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Panorama Werfen Sie Ihr Smartphone weg!
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20:01 10.06.2016
Werfen Sie Ihr Smartphone weg / Symbolbild
Das Smartphone ist in seiner Allgegenwärtigkeit die greifbare Ausprägung einer gefährlichen Entwicklung, meint der Soziologe Harald Welzer: Dem Machthunger großer Digitalkonzerne – und der Abschaffung der Demokratie. Quelle: Fotolia
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Noch nie in der Geschichte hat es eine so rasante Veränderung in unserem Sozialleben gegeben wie in den vergangenen zehn Jahren. Hätte man sich vorstellen können, dass Menschen massenhaft in demütig gebückter Haltung, ihrer Umwelt ganz und gar entrückt, durch die Gegend laufen und auf einen kleinen Bildschirm starren?

Hätte man erwartet, dass Warten im öffentlichen Raum, am Bahnsteig, im Wartezimmer, an der Ampel nur mehr genutzt wird, die neuesten Nachrichten abzurufen oder welche zu versenden – und sei es auch nur die, dass man grad an einer Ampel steht und auf Grün wartet? Hätte man je für möglich gehalten, dass Leute auf Konzerte gehen, nur um es mit dem Smartphone aufzunehmen und sich zugleich mit dem gleichermaßen desinteressierten Nachbarn zu unterhalten?

Dass man seltene Tiere, Sehenswürdigkeiten, Bilder, Gebirge nur noch durch den Bildschirmfilter betrachtet, auf Aufnahme klickt und dann zum nächsten Spot weiterhastet oder ohne Unterlass Selfies macht: ich vor dem Kölner Dom, ich vor Rembrandt, ich vor dem Bus, kurz bevor ich überfahren werde. Peng.

Aus Vielfalt wird Einfalt

Ja, das Smartphone hat ganz neue Unfall- und Todesarten in die Welt gebracht und passend dazu auch ganz neue Arten zu trauern und betrübt zu sein: Da ist irgendein verstorbener Star noch nicht kalt und hat schon Hunderttausende von Trauerbekundungen auf Facebook.

Das alles wäre nicht so schlimm, bliebe es nur bei dem psychologisch bedauerlichen Befund, dass die Menschen sich immer weiter in Redundanzmaschinen verwandeln, die mit immer denselben Informationen gefüttert werden, immer dieselben Angebote bekommen und nur noch "Freunde" haben, die auf den gleichen Kram stehen wie sie selbst.

Das bedeutet ja nur, dass aus Vielfalt Einfalt wird, und die kann ja bekanntlich glücklich machen. Aber das Ganze dient ausschließlich dazu, dass die Menschen, die nur noch im Spiegelkabinett ihres Selbst existieren, noch mehr konsumieren: Produkte, Dienstleistungen, Informationen. Und mit jedem Bestellklick, mit jeder Bewertung, mit jedem Posten ihres letzten Schnäppchens weiter Informationen dafür liefern, dass ihnen noch mehr angedreht werden kann.

Alles, immer, überall

Aber schlimmer ist noch, dass der digitalen Wunderwelt mit ihrer Steigerung der Produktmengen, der Verkürzung der Produktzyklen und der unmittelbaren Lieferung gleich nach oder schon vor dem Aufleuchten des Bedürfnisses eine ökologisch zerstörerische Kraft innewohnt, die immer größere Mengen von Ressourcen und Energie braucht.

Amazon und all die anderen, die die "Endkundenerwartungshaltung" beständig in einem Stadium der Nichtbefriedigung halten, stehen für diese Zerstörungsdynamik. Nicht umsonst gilt im totalen Konsum wie in der totalen Überwachung dasselbe Motto: Alles, immer, überall.

Und wo wir gerade bei der Überwachung sind: Diktaturen, wie wir sie kannten, arbeiteten mit der Zerstörung von Privatheit durch Überwachung, Denunziation und Aushorchung. Und sie erzeugten mit der permanenten Androhung von Gewalt ein Klima der Furcht. Unter solchen Bedingungen ist Unterdrückung fühlbar.

Wer die Daten hat, hat die Kontrolle

Die Digitalisierung schafft dagegen ein viel unauffälligeres und zugleich wirksameres Machtmittel: Jaron Lanier, der große Kritiker des Netzes, spricht vom Rückkanal und bezeichnet damit die Summe aller Reaktionen auf die Angebote, Informationen und Mitteilungen, die von den Ausgeforschten selbst abgegeben werden. Wer den Rückkanal kennt, kann kontrollieren, was die Beherrschten selbst zu sein glauben und sein wollen. Dies ist eine herrschaftstechnische Innovation. Das kannten wir noch nicht.

Durch solche Transparenz wird auch die aktive Gestaltung der Gesellschaft durch das politische Gemeinwesen eingeschränkt und der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Vermutlich werden wir im amerikanischen Wahlkampf um die Präsidentschaft die ersten Versuche sehen, per Informationssteuerung in den sogenannten sozialen Medien die Meinungsbildung zu beeinflussen.

Demokratie? Zu ineffizient.

Das passt zur libertären Ideologie, die das Silicon Valley beherrscht: Die scheinbar komplizierten und daher "ineffizienten" Verfahren der demokratischen Abstimmungs- und Entscheidungsfindungsprozesse sollen durch Bewertungen im Netz abgelöst werden. Politik wird grundsätzlich als Störung der marktlichen Ordnung der Welt betrachtet; sie gehört daher eliminiert. Politikerinnen und Politiker sollen ebenso wie Polizei, Justiz, Bildungs- und Gesundheitswesen nach ihrer Fähigkeit, zu liefern, bewertet werden.

Wo alles dem binären Urteil gut/schlecht unterworfen wird, von der universitären Vorlesung über die "Leistungen" einer Politikerin und den Komfort einer Urlaubsreise bis hin zu den Qualitäten eines potenziellen Beziehungspartners, gehen alle qualitativen Unterschiede und Bruchlinien, also die Zonen der eigenen Erfahrung, verloren. Zugleich wird unwichtig, wer das jeweilige Urteil spricht und was ihn oder sie dazu qualifiziert. Urteilsfähigkeit wird nebensächlich, zentral ist allein das Urteil. Jeder Klick, jeder Kommentar ist gleich viel wert.

Auf dem Weg zur totalen Transparenz

Schließlich: Durch die Transparenz genannte neue Herrschaftstechnik verschwindet die Privatheit. Die aber ist das Einzige, was dem Totalitarismus widersteht, und daher die Voraussetzung für Demokratie und ihre Bewahrung. Totalitär ist die vollkommene, porenlose Transparenz, daher kam es allen totalitären Gesellschaften, die die Geschichte kennt, vor allem anderen darauf an, die Individuen und ihre sozialen Umfelder zu durchdringen.

"Das Selbst", hat der Philosoph Günther Anders dazu geschrieben, "ist das erste besetzte Gebiet." Wollen Sie wirklich, für ein bisschen mehr Bequemlichkeit und noch viel mehr Konsum, in einer völlig geheimnislosen Welt leben? In einer Welt, in der Sie am Ende als Individuum keinerlei Schutz mehr genießen, weil alles über Sie gewusst wird? Schon heute weiß Ihr Smartphone mehr über Ihr Leben als Sie selbst. Werfen Sie es weg, solange noch Zeit dazu ist.

Zur Person

Der Soziologe Harald Welzer ist Direktor der Stiftung Zukunftsfähigkeit Futurzwei. Seine aktuelle Publikation heißt "Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit". S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro.

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