Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Politik Analyst aus El Paso: „Geplantes Massaker ist ein Nebenprodukt der Trump-Ära“
Nachrichten Politik Analyst aus El Paso: „Geplantes Massaker ist ein Nebenprodukt der Trump-Ära“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:53 04.08.2019
Ein blutiges Wochenende: Die zweite Massenschießerei innerhalb von 24 Stunden ereignete sich in Dayton im Bundesstaat Ohio. Quelle: Foto: John Minchillo/AP
El Paso

Die 1021 Kilometer lange Fahrt in die Grenzstadt El Paso dauert gut zehn Stunden. Zeit genug für den jungen Mann aus dem blütenweißen Bilderbuchvorort von Dallas, seinen teuflischen Plan zu überdenken. Doch Patrick C. ist entschlossen.

Die Überwachungskamera hält die Zeitmarke 10:39:35 für den Moment fest, in dem der 21-Jährige am Samstagmorgen den gut besuchten Walmart im Cielo-Vista-Einkaufszentrum betritt. Dann eröffnet der schmächtige Mann das Feuer auf wehrlose Menschen.

Augenzeugen berichten von den Details eines Anschlags, der den Supermarkt abrupt in ein Horrorszenario verwandelte. Gewehrfeuer im Stakkato, leblose Körper auf dem Boden, Menschen, die Deckung suchen, Pulverdampf, Schreie und Chaos. Ein Massaker. „Hay no“ ist auf einem Video in Spanish zu hören, was so viel heißt wie „Oh nein“. Dann fällt ein Schuss.

Als sich der Schütze der Polizei ergibt, hat er mindestens 20 Menschen ermordet. Zwei Dutzend weitere werden in Krankenhäusern mit zum Teil schweren Schussverletzungen behandelt.

Im Netz der radikalen Rechten

Nach den Motiven muss nicht lange gesucht werden. „Dieser Anschlag ist eine Antwort auf die hispanische Invasion von Texas“, heißt es in einem vier Seiten langen „Manifest“, das jemand in dem Onlineforum 8chan einstellte – 19 Minuten vor dem ersten Notruf aus dem Walmart. Es ist dieselbe Plattform, die der Rechtsterrorist im neuseeländischen Christchurch für die Veröffentlichung seiner hasserfüllten Ideologie benutzt hatte.

Der Autor des amerikanischen „Manifests“ beklagt die „Invasion“ seines „geliebten Texas“ durch Latinos. Seine Logik ist so einfach wie brutal: „Wenn wir genügend Leute loswerden, kann unsere Lebensart nachhaltiger werden.“

Experten gehen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus, dass der mutmaßliche Massenmörder die rassistische Abhandlung unter dem Titel „Eine unbequeme Wahrheit“ verfasst hat. Darin knüpft er ausdrücklich an das Vorbild aus Neuseeland an. Dort hatte ein weißer Rechtsextremist 51 Menschen in einer Moschee abgeschlachtet. In dem Manifest von El Paso wird die „Übernahme der lokalen und bundesstaatlichen Regierung meines geliebten Texas“ durch Latinos beklagt. „Die starke Präsenz der hispanischen Population in Texas wird uns in eine demokratische Hochburg verwandeln.“ Gemeint ist: Die demokratische Partei wird dort eine große Stammwählerschaft haben.

Neun Waffen zu dem Wort „TRUMP“ angeordnet

Noch ist dieser Schrieb nicht eindeutig dem Attentäter zugeschrieben. Er zeigt jedoch, dass der Anschlagsort nicht zufällig gewählt ist. Die Filiale des weltweit größten Discounters in El Paso ist bekannt als „mexikanischer Walmart“. Sie liegt nur drei Kilometer von der Grenze entfernt, viele Mexikaner kommen zum Einkaufen hierher. Und El Paso hat die wohl größte hispanische Gemeinschaft in den USA.

