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Panorama Als daß dass wurde
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21:59 21.08.2015
Von Uwe Janssen
Manchmal ganz schön verwirrend: die deutsche Rechtschreibung. Quelle: dpa
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Haben Sie auch gefeiert? Zehn Jahre deutsche Rechtschreibreform, da dröhnt einem von der Party jetzt noch der Schädel. Was haben sie sich in der Wolle gehabt, die Sprachmacher, Lehrer, Reformer, Reformreformer und die große Politik. Was sollte nicht alles kommen, und was ist geblieben außer Verwirrung. Dafür fast einen Bürgerkrieg riskiert zu haben, nur damit das Fass und nicht mehr das Faß zum Überlaufen gebracht wird – Deutschland muss wenig andere Probleme gehabt haben damals.

Plötzlich hatte es politischen Einfluss, ob es ein Fluss oder Fluß war, auf dem das Floß floss oder Floss floß, denn bevor es losfloss im August 2005, also zur Zeit, als zurzeit noch mehr mit Zeit als mit zurzeln zu tun hatte und das Tun mit Taten und nicht mit Fisch, sind auch alle irgendwie klargekommen oder klar gekommen, auch ohne zu viel oder zuviel Filosofie.

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Sprache lebt, sagen die Reformer. Klar doch, aber auch mit Ketchup statt Ketschap und ohne Portmonnäh. Und bei zu viel Leben kann Sprache auch einfach abhandenkommen oder ab Handen kommen oder wie­auchimmer. Kompromisse tun not zurzeit. Philosofie. Filosophie. Pfilosopfie. Wie wird’s geschrieben? Die meistgenannte Antwort seit der Reform: Mir doch egal!  

Fest steht: Es wird geschrieben wie lange nicht mehr. Nur dass schreibende Menschen heute nicht mehr sitzend die Feder ins Tintenfass tunken (und schon gar nicht ins Tintenfaß thunken oder Tuntenfaß thinken oder im Thinktank Tunke tanken), sondern während des Tippens gesenkten Hauptes gegen Laternenpfähle rennen oder auf die Gegenfahrbahn geraten. Sie tippen und tippen, wo früher ein Anruf genügte. Sie chatten und whatsappen, finden aber Postkarten schreiben altmodisch.

Lieber machen sie mit der Postkarten-App ein Selfie vom Urlaubsort, frankieren ihr Smartphone und werfen es in den Briefkasten.  Die Sprache dieser Menschen ist aus mehreren Gründen einfach, manchmal besteht sie schriftlich oder infolgedessen bzw. in Folge dessen nur noch aus mehr oder minder freiwilligen Abkürzungen oder den Hashtags, einer verlässlichen #kleinschreibung und einer Art Überraschungsinterpunktion, die immer dann auftaucht, wenn man nicht mit ihr rechnet.

Diese Menschen, die #orthografie für Vogelkunde halten, gehen davon aus, dass sie schon irgendwie verstanden werden. Sollte die nächste Rechtschreibreform der Sprachlebendigkeit dieser Menschen angepasst werden, muss sich der Freund der gepflegt - entschleunigten Kommunikation auf ein neues Faß gefasst machen. #aufschreib!

Deutsche Presse-Agentur dpa 21.08.2015
Deutsche Presse-Agentur dpa 21.08.2015
Deutsche Presse-Agentur dpa 21.08.2015