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21:36 11.09.2015
Vorsicht vor allzu freizügigen Postings – der Chef liest mit. Quelle: iStock/RND
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Das Bild zeigt ein glückliches Paar. Im Überschwang der Gefühle hebt ein 23-Jähriger seine hochschwangere Braut durch ein ausgeschnittenes rotes Herz: ein schöner Liebesbeweis, den man als Foto aufheben kann, um ihn dereinst mal Kindern und Enkeln zu zeigen.

Der Mann aber stellte das Foto, dem Zug der Zeit folgend, auch noch ins Internet. Das war ein Fehler.

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Der 23-Jährige war Lagerarbeiter in Nordrhein-Westfalen. Sein Chef, ein Spediteur aus Willich, entdeckte die Fotos auf Facebook – und schickte prompt eine fristlose Kündigung. Denn der junge Mann war zum Zeitpunkt der Feierlichkeiten schon seit einem Monat ­wegen eines Bandscheibenvorfalls krankgeschrieben.

Landauf, landab häufen sich vor Arbeitsgerichten Fälle wie dieser. Mal geht es um schlüpfrige Selfies nach alkoholschwangeren Partys, mal um unachtsame Tweets, in denen Mitarbeiter über ihre Firma lästern, ausländerfeindliche Parolen verbreiten oder Andeutungen über die letzte Liebesnacht machen.

Öffentlich gemachtes Fehlverhalten

Speziell das Vorgaukeln von Krankheiten und Gebrechen wie im Fall des unvorsichtigen Bräutigams verträgt sich nicht mit zeitgleichen Aktivitäten im weltweiten Netz. "Ab zum Arzt und dann Koffer packen", postete eine 17-jährige Friseurin auf Facebook, nachdem sie sich kurz zuvor bei ihrem Chef krankgemeldet hatte. Sogar Bilder vom Strandurlaub lud die Ahnungslose hoch. Dem Amtsgericht Düsseldorf reichte das als Beweismittel. Die Richter bestätigten die Kündigung des Arbeitgebers wegen "öffentlich gemachten Fehlverhaltens".

Immer häufiger verheddern sich Angestellte auf unselige Weise in den sozialen Netzwerken. Mal melden sich Krankgeschriebene prostend vom Oktoberfest, mal prahlen sie über Heldentaten beim Hausbau des Nachbarn.
Das Problem beginnt damit, dass viele einen eigentlich naheliegenden Gedanken verdrängen: Was der Allgemeinheit zugänglich gemacht wird, kann logischerweise auch der Arbeitgeber sehen. Hinzu kommen oft falsche Vorstellungen über die Möglichkeiten, peinliche Inhalte nachträglich wieder verschwinden zu lassen.

Nachträgliche Löschversuche

Jeder bereits einmal weitergeleitete Tweet, jedes auch nur einmal geteilte Foto kann an anderer Stelle digital weiterleben – und sich von dort aus gegebenenfalls erneut viral verbreiten. Der frühere Pegida-Chef Lutz Bachmann kann ein Lied davon singen. Er trat Anfang des Jahres zurück, nachdem alte Facebook-Fotos aufgetaucht waren, die ihn mit Hitler-Bart und Hitler-Frisur zeigen. Seine eigenen nachträglichen Löschversuche konnten ihm nicht mehr helfen.

Die Debatte um Flüchtlingsströme hat jetzt die Aufmerksamkeit auf Arbeitgeberseite noch erhöht: Haben wir Rechtsradikale in unseren Reihen? Der Lehrling eines Porsche-Händlers postete auf Facebook einen Kommentar zu einem Foto, auf dem Feuerwehrmänner Flüchtlingskinder in brüllender Sommerhitze mit Wasser abkühlen: "Flammenwerfer währe (seine Schreibweise) da die bessere Lösung." Die Porsche-Holding feuerte den jungen Mann.

Verlust des Rechtschutzes

Für die Anwälte des Deutschen Gewerkschaftsbundes sind solche Fälle eine zwiespältige Angelegenheit. Normalerweise sind sie darauf getrimmt, im Zweifel jeden jungen Menschen gegen einen Rausschmiss zu verteidigen. Doch gilt das auch im Fall von Rassisten? "Wir prüfen jeden Einzelfall", sagt Tjark Menssen, Rechtsschutzexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund. Jüngst habe man es abgelehnt, ein Gewerkschaftsmitglied zu vertreten, das sich rassistisch im Netz geäußert hatte. Im Extremfall droht also neben dem Verlust des Jobs auch ein Verlust beim Rechtsschutz.