Analysten erkennen in Sprache und Inhalt des „Manifests“ dieselbe rassistische Ideologie, auf die sich weiße Terroristen bei den Anschlägen auf die schwarze Kirche in Charleston, auf die Moschee in Christchurch, auf die Synagogen in Pittsburgh und Poway berufen haben. Sie stammt von dem französischen Suprematisten Renaud Camus, der den Eliten in den westlichen Ländern unterstellt, aus Profitstreben heraus die weiße Bevölkerung ersetzen zu wollen. Das steckte auch hinter den Rufen „Juden werden uns nicht ersetzen“, die 2017 beim Fackelmarsch weißer Nationalisten durch Charlottesville schallten.

US-Präsident Donald Trump versäumte es damals, sich eindeutig von den „Supremacists“ zu distanzieren; er sprach von „guten Leuten auf beiden Seiten“. Was ihm nun ein indirektes Lob des „Manifest“-Verfassers von El Paso einträgt. Seine Ansichten hätten sich schon „vor Trump und seinem Wahlkampf für die Präsidentschaft“ entwickelt. In den US-Medien zirkuliert ein auf der Facebook-Seite von Patrick C. eingestelltes Foto, das neun Waffen zeigt, die auf dem Boden zu dem Wort „TRUMP“ angeordnet sind.

Der US-Präsident selbst ließ sich im Weißen Haus über die Details des Massakers briefen. Es gebe „keinen Grund und keine Ausrede, die jemals das Töten unschuldiger Menschen rechtfertigen könnten“, twitterte er. „Gott sei mit euch allen.“

US-Regierung versuchte, in El Paso Exempel zu statuieren

Während die Ermittlungen anfänglich in der Hand der texanischen Polizei lagen, will die amerikanische Bundespolizei FBI die Tat jetzt möglicherweise als Inlandsterror oder Hassverbrechen verfolgen. Das liegt auch daran, dass die Bedrohung in den USA enorm gestiegen ist. Eine Statistik der Bundespolizei illustriert das: Demnach kamen seit dem 11. September 2001 mehr Menschen bei Anschlägen einheimischer Terroristen ums Leben als bei den Anschlägen in New York, Washington und Pennsylvania. FBI-Chef Christopher Wray sagte dem Kongress kürzlich, in diesem Jahr seien bereits mehr als 100 Personen wegen des Verdachts auf Vorbereitung einheimischer Terroranschläge festgenommen worden.

„Das Motiv ist Hass“, ist sich auch die neue Kongressabgeordnete von El Paso, Veronica Escobar, sicher. Die Grenzregion mit den beiden ineinander übergehenden Schwesterstädten El Paso (USA) und Ciudad Juárez (Mexiko), in der rund zwei Millionen Menschen leben, sei ein Ort des friedlichen Miteinanders gewesen. „Das war jemand, der von außen in unsere Gemeinde gekommen ist, um uns zu schaden.“

In den vergangenen Monaten geriet El Paso als Brennpunkt der Flüchtlingskrise in die Schlagzeilen. Die US-Regierung versuchte angesichts der Ankunft Tausender Asylbewerber aus Zentralamerika hier ein Exempel zu statuieren. Für weltweite Schlagzeilen sorgten im März die Bilder von Menschen, die US-Beamte tagelang unter der Paso-del-Norte-Grenzbrücke wie Vieh hinter Maschendraht eingepfercht hatten. Nicht minder verstörend waren die Berichte über das Internierungslager für Kinder und Jugendliche im nahen Tornillo.

Walmart-Attentäter benutzte eine Kriegswaffe

Der aus El Paso stammende Analyst und Bestsellerautor („Lone Star Nation: How Texas Will Transform America“) Richard Parker meint, das im Voraus geplante Massaker sei ein Nebenprodukt der Trump-Ära mit ihrer unmenschlichen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik. „Diese hat uns Mauern, Internierungslager und Kinder in Käfigen gebracht.“ Er habe lange eine Eskalation der Gewalt befürchtet, sagt Parker. „Die Anfänge liegen beim Präsidenten der Vereinigten Staaten.“

Andere Kritiker weisen auf die verblüffende Parallelität bei der Wortwahl hin. So gebrauche Trump regelmäßig das Bild einer „Invasion“ des Landes aus dem Süden. Der Demokrat Beto O’Rourke, der aus El Paso stammt und Trump im November 2020 herausfordern will, hält dem Präsidenten vor, seine rassistischen Äußerungen „haben den Charakter des Landes fundamental verändert und schüren Gewalt“.

