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Panorama Wirtschaft braucht das Träumerische
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18:16 20.08.2015
Björn Engholm
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Was ist Erfolg? Die globale Wirtschaft gibt da eine klare Antwort. Erfolgreich sein bedeutet ökonomisch-technologisch zur Weltspitze gehören, innovative Produkte, Dienstleistungen und Problemlösungen entwickeln, die der Konkurrenz voraus sind.

Und welche Fähigkeiten sind es, die zu solchem Erfolg führen? Da wird gemeinhin alles Irrationale ignoriert. Alles Sinnliche, Ästhetische und Kulturelle erscheint in diesem Kontext als Nebensächlichkeit.

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Von der Schule bis zum Managementtraining: Gefördert, gefordert und belohnt wird das marktgängige, das nützliche, kurzfristig verwertbare rationale Wissen. Schöpferische Kapazitäten wie Neugier, Fantasie, Imagination bleiben unbeleuchtet.

Zukunftshorizonte eröffnen

In Wahrheit aber brauchen wir mehr. Zum Beispiel die Fähigkeit zu Selbstkritik und zu einem Denken über den Tag hinaus. Wie aber entwickelt man einen "Riecher" für kommende Entwicklungen? Wie lernt man, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, Authentisches von Inszeniertem?

Zur Person

Björn Engholm war von 1981 bis 1982 Bundesminister für Bildung sowie Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (1988 bis 1993).

Tatsächlich setzt wahrer Erfolg etwas unerhört Kreatives voraus: ein Träumen vom Neuen, ein Träumen von dem noch nicht Erreichten.

Mehr denn je brauchen wir im 21. Jahrhundert ein Denken, das nicht im Status quo verharrt, sondern Zukunftshorizonte eröffnet. Ein solches Denken wird möglich, wenn Logos und Ratio zwei neue Gesellen bekommen: Intuition und Imagination.

Ein epochaler Schub muss her

Noch fehlt unserem Jahrhundert ein neuer epochaler Schub. Etwas wie Kolumbus Ende des 15., Newton Ende des 17. und die Französische Revolution Ende des 18. Jahrhunderts. Die vertraute Nachkriegsordnung ist uns mit Ablauf der Achtziger Jahre aus den Angeln gehoben worden, die neue Grenzenlosigkeit der Welt trifft zugleich auf neue Ratlosigkeit. Ökonomische Universalität ist zur fundamentalen Bewegungskraft geworden. Da werden Waren, Dienstleistungen, Gewinne weltweit handel- und verschiebbar; ein Blick auf die gigantischen Finanzdienstleister, die kontrollfrei in Sekundenschnelle global Billionen umwälzen, besagt alles.

Der Übergang von nationalen Wirtschaften zu transnationalen Dienstleistungsgeflechten und die Abhängigkeit nationaler von internationalen Marktkonditionen mit der Folge gnadenloser Konkurrenzen scheint unaufhaltsam – und führt selbst in traditionellen europäischen Wohlstandsgesellschaften zu tief greifenden sozialen Verwerfungen. Mit einem Festhalten an altbekannten Mustern wird man den neuen Herausforderungen nicht begegnen können.

Es braucht Verstand und sensible Wahrnehmung

Aus dem eindimensionalen Denken in den Kategorien von Mathematik und Excel-Tabellen muss ein "ästhetisches Denken" (Wolfgang Welsch) werden, das bewusst Verstand und sensible Wahrnehmung vernetzt.

Wer kann Orientierung bieten in diesen ungewissen Zeiten? Wer hat die nötige Witterung? Alle Erfahrung zeigt, dass dafür am ehesten jene infrage kommen, die mit jeder Sinnesfaser alles aufnehmen und wahrnehmen können, die ihre Umgebung nicht nur sehen, sondern auch erspüren und abtasten.

Es ist eine Binsenweisheit. Der Slow-Food-Esser kann viel genauer zwischen diversen Aromen unterscheiden als der Fast-Food-Freund. Der Musikkenner hat ein mehrfach breiteres Hör- (und Empfindungs-)Spektrum als einer, der sich nur vom Radio berieseln lässt wie von einem Geräusch. Und wer einmal in die unglaubliche Vielfalt der Bildkunst eingetaucht ist, stellt fest, wie unglaublich sich zugleich auch die Wahrnehmung des Konventionellen erweitert.

Ästhetische Nachrüstung

Nirgendwo gibt es so viel Übung in Freiheit, Vielfalt, Bewegung und Grenzüberschreitung wie im Reich der Sinne; nirgends sonst so viele Wegweisungen in Sachen Fantasie, Kreativität, Empfindsamkeit und Pluralität.

Was also wäre wichtiger für Angestellte, Freiberufler, Gewerkschaftsführer, Manager, Kirchenleute, Lernende, Studierende und ihre Lehrer (und Politiker!), als sich ästhetisch "nachzurüsten"? Das gilt übrigens besonders für "Eliten", weil unsinnliche Eliten in der Regel schrecklich lieblose Eliten sind.

Ästhetisches Denken ist kein Widerspruch zur Ökonomie. Im Gegenteil. Es ist Bedingung für schöpferische, ökonomische Qualität. Die Neurowissenschaften beweisen seit Langem, dass immense Innovationschancen verspielt werden, wenn sinnliche Potenziale mangels Übung, Nachfrage und Anerkennung brachliegen.

Fantasie als "driving force"

Wie viele zusätzliche schöpferische Ideen würden erschlossen, wäre es in Schulen, Hochschulen und Wirtschaft Usus, nicht nur analysieren, zählen, messen, rational denken zu müssen – sondern zugleich intuitiv, imaginativ, empfindsam und träumerisch sein zu dürfen? Wie viel unkonventioneller, auch sensibler, ließen sich die komplexen Probleme der Zeit lösen, gelänge es, die rationalen mit den sinnlichen Fähigkeiten zu verbinden?

Fazit: Kunst und Kultur sind das Beet, aus dem weit mehr als nur exotische Blüten sprießen. Sie mögen in ihrem Nutzen ökonomisch nicht quantifizierbar sein; am Ende sind sie aber unentbehrliche Nutzenstifter gerade für die Wirtschaft. Insofern ist kein in Kultur investierter Euro aus öffentlichen Haushalten, privaten Taschen oder von Unternehmersponsoren nutzlos. Umgekehrt: Jeder zu viel gesparte Euro verkürzt den "ästhetischen Value", der in unserer Zeit zwar unterbewertet, aber eher wichtiger ist als jener der "Shareholder".

Schaffen wir es, Fantasie, Kreativität und Sinnlichkeit zu einer neuen "driving force" zu machen: in Deutschland, in Europa? Bekommen wir es hin, frei nach Lessing mit dem Herzen zu denken und mit dem Kopf zu fühlen? Eine Utopie, gewiss. Aber, ebenso gewiss, nicht die schlechteste.

Von Björn Engholm

Deutsche Presse-Agentur dpa 12.08.2015
Deutsche Presse-Agentur dpa 12.08.2015
Deutsche Presse-Agentur dpa 12.08.2015