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Politik Angriff auf das Urteilsvermögen
Nachrichten Politik Angriff auf das Urteilsvermögen
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14:59 12.12.2016
Quelle: dpa
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Hannover

Was ist wahr, was falsch? Was ist real, was virtuell? Die Nachrichten vom Wochenende, dass mutmaßlich russische Computerhacker den US-Wahlkampf beeinflusst und auch geheimes Material aus dem deutschen NSA-Untersuchungsausschuss abgegriffen haben, um sie an Wikileaks weiterzureichen, sind verstörend.

Noch gibt es keine offiziellen Bestätigungen für die eine wie die andere Tat, aber klar ist: Der Cyber-Krieg, vor dem oftmals gewarnt wurde, findet längst statt. Und zwar auf eine Art und Weise, die Science-Fiction-Autoren und Web-Experten nicht in dem Ausmaß vorhergesehen haben. Die virtuellen Krieger zielen mit ihren Bits und Bytes zumindest momentan weniger auf technische Infrastruktur wie Strom-, Wasser- oder Gasversorgung, sondern vielmehr auf unsere Köpfe und unser Urteilsvermögen.

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Tatsächlich ist es unerheblich, wer die Fehlinformationen streut oder versucht, mit gezielten Lancierungen Stimmungen zu beeinflussen. Es braucht offenkundig keine ausländischen Hacker, um die Gemütslage vieler Deutscher zu destabilisieren. Hierzulande sind genügend Menschen im Netz unterwegs, die wissentlich oder aus Versehen Halbwahrheiten und falsche Spuren verbreiten. Deshalb sind die Warnungen vor mutmaßlicher Einflussnahme russischer Cyber-Experten auf die Bundestagswahl zwar berechtigt, ihre totale Abwehr, so illusorisch sie auch ist, würde das Problem aber nicht lösen. Es ist ein Preis, den wir für die Vernetzung in einer durchdigitalisierten Welt zahlen.

Dabei wissen wir eigentlich, wie wir uns wappnen können. Vor gut 300 Jahren begann das Zeitalter der Aufklärung. Vernunft, Beweisbarkeit, Wissenschaft standen plötzlich hoch im Kurs. Ein Prinzip, das Fortschritt und Wohlstand für alle erst möglich gemacht hat. Über Jahrhunderte war zu beobachten: Wo die Vernunft nicht waltet, herrscht Stillstand oder Rückschritt.

Es scheint so zu sein, dass wir in eine voraufklärerische Zeit zurückfallen. Viele Menschen sind nicht mehr darin geübt, sich ihr Urteil aufgrund von nachprüfbaren Fakten und Quellen zu bilden – ganz gleich, ob sie Informationen von Politikern, Medien oder einem Facebook-Post bewerten müssen. Es ist erschreckend, dass offensichtlich diese wichtige Grundausbildung an Schulen nicht mehr verfängt.

Was helfen kann, ist, sich nicht auf die Falschspieler-Tricks einzulassen. Wenn Politiker Halbwahrheiten mit Halbwahrheiten bekämpfen, siehe zuletzt bei den Präsidentschaftswahlkämpfen in den USA und Österreich, nach welchen Kriterien soll ein Wähler dann entscheiden? Nur komplette Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit können helfen, das Postfaktische zu überwinden. Wir sollten aus der Geschichte lernen. Es ist an der Zeit, sich auf die Segnungen der Aufklärung zu besinnen.

Von RND/Rüdiger Ditz

Deutsche Presse-Agentur dpa 12.12.2016
Deutsche Presse-Agentur dpa 12.12.2016
12.12.2016