O’Rourke stimmt auch in den Chor der Kritiker ein, die der Regierung Untätigkeit beim weitgehend uneingeschränkten Zugang zu Waffen in den USA vorhalten. „Eine Zukunft, in der jedes Jahr 40 000 Menschen ihr Leben wegen Waffengewalt verlieren, kann ich nicht akzeptieren.“ Der Walmart-Attentäter benutzte ein automatisches AK-47, das wegen seiner Feuerkraft als Kriegswaffe eingestuft wird.

Das erste Augustwochenende 2019 ragt aus der Reihe der Massenschießereien auch deshalb besonders heraus, weil es in der Nacht zu Sonntag auch in einem Kneipenviertel von Dayton im US-Bundesstaat Ohio zu einer Schießerei mit mindestens zehn Toten und 16 Verletzten kam.

Nach Informationen von Reportern vor Ort besteht kein Zusammenhang zu dem mutmaßlichen Terrorakt von El Paso. Bei dem Vorfall im sogenannten Oregon District habe es sich um einen Streit gehandelt, der eskalierte. Demnach eröffnete ein Mann das Feuer, weil die Türsteher ihn nicht in eine Bar ließen.

Eine Waffe für jeden Amerikaner

Ob mutmaßlicher Rechtsterrorismus, psychische Erkrankung oder nackte Aggression – in den USA nimmt das Problem der Waffengewalt nach Ansicht von Experten epidemische Ausmaße an. Allein in diesem Jahr registrierte das gemeinnützige Gun Violence Archive bereits 252 Angriffe mit Schusswaffen. Dabei hatte das Jahr erst 215 Tage.

Und: Der Genfer Studie „Small Arms Survey“ zufolge waren 2018 insgesamt 393,3 Millionen Waffen im Privatbesitz von Amerikanern – bei 327,35 Millionen Einwohnern macht das mindestens ein Gewehr, eine Pistole pro Bürger, auch für jedes Baby, jeden Schüler, jeden Greis. Ins globale Verhältnis gesetzt kann man es auch so sehen: Die USA stellen rund 5 Prozent der Weltbevölkerung – aber rund 70 Prozent aller privaten Waffen. In Verbindung mit einheimischem Terrorismus bekommt der leichte Zugang zu Waffen damit eine ganz neue Dimension.

Für die Angehörigen der Opfer machen die Motive der Schützen kaum einen Unterschied. Für sie bleibt der plötzliche Verlust ihrer Lieben unfassbar. „Ich möchte den Familien, die trauern zeigen, dass sie nicht allein sind“, sagt Celina Arias. Deshalb hält sie mit mehr als 200 Menschen vor der St.-Pius-X.-Kirche von El Paso am Abend des Anschlags eine Kerzenwache. „Es hätte jeden treffen können.“

Celina weiß, wovon sie spricht. Ihr Mann tankte gerade draußen am „mexikanischen Walmart“, als drinnen das Morden begann.

Von Thomas Spang

Ein Wochenende schrecklicher Gewalt in den USA: Es ist die Folge einer gesellschaftlichen Stimmung, die Waffenbesitz verherrlicht. Amerika befindet sich in einen Kampf gegen sich selbst, kommentiert Marina Kormbaki.

05.08.2019

Wie kann das Weltklima am besten gerettet werden? Darüber haben sich Aktivisten der Fridays-for-Future-Bewegung in Dortmund fünf Tage lang ausgetauscht. Sie wollen weiter Druck machen – und rufen zu bundesweiten Demonstrationen am 20. September auf. An diesem Tag werden Entscheidungen erwartet.

04.08.2019

Die nächste Klimakonferenz der Vereinten Nationen findet in New York statt. Die bekannteste Umweltaktivistin der Welt darf da nicht fehlen. Aber fliegen will Greta nicht. Deshalb lässt sich die 16-Jährige über den Atlantik segeln. Ihr Gastgeber gewährt nun Einblicke in das Vorhaben.

04.08.2019