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Panorama Ein Volk von Auto-Piloten
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20:03 04.09.2015
Von Dirk Schmaler
Quelle: iStock

Es passiert jeden Tag, statistisch gesehen weltweit 3800-mal. Menschen sterben im Straßenverkehr. Sie fahren vor Bäume, rasen in den Gegenverkehr, werden von Autos beim Überqueren der Straße übersehen. Autofahrer fahren zu schnell, sie sind übermüdet, betrunken, abgelenkt durch Handys oder Mitfahrer, andere schenken dem Wetter abends auf schlecht beleuchteten Landstraßen zu wenig Beachtung. Rechtsabbieger sparen sich den Schulterblick, Radfahrer die Beleuchtung.

Allein in Deutschland sind im vergangenen Jahr 3368 Menschen im Straßenverkehr gestorben, etwas mehr als im Jahr davor. Weltweit waren es 1,4 Millionen Menschen – die Hälfte davon war als Fußgänger, Rad- oder Motorradfahrer unterwegs. Es sterben mehr Menschen durch den Verkehr als durch Seuchen, Kriege oder weltweiten Terror. Trotz all der Aufklärung, Sicherheitstechnik und Verkehrserziehung.

Ein Land ohne Verkehrstote

Immer mehr Experten halten die bisher eingesetzten Strategien zur Erhöhung der Sicherheit im Straßenverkehr für gescheitert. Sie sind der Meinung, dass man dem Verkehrsteilnehmer eine zu große Last aufbürdet, wenn man ihn für die Sicherheit verantwortlich macht. Sie wollen sich nicht länger darauf verlassen, dass Autofahrer Rücksicht nehmen, dass Radfahrer auf ihren Wegen bleiben, dass Motorradfahrer nicht halsbrecherisch überholen. Sie wollen den Mensch vor dem Menschen schützen. Sie wollen den Verkehr idiotensicher machen.

Vorreiter bei dieser Strategie ist Schweden. Das Land hat bereits Ende der Neunzigerjahre eine neue Doktrin entwickelt und seither konsequent vorangetrieben. Sie nennt sich "Vision Zero" und beruht auf einem einfachen Konzept. Das Ziel ist ein Land ohne Verkehrstote bis 2050 – und zwar durch den radikalen Umbau der Städte, der Straßen, der Behörden, der Gesetze.

Optimierung des Tempolimits

Statt Verkehrserziehung setzen die Skandinavier auf Zäune. Sie trennen den Verkehr einfach so radikal, dass sich Radfahrer und Autofahrer nicht mehr begegnen. Sie setzen Planken und Begrenzungen und verhindern dadurch Situationen, die zu tödlichen Unfällen führen können. Sie haben errechnet, ab welcher Geschwindigkeit ein Zusammenprall tödlich endet, und orientieren daran das Tempolimit. Außerdem bauen sie Alkoholtester in die Autos ein, damit sie nicht mehr anspringen, wenn der Fahrer eine Fahne hat: Die Vision vom mündigen Verkehrsteilnehmer halten die Schweden für grundfalsch.

Wer sich noch erinnert, welchen Aufschrei die Einführung der allgemeinen Gurtpflicht in den Siebzigerjahren hierzulande hervorrief, weiß um die Skepsis der Autofahrer gegen Bevormundung. Damals löste der Zwang zum "Fesseln" im Auto regelrecht Ängste aus. Es gab juristische Kleinkriege um die Frage, ob der Staat seine Bürger zum Angurten zwingen darf – zumal Situationen denkbar sind, in denen ausgerechnet der Gurt dem Unfallopfer zum Verhängnis wird.

Forderung nach "Vision Zero"

Doch die Zahl der Verkehrstoten ging tatsächlich deutlich zurück. 1985 wählte das Deutsche Patentamt den Dreipunktgurt zu einer der acht Erfindungen, die der Menschheit in den 100 Jahren zuvor den größten Nutzen gebracht hatten. Es war ein schwedischer Volvo-Ingenieur, der den Dreipunktgurt erfunden hat.

Nun könnte erneut ein entscheidender Impuls zur Erhöhung der Sicherheit von Schweden ausgehen. Schon heute liegen die Unfallzahlen mit Todesopfern dort deutlich unter denen anderer Länder. Und auch außerhalb Schwedens gibt es immer mehr Anhänger der Null-Vision. Einige US-Städte eifern den Skandinaviern bereits nach, und auch deutsche Städte bauen immer mehr Begrenzungen an die Straßen, um den Verkehrsfluss sicher zu lenken. Die Grünen fordern die "Vision Zero" hierzulande schon seit vielen Jahren in ihrem Programm.

Das selbstfahrende Auto

Und sie haben heute mächtigere Verbündete als je zuvor. Die Autoindustrie hat das Thema Sicherheit in den vergangenen Jahren entdeckt – auch weil neue Technologien neue Möglichkeiten eröffnen. Hersteller wie Mercedes-Benz verkaufen inzwischen kaum noch Fahrzeuge ohne verschiedene elektronische Assistenten, die fürs Bremsen, Abstandhalten, Spurhalten und Tempo zuständig sind, die den toten Winkel erhellen oder Verkehrszeichen ablesen.

Am Ende steht – vor allem auch bei IT-Konzernen wie Google – eine andere Version der "Vision Zero": Sie wollen den Menschen hinter dem Steuer ganz abschaffen. Mit dem vernetzten, selbstfahrenden Auto, so die Hoffnung der konkurrierenden Industrien, könnten nicht nur Verkehrsunfälle, sondern auch Staus verhindert und Kraftstoffverbrauch reduziert werden. Die radikale Trennung der Verkehrswege nach schwedischem Vorbild wäre bei einem vom Computer gesteuerten Verkehr äußerst hilfreich – allein schon, weil eine Absprache durch subtilen Blickkontakt an einer schwierigen Kreuzung den Computer wohl schnell überfordern würde.

Wer haftet, wenn der Autopilot versagt?

Noch mag das eine Zukunftsvision sein, doch erste Teststrecken sind auch in Deutschland in Betrieb. Schon 2020 könnten die ersten Autos ohne Fahrer regulär auf die Straße kommen. Bis dahin sind noch viele Fragen zu klären. Etwa der Datenschutz und die Frage, wer eigentlich haftet, wenn ein Computer doch einen Unfall baut.

Aber auch ein anderer Punkt ist bisher kaum erörtert worden: ob die Autofahrer das alles überhaupt wollen. Das Auto war stets mehr als eine möglichst sichere Methode, um von A nach B zu gelangen. Auch wenn immer mehr junge Großstädter auf ein eigenes Auto verzichten – es steht auch heute noch für Freiheit und Selbstbestimmung. Jeder Verkehrstote ist ein Toter zu viel – und ein Recht darauf, einen Unfall zu bauen, ist ein Gedanke, der selbst den liberalsten Vertretern zu weit gehen würde.

Verlust der Freiheit

Das Problem ist: Der Grat zwischen Fürsorge und Entmündigung ist schmal. Denn auch die totale Sicherheit hat Nebenwirkungen. Wenn es nach den IT-Konzernen geht, müssen wir unseren Enkeln irgendwann erklären, wie das damals war, als jeder noch einfach so irgendwohin fahren konnte – ohne dabei überwacht, gemaßregelt und vom Bordcomputer überstimmt zu werden. Die Computer, die Stadtplaner und die Werbeindustrie könnten uns irgendwann durch die Städte navigieren, wie es Google heute schon im Internet mit uns macht.

Auch das wäre ein Schaden. Es wäre eine andere Welt, in der die Menschen von Leitplanke zu Leitplanke auf ausgetretene Pfade geschubst würden, geführt von Algorithmen und Wahrscheinlichkeiten, die uns auf den für die Gemeinschaft sinnvollsten, stauärmsten oder durch Werbekunden festgelegten Routen hielten. Womöglich wäre diese Verkehrswelt sehr sicher. Nur die Freiheit, die ginge in dieser Vision ebenfalls gen null.

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