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Politik Greta sieht Atomkraft als „kleinen Teil“ der Lösung – Klimaaktivistin greift Kubicki an
Nachrichten Politik Greta sieht Atomkraft als „kleinen Teil“ der Lösung – Klimaaktivistin greift Kubicki an
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09:26 01.04.2019
Die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg Quelle: Christoph Soeder/dpa
Berlin

Drei Tage lang war Greta Thunberg in der Stadt. Trickreich hatte die Redaktion von „Anne Will“ den Eindruck erweckt, als würde die zurzeit bekannteste 16-Jährige der Welt auch am Sonntagabend in die Berliner Talkrunde kommen. Da war Greta aber schon wieder auf dem Weg nach Stockholm. Schließlich ist Montag Schule. Es gab nur ein Einspieler-Interview und ansonsten die üblich männerlastige Runde mit einem erwartbaren Talk über Klimaschutz – mit einigen Höhepunkten.

Das Thema

Greta natürlich. Oder seriöser formuliert: Was Politiker ohne Amt auf Bundesebene auch mal über Klimaschutz sagen wollten. Oder: Wie man die gut abgehangene Schulschwänzen-Debatte noch mal ins Fernsehen bringen kann. Konkret formuliert: „Streiken statt Pauken – ändert die Generation Greta die Politik?“

Die Gäste

Grünen-Chef Robert Habeck in seiner Rolle als Protest-Versteher und Schulnoten-Verteiler: „Die Schüler gehen auf die Straße, weil sie in der Schule aufgepasst haben“, verteidigt er die Streikenden. „Die sind so gut in der Schule gewesen, dass sie jetzt endlich die Konsequenz ziehen.“

FDP-Vize Wolfgang Kubicki als Alt-Liberaler: „Bei einem klassischen Streik will der Arbeitnehmer seinem Arbeitgeber schaden. Die Schüler schaden nur sich selbst.“

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) mit einem schrägen Vergleich zur Revolution 1989: „Wenn wir die Demonstrationen damals am Tage gemacht hätten, wäre das eigentliche Thema in den Hintergrund getreten.“ Der Physiker Haseloff riet den Protestierenden, lieber mal in Physik aufzupassen und nach der Schule die richtigen Fächer an der Uni zu belegen.

Dafür bekam er sofort heftige Kritik von der „Fridays for Future“-Aktivistin Therese Kah aus Dortmund: „Da haben Sie etwas grundlegend falsch verstanden“, entgegnete die 19-jährige Informatik-Studentin: „Es geht nicht darum, in 15 Jahren etwas zu ändern, sondern jetzt. Wir haben nicht Zeit, bis mein Studium zu Ende ist.“

Astrophysiker Harald Lesch pflichtete ihr bei: „Noch viel mehr Schüler sollten freitags schwänzen.“ Die Schulpflicht sei unerheblich angesichts der