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Panorama Widersteht der Macht der Bilder
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20:01 19.08.2016
Terroristen setzen auf die Kraft des Visuellen, um uns zu Geiseln unserer Verunsicherung zu machen. Mehr denn je zeigt sich: Wir brauchen wieder mehr Bilderskepsis. Quelle: dpa
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"Wir sind im Krieg", hat der französische Premier Manuel Valls nach den Morden in Brüssel gesagt. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 hat sich eine Art von Zerstörungswut in die Mitte des Westens festgesetzt, die das Wort "Krieg" in unseren Alltag einbrechen lässt. Ob der Begriff überhaupt passt, sei dahingestellt. Eine furchterregende Möglichkeit hat sich in unser aller Einbildungskraft eingenistet. Der dunkelhaarige Mann mit Rucksack, der auf sein Handy starrt: Hat er Schlimmes im Sinn?

Dieser Krieg kommt nicht durch Feinde von außen, die sich in unsere Welt eingeschlichen haben, auch wenn sich unter Flüchtlinge vereinzelt radikalisierte Kämpfer gemischt haben. Trauma, Verlust und Gewalterfahrung machen Seelen stumpf und empfänglich fürs Töten. Die meisten, die in den Kampf gegen die westliche Lebensform ziehen, sind unsere eigenen Kinder, aufgewachsen in westlichen Großstädten.

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Junge Muslime, deren Eltern sich erschrocken die Augen reiben ob der Spontanreligiösität ihrer Kinder, packt ein Vernichtungswille, der bislang kaum verstanden ist. Auch Konvertiten, die Kevin oder George heißen und aus Familien kommen, die mit Religion gar nichts zu tun hatten, beginnen zu hassen und zu morden – im Namen eines Gottes, für den sie sich nachweislich lange gar nicht interessierten, mit Berufung auf eine Religion, die sie buchstabieren wie Analphabeten.

Schlichte Antworten statt Motivsuche

Allmählich werden auch nachdenklichere Debatten über die Ursachen dieser Konversion ins Zerstörerische geführt. Lange schien es so, als gäbe es nur zwei schlichte Antworten, um der Kriegserklärung auf den Grund zu gehen: Die einen zeigen mit dem Finger auf "den Islam". Sie wollen es immer schon gewusst haben: Diese Religion verträgt sich nicht mit der westlichen Freiheit. Muslime sind qua Religionszugehörigkeit fremd und unintegrierbar, der Terror nur äußerster Ausdruck bleibender Fremdheit.

Die anderen, von muslimischen Verbänden bis zu prominenten Linksintellektuellen, parierten: Mit Religion hat dieser Terror gar nichts zu tun. Soziale Benachteiligung und das Gefühl der Minderwertigkeit seien die eigentlichen Motive der Terroristen, die religiöse Symbolsprache sei nur ausgeborgt.

Langsam erst gehen Wissenschaftler, Therapeuten, Pädagogen, Terrorismusexperten und Gewaltforscher gemeinsam auf Motivsuche. Sind Salafistenprediger und die Rekrutierungsgestalten für den Dschihad im Internet deshalb so erfolgreich, weil die Jugendlichen nicht zu viel, sondern zu wenig über ihre Religion wissen, die eigene religiöse Urteilskraft nie ausgebildet und das kritische Befragen von Vorbildern und Heldengestalten nie gelernt haben? So viel ist klar: Vielen dieser jungen Muslime fehlt die Erfahrung der Selbstwirksamkeit.

Gefangen vor den Bildschirmen

Das Gefühl, unerheblich zu sein, steigert sich bis zur äußersten Sinnlosigkeit. Ein Selbstmordanschlag verspricht höheren Sinn und hohe Aufmerksamkeit. Eine Frage wird jedoch selten gestellt: Warum sind wir so leichte Opfer des Terrors, auch des inneren Terrors in den Köpfen? Ist es wirklich nur eine Frage der inneren Sicherheit, gut ausgerüsteter Geheimdienste und einer Integrationspolitik, die ihren Namen verdient?

Die jungen Terroristen sind in der westlichen Medienwelt aufgewachsen, zwischen Frühstücksfernsehen, sozialen Netzen und Selfiekultur. Sie haben deshalb intuitiv verstanden, welche Macht noch größer ist als die der Kalaschnikovs und Sprengstoffgürtel: Ihre wichtigste Waffe sind die Bilder. Ihren Terror können wir live verfolgen. Wer schafft es schon, das Smartphone auszuschalten? Während Hunderte Menschen in einem Musikclub um ihr Leben bangen und viele es verlieren werden, sitzen vor den Bildschirmen der westlichen Welt Millionen Menschen und sehen zu.

Der schaurige Schrecken, der im Zugucken entsteht, das Gefühl, davongekommen zu sein, Neugier und der eigene Ekel davor gehen eine schlimme Mischung ein. In München konnten die Zuschauer stundenlang bei der Jagd nach den vermeintlichen drei Attentätern dabei sein. Im Netz gibt es die wackeligen Handybilder der Überlebenden, Selfies von der gelungenen Flucht, Bilder aus dem Versteck, im Schock wie zur Vergewisserung gemacht und online gestellt, als reiche die Wirklichkeit nicht aus, um das Unbegreifliche zu begreifen.

Vervielfältigung des Schreckens im Bild

In den freien und offenen Gesellschaften hat sich ein magisches Verständnis der Bilder breitgemacht. Bilder sind fast allmächtig. Sie erzeugen unmittelbare Evidenz, binden in einem Augenblick viele, auch widersprüchliche Emotionen, sie bedürfen scheinbar keiner Erklärung und vermitteln eine Wirklichkeit, auch wenn sich mit ihnen gar nichts erklärt. Der Bannstrahl der Terroristen kommt durch die Bilder, die sie schaffen.

Die Ästhetik der Killerspiele verbindet sich mit einer teuflisch-kindlichen Sehnsucht nach Sinn, der nicht mehr durch Leistung, sondern nur noch durch Zerstörung zu gewinnen zu sein scheint. Das Morden ist schon schrecklich genug, doch durch die millionenfache Vervielfältigung des Schreckens im Bild schafft es der Terror in die Einbildungskraft aller, die diese Bilder nicht mehr loswerden.

Vermutlich kann jeder Erwachsene, der die Augen schließt, die Flugzeuge in Zeitlupe sehen, wie sie in die Zwillingstürme in New York fliegen. Eine Ikone der Zerstörung und des tausendfachen Mordes, abrufbar zu jeder Zeit an jedem Ort. Die Bilder haben sich verselbstständigt. Sie haben keinen Ort mehr, sie passen überall. Hier entsteht die Angst, hier entsteht das "Was wäre wenn?" beim Betreten eines Cafés, einer U-Bahn oder einer Abflughalle. Die Terroristen haben schon früh gelernt, dass die Sprache der Gewalt am deutlichsten als Sprache der Bilder zu verstehen ist.

Verwechslung von Bild und Wirklichkeit

Es braucht endlich eine neue Aufklärung über die Macht der Bilder, denen wir uns freiwillig unterwerfen. Die gute alte Bilderskepsis des Abendlandes, die auch im Christentum, nicht nur, aber besonders ausgeprägt in den Theologien der Reformation wurzelt, liefert gute Anknüpfungspunkte.

Lange wurde diese Bilderskepsis als Sinnen- und Kunstfeindschaft verstanden. Die tiefer liegenden Argumente sind andere: Die Gefahr der Verwechselung von Bild und Wirklichkeit, die Macht, die durch scheinbare Evidenz kommt, die Sorge, dass Bilder besonders vertrackte Machtmittel über den Menschen sind. Es bleibt vorerst nur ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn wir dem Terror seine mediale Aufmerksamkeit verweigerten? Was wäre, wenn wir auf den Horror des Zusehens verzichteten, wenn wir die Bildschirme dunkel ließen oder der Opfer so gedächten, dass die Mörder endlich nicht mehr im Mittelpunkt stünden?

Möglich, dass unsere Abhängigkeit von Bildern schon zu groß ist. Möglich, das ihr Bann über uns nicht mehr durch so eine altmodische Verweigerungsgeste zu brechen ist. Doch sich der Macht dieser Bilder weiter zu unterwerfen, als gäbe es keine Alternative, wäre ein fatales Eingeständnis, dass es mit der Aufklärung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit so weit her nicht ist.

Zur Person

Die evangelische Theologin Petra Bahr leitet die Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Zuvor war sie Kulturbeauftragte der EKD. 2017 tritt sie die Position der Landessuperintendentin des Sprengels Hannover an.

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