Dass man auch bei vermeintlich anonymen Auftritten im Internet nicht sicher sein kann, musste ein Mitarbeiter von Burger King erfahren. Er postete den Satz "Dies ist der Salat, den ihr bei Burger King esst" und dazu ein Bild, das zeigt, wie er mit seinen Schuhen mitten durchs grüne Blattwerk stampft. Nutzer erkannten am Ende den Mann – der prompt seinen Job verlor.

Bewerbercheck im Internet

Andere werden, nach professioneller Durchsicht ihrer im Internet hinterlassenen Spuren, gar nicht erst eingestellt. Eine Online-Umfrage des Jobportals Career Builder ergab, dass inzwischen bereits 56 Prozent der Arbeitgeber in Deutschland Bewerber auf ihr Verhalten in sozialen Netzwerken überprüfen lassen. Weitere 9 Prozent erklärten, dies künftig ebenfalls tun zu wollen. Besonders im Blickpunkt: Facebook und Twitter.

Viele Konzerne haben für ihre Angestellten bereits Verhaltensregeln aufgestellt. In den Richtlinien der Telekom heißt es: "Für Ihre Äußerungen und Ihr sonstiges Verhalten in Social Media sind Sie persönlich verantwortlich." Adidas appelliert an die Vernunft der Mitarbeiter. "Sie sollten sich im Netz nicht anders verhalten oder äußern als gegenüber Geschäftspartnern", erklärt Sprecherin Katja Schreiber. Und auch der Volkswagen-Konzern gibt seinen Angestellten klare Regeln im Umgang mit sozialen Netzwerken an die Hand.

"Betriebsinterna zum Beispiel gehören ebenso wenig ins Netz wie Beschwerden über Vorgesetzte, Kollegen und Kunden", sagt der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Ansgar Zerfaß.

Wo endet die Meinungsfreiheit?

Vor Gericht landet am Ende die wachsende Zahl von Fällen aus den Grauzonen. Welche fragwürdige Internetveröffentlichung ist noch eine bloße Stilfrage? Und wo beginnt bereits die arbeitsrechtliche Relevanz?

Besonders Führungskräfte sollten sensibel sein. Von ihnen erwartet man das, was die Juristen "compliance" nennen: eine Regelkonformität, die sich möglichst auch aufs Private erstrecken soll. Wie ist es zu beurteilen, wenn ein Manager im Internet prahlt, dass es ihm immer wieder gelingt, das Tempolimit zu überschreiten oder betrunken Auto zu fahren, ohne von der Polizei erwischt zu werden?

Zitat

"In den ersten 24 Stunden danach habe ich mir die Augen ausgeweint."

Justin Sacco, Managerin, nach einem Aids-Witz auf Twitter entlassen

Eignet sich ein Vorstandsmitglied als Aushängeschild der Firma, wenn er auf seiner privaten Facebook-Seite per Link Escortservices empfiehlt? Was, wenn jemand rechtspopulistische, aber nicht direkt verfassungsfeindliche Thesen vertritt? Wie weit reicht, wo endet dann die Meinungsfreiheit?

Am größten sind die Empfindlichkeiten in den USA. Justin Sacco, PR-Chefin in der Internetbranche, schrieb kurz vor einem Flug von London nach Kapstadt auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: "Auf dem Weg nach Afrika. Hoffentlich bekomme ich kein Aids. Nur Spaß. Ich bin weiß!"

Schnelle Prangerstrafen

Als sie wenige Stunden später afrikanischen Boden betrat, war der Shitstorm bereits um den Globus getobt – und Sacco war ihren Job los. Ihr Unternehmen war noch vor der Landung des Flugzeugs, ebenfalls via Twitter, auf Distanz gegangen: "Das ist ein ungeheuerlicher, beleidigender Kommentar, der nicht den Werten und Ansichten unseres Unternehmens entspricht." Zwischen dem Eintippen von 64 dummen Zeichen ins Smartphone und der Entlassung lagen in diesem Fall nur wenige Stunden. "Es war traumatisch", sagt Sacco. "In den ersten 24 Stunden danach habe ich mir die Augen ausgeweint."

Der britische Autor Jon Ronson hat ein Buch ("So You’ve Been Publicly Shamed") über die ebenso strengen wie schnellen Prangerstrafen im Internetzeitalter geschrieben. In einem Anfang September ausgestrahlten Interview betonte er, dass unkluge Tweets immer öfter nicht nur den Job kosten, sondern auch jede Wiedereingliederung unmöglich machen. Die Masse der Internetnutzer habe mittlerweile die Macht, mit Menschen gnadenlos kurzen Prozess zu machen, mit weltweiter Wirkung, lebenslang.

Von Jörg Köpke

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