige Kämpferin; der unschuldige Politiker und die profilierungsgeile Journalistin; der Belästiger und sein hilfloses Opfer.

Aus Fehlern der Vergangenheit lernen

Die starke Polarisierung verhinderte, dass sich Menschen mit unterschiedlichen Positionen einfach mal zuhörten. Je nachdem, auf welcher Seite man stand oder gestellt wurde, befand man sich entweder in Angriffs- oder Verteidigungshaltung. Und eben das machte Gespräche so schwierig. Darüber, wie unterschiedlich sich dasselbe Ereignis für zwei Beteiligte anfühlen kann. Darüber, wie es sein kann, dass ein als Witz gemeinter Spruch für das Gegenüber verletzend ist. Darüber, warum manche Sexismus nicht wahrnehmen, während andere sich damit konfrontiert fühlen. Die Debatte basierte auf Gefühlen.

Frank Henkel hat offenbar nicht aus der Debatte gelernt. Er macht denselben Fehler wie damals Rainer Brüderle. Auch er kann die Vorfälle offenbar nicht abstreiten. Er könnte einfach sagen: "Es tut mir leid, wenn ich Grenzen der Professionalität überschritten habe." Stattdessen sagt er, "er sei sehr verwundert und auch ein bisschen enttäuscht" über den Brief von Jenna Behrends. Er keift zurück, anstatt über sein Verhaltens öffentlich zu reflektieren.

Seine Partei, die CDU, zeigt, dass sie durchaus aus Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Anders als damals die FDP bestreitet in der Union heute niemand, dass es in der Politik Sexismus gibt. Generalsekretär Peter Tauber ist bemerkenswert offen: "Geschichten wie diese bekomme ich immer wieder geschildert", sagt er.

Eine neue Ernsthaftigkeit

Und die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union, Nadine Schön, sagt: "Jeder, der eine solche Bemerkung macht, sollte sich fragen, ob es für ihn okay wäre, wenn jemand so etwas zu einem selbst, der Tochter oder der Frau sagen würde." Die Reaktionen zeigen: Wir führen heute die Debatte mit einer neuen Ernsthaftigkeit und Sensibilität. Es gibt eine stärkere Bereitschaft, einander zuzuhören, anstatt sich nur anzuschreien.

Ich habe nie bereut, dass ich mit Rainer Brüderle kein langes Gespräch über seine Sprüche geführt habe, bevor ich sie aufgeschrieben habe. Ich habe ihn damals darauf hingewiesen, dass ich mich professionell mit ihm unterhalten will. Meine Aufgabe als Journalistin war es, ihn zu beobachten und zu beschreiben, nicht ihn zu missionieren.

Aber ich bereue es, dass ich damals nicht zu dem älteren Mann auf der Journalisten-Veranstaltung gegangen bin. Ich hätte sagen sollen: "Ich fand Rainer Brüderles Spruch nicht witzig. Ich finde Ihren nicht witzig. Ich bin hier als Journalistin, nicht um mein Aussehen mit Ihnen zu diskutieren. Ich bitte Sie, das zu respektieren." Vielleicht wäre daraus ein interessantes Gespräch entstanden.

Miteinander statt übereinander reden

Als öffentlich wurde, dass ich Chefredakteurin von "Vice.com" werde, bekam ich einen dreiseitigen anonymen Brief. Ein Mensch hatte sich offensichtlich mehrere Stunden hingesetzt, meinen Lebenslauf studiert, Bilder von mir rausgesucht und ein Dokument mittels Photoshop und WordArt erstellt. Er behauptete, er habe herausgefunden, ich sei "hassgetrieben", "hinterlistig" und "sexsüchtig". Ich hätte mit meinem früheren Chef beim "Stern" geschlafen, um Karriere zu machen. Er plane, die Wahrheit über mich der ganzen Welt mitzuteilen.

Lieber Briefeschreiber, ich will es besser machen als damals in Stuttgart. Lassen Sie uns doch miteinander reden, statt übereinander. Das hier ist die Nummer meines Büros: 030/7001255. Die Kollegen vom Empfang stellen Sie gerne durch.

Zur Person

Brachte vor drei Jahren die #aufschrei-Debatte ins Rollen: Laura Himmelreich. Quelle: Vice Media

Laura Himmelreich (33) leitet seit Juni die Onlineredaktion von "Vice.com" in Deutschland. Zuvor war die ehemalige Absolventin der Henri-Nannen-Schule Reporterin beim "Stern". Der hier veröffentlichte Text erschien zuerst auf "Vice.com".

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