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Panorama Was trieb sie an? Die Mutter, die ihre Kinder zwang, krank zu spielen
Nachrichten Panorama Was trieb sie an? Die Mutter, die ihre Kinder zwang, krank zu spielen
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17:32 21.08.2019
Die Mutter, die sich ihre Kinder in den Rollstuhl gezwungen haben soll, lebt mit ihrer Familie in Lensahn. Die dortige Schule wurde eigens für die angeblich Erkrankten umgebaut. Quelle: Sebastian Rosenkötter
Lübeck

Was bringt eine Mutter dazu, ihre Kinder künstlich krank zu machen? Oder sie für krank zu erklären, obwohl sie kerngesund sind? Darüber wird kopfschüttelnd diskutiert, seitdem der Prozess gegen eine 49-jährige Mutter von fünf Kindern aus Lensahn im Kreis Ostholstein begonnen hat. Ebenso wie über die Frage, warum diese Kinder jetzt wieder bei der Mutter leben.

Die Frau muss sich derzeit vor dem Landgericht Lübeck wegen Körperverletzung, Misshandlung Schutzbefohlener und Betrugs verantworten. Die Opfer: vier ihrer fünf Kinder. Glaubt man der Mutter, leiden sie an furchtbaren Krankheiten: der Bluterkrankheit, der Glasknochenkrankheit, Rheuma, Asthma, Allergien. Belegt wurden die Erkrankungen durch angebliche Atteste und Gutachten, von denen zumindest einige, wenn nicht alle, gefälscht gewesen sein sollen.

Kinder in den Rollstuhl gezwungen

Die Frau zwingt laut Anklage ab 2012 erst drei Söhne und dann eine Tochter, täglich im Rollstuhl zu sitzen. Mehr als 50 bis 80 Schritte am Tag sind nicht erlaubt. Unter diesen Vorzeichen gehen die Kinder, von Schulbegleitern assistiert, zur Schule. Kein Toben auf dem Schulhof, kein Sportunterricht. Den Kindern wird eingebläut, dass sie querschnittgelähmt werden könnten, sollten sie sich nicht an diese Vorgaben halten. So legt es die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage dar.

Die Mutter betreut ihre angeblich schwerkranken Kinder, sie hat noch ein schwerstbehindertes Pflegekind, sie teilt Medikamente zu, sucht mit ihren Söhnen und Töchtern Ärzte und Kliniken auf und bleibt dabei immer fröhlich. So jedenfalls tritt sie gar in diversen TV-Shows auf – als Supermutter, die ihr schweres Schicksal ohne zu murren meistert.

Das Münchhausen-Stellvertretersyndrom

Die Ursache für das Verhalten der Frau im Lübecker Prozess ist nicht bekannt. Die Symptome gleichen einer Krankheit, die als Münchhausen-Stellvertretersyndrom bezeichnet wird. Sie ist benannt nach Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen, dem als „Lügenbaron“ bekannt gewordenen Adeligen. Es handelt sich um das krankhafte Erfinden, Übersteigern oder tatsächliche Verursachen von Krankheiten oder deren Symptomen bei Dritten, zumeist Kindern – eine subtile Form der Kindesmisshandlung, bei der zu mehr als 95 Prozent Frauen die Täterinnen sind, sind meistens die leiblichen Mütter. Die Ursache ist nicht geklärt. Manche Forscher vermuten als Motiv die durch eine herbeigeführte Erkrankung des Kindes erzielte Aufmerksamkeit für die Täterin durch Partner, Ärzte und Klinikpersonal, soziales Umfeld und Medien.

Merkwürdige Atteste und Gutachten

Jahrelang fällt niemandem etwas auf. Bis das Gesundheitsamt des Kreises Ostholstein über einen Antrag auf eine finanzielle Beihilfe entscheiden muss und die Mediziner dort das dafür eingereichte Attest merkwürdig finden. Sie lassen es überprüfen, es stellt sich als gefälscht heraus. Der Kreis erstattet Strafanzeige. Etwa zu dieser Zeit melden sich Nachbarn beim Jugendamt, denen es komisch vorkommt, dass die Kinder morgens im Rollstuhl sitzen und nachmittags durch die Siedlung laufen. Dann klettert eine der Töchter, damals 16 Jahre alt, aus dem Fenster ihres Kinderzimmers und vertraut sich dem Jugendamt an.

Zwei Abteilungsleiterinnen der Staatsanwaltschaft machen sich daran, das Geflecht aus mutmaßlichen Lügen und Fälschungen zu entwirren. Das Jugendamt nimmt die Kinder aus der Familie. Die wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, und das ist wörtlich zu verstehen. Immer wieder laufen sie von Pflegefamilien und aus Heimen weg. „Die waren wie ferngesteuert von der Mutter“, sagt ein Beobachter. Eine Weile versteckt sie die wieder einmal weggelaufenen Kinder vor den Behörden.

Jugendamt scheitert vor Gericht

Die Frau reizt alle juristischen Möglichkeiten aus, um ihre Kinder wiederzubekommen – und hat Erfolg damit. Ein Gerichtsurteil zwingt das Jugendamt, ihr die drei Jungen zurückzugeben. Die Tochter, die aus dem Fenster geklettert war, ist inzwischen 19 Jahre alt und lebt nicht mehr Zuhause. Vor Gericht verweigert sie die Aussage, anders als ihre 27-jährige Schwester.

Die berichtet als Zeugin: „Meine Brüder saßen immer im Rollstuhl, wenn Gutachter oder Leute zu Besuch da waren. Dann sollten sie besonders krank tun und nicht viele Sachen machen.“ Sie hätten sogar übertreiben sollen, um den Behindertenstatus nicht zu verlieren. In diesem Falle werde die Familie, warnte die Mutter demnach, nicht so viel Geld haben und könne nicht so schöne Sachen kaufen. Die Gutachter des MDK-Nord, des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung, werden im Verlauf des Prozesses noch als Zeugen gehört.

Die Angeklagte schweigt

Von der Angeklagten selbst hört das Gerichts nichts. Sie schweigt. Nicht einmal Angaben zu ihrer Person will sie machen. Die gelernte Erzieherin schreibt alles mit, was gesagt wird, hört aufmerksam zu, aber äußert sich nicht.

Ein bisschen davon, wie sie denkt und handelt, verraten die verfahrenstechnischen Fragen. Drei Tage vor Prozessbeginn legt sie ein Attest ihres Hausarztes vor, wonach sie nicht verhandlungsfähig sei. Der gerichtsärztliche Dienst stellte das Gegenteil fest. Zwei Tage vor Prozessbeginn ruft sie noch schnell das Bundesverfassungsgericht mit einem Eilantrag und den Europäischen Gerichtshof an, weil der von ihr bevorzugte Rechtsanwalt aus Nordrhein-Westfalen ihr vom Gericht nicht als Pflichtverteidiger beigeordnet wird. Zudem gibt es einen Befangenheitsantrag gegen die Vorsitzende Richterin wegen der unerwünschten Pflichtverteidigung durch einen Anwalt aus Lübeck.

Ist die Familie untergetaucht?

Nach all diesem juristischen Fingerhakeln sollen die Söhne aussagen. Sie sind nicht da. Die Polizei wird losgeschickt. Sie triff niemanden an. Ein Name stehe nicht mehr am Klingelschild. Am Tag darauf müssen einige Behörden zugeben, dass sie nicht wissen, wo sich die Familie derzeit aufhält.

Was sie wissen: Es gibt wieder Fehlzeiten in der Schule. In der schlimmsten Zeit waren es bis zu 100 Tage pro Halbjahr, stets wegen Krankheiten oder Arztbesuchen. Das ist seit einigen Monaten wieder so. Auch Arztbesuche soll es wieder geben.

Urteil nicht vor Oktober

Der Prozess gegen die Mutter wird am Donnerstag fortgesetzt. Insgesamt sind zehn Verhandlungstage anberaumt und 43 Zeugen sowie sechs Sachverständige geladen. Die Angeklagte muss mit einer Haftstrafe rechnen, Juristen vermuten, die könne so hoch ausfallen, dass sie nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Der Strafrahmen allein für die Misshandlung Schutzbefohlener liegt zwischen einem und zehn Jahren, falls „eine erheblichen Schädigung der körperlichen oder seelischen Entwicklung“ vorliegt. Ein Urteil wird nicht vor Oktober erwartet.

Von Susanne Peyronnet

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