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Politik Angela Merkel wird 65: Die letzten Jahre sind die schwierigsten
Nachrichten Politik Angela Merkel wird 65: Die letzten Jahre sind die schwierigsten
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12:18 17.07.2019
Angela Merkel am Tag vor ihrem Geburtstag in Berlin Quelle: AP Photo/Michael Sohn
Berlin

Im Restaurant „Borchardt“ in Berlin-Mitte steht gegenüber der Bar an der Wand ein Tisch, der wie gemacht ist für die Bundeskanzlerin. Er ist etwas separiert, hat keinen direkten Nachbartisch, ermöglicht einen guten Überblick über das Geschehen im Restaurant und ist doch schwer einsehbar. Er erfüllt also wichtige Voraussetzungen auch für prominenten Besuch. Angela Merkel weiß das zu schätzen. Vor genau einem Jahr feierte sie ihren 64. Geburtstag hier, in kleinster Runde.

In diesem Jahr, an ihrem 65. Geburtstag, beginnen die Dinge zunächst etwas nüchterner. Das Bundeskabinett trifft sich am Mittwochmorgen noch ein Mal, bevor mancher Minister in den Urlaub verschwindet. Einen der Posten wird Angela Merkel just an diesem Mittwoch umbesetzen müssen – weil Ursula von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin nach Brüssel wechseln wird. Erst wenn diese Aufgaben erledigt sind beginnt der private Teil des Tages für Merkel.

Der 65. Geburtstag ist ein besonderer Tag im Leben, in Deutschland markierte er lange den Beginn des Rentenalters. Es ist ein Tag, an dem automatisch resümiert wird über das Arbeitsleben, über die vielen Dinge, die schon waren und die etwas wenigeren, die noch kommen. Die Zeit nach dem Arbeitsleben wird geplant, wenigstens darüber nachgedacht. Es passt ein wenig zu der aktuellen beruflichen Phase, in der die Kanzlerin sich befindet: Die Rente mit 67 für das Jahr 2021 ist bereits angekündigt, doch es kann immer sein, dass die SPD ihr abschlagsfrei den überraschenden Vorruhestand durch das Ende der Großen Koalition beschert.

Der 65. Geburtstag ist ein beruflich relevanter Tag und doch ein privates Erlebnis. Und auch die Kanzlerin hat sich selten so viel mit der Grenze zwischen Privatheit und ihrer Existenz als Politikerin auseinandersetzen müssen, wie in diesen vergangenen Wochen. Erstmals in ihrer politischen Karriere mehrten sich Zweifel an ihrem Gesundheitszustand, nach dem sie innerhalb von drei Wochen dreimal vor laufenden Kameras in einer still stehenden Position am ganzen Körper zu zittern begann.

Als es das zweite Mal passierte, flog Merkel später am Tag zum G20-Gipfel nach Japan. Eine Erklärung verbreitete sich an diesem Tag: die Kanzlerin verarbeite den ersten Vorfall noch, auch deshalb sei es noch einmal vorgekommen. Es blieben dennoch viele Fragen offen.

Die Kanzlerin will keine Einblicke erlauben in all jenes, was sie als privat empfindet, es ist eine Leitlinie ihrer Arbeit geblieben. Anders als ihr Vorgänger Gerhard Schröder gab es keine bunten Geschichten über sie zu berichten, keine Fotoshootings für Anzugmarken, keine Familiendramen. Ein politisches Interview mit Angela Merkels Ehemann Joachim Sauer hat es bisher nicht gegeben und wird es wohl auch nicht geben, die Grenze ist klar und unzweifelhaft gezogen.

Ausgerechnet als Sauer auf einen der wenigen Reisen der Kanzlerin mitfuhr, im vergangenen November zum G20-Gipfel nach Buenos Aires, musste die Regierungs-Maschine kehrt machen und landete in Köln. Angela Merkel flog ohne Ehemann mit „Iberia“ weiter nach Argentinien, Sauer eilte am Morgen etwas mürrisch an einigen mitreisenden Journalisten vorbei und stieg in ein Taxi zum Bahnhof. Wortlos, natürlich.

Noch immer ist Merkel gerne in Templin

In 14 Jahren an der Spitze der Regierung hat sich Merkel stets Privatheit erhalten, das bedeutet nicht nur Abschottung. Noch immer fährt sie gerne nach Templin in die alte Heimat, noch immer kauft sie selbst gelegentlich in einem Supermarkt in Berlin-Mitte ein, der für besonders kurze Kassenschlangen bekannt ist.

Als in den vergangenen Wochen immer wieder darüber spekuliert wurde, ob sie an die Spitze einer Brüsseler Institution wechseln könnte, winkte Merkel ab. Ihre politische Karriere wird am Ende ihrer Kanzlerschaft ebenso beendet sein. Sie wird, wenn die Zeit gekommen ist, womöglich noch einmal etwas anderes machen, vielleicht in der Wissenschaft und im kulturellen Bereich. Merkel ist großer Fan des Theaters.

Am Mittwoch feiert Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren 65. Geburtstag. Als erste Frau übernahm sie 2005 das Amt des deutschen Regierungschefs. Inzwischen befindet sich Merkel in ihrer vierten Amtszeit – es wird ihre letzte sein. Bei der nächsten Bundestagswahl im Jahr 2021 wird sie nicht wieder als Kanzlerkandidatin antreten. Grund genug für eine Bilanz ihrer politischen Karriere.

Doch bis sie das beginnt, müssen die Aufgaben ihrer vierten und wahrscheinlich schwierigsten Legislaturperiode als Kanzlerin abgearbeitet werden. Nie zuvor war es so kompliziert, eine Regierung zu bilden, nie zuvor schien es so mühsam, sie zu erhalten. Im Herbst stehen drei Landtagswahlen in Ostdeutschland an, es ist möglich, dass erstmals keine Regierungskoalition gebildet werden kann. Und mit den Vorsitzendenwahlen der SPD droht im Winter ebenfalls womöglich das Aus der Koalition.

Übersteht die Regierung dieses Jahr, dann beginnt im kommenden Jahr, zeitgleich mit Merkels 66. Geburtstag, die Ratspräsidentschaft der EU für Deutschland. Es wäre ein womöglich letzter, großer politischer Auftritt, bis vieles privater und damit womöglich auch leichter wird. Das Essen gehen, das Einkaufen, womöglich auch das gemeinsame Verreisen mit dem Mann. Angela Merkel wird es schätzen, so wie sie die politische Arbeit immer geschätzt hat.

Von Gordon Repinski/RND

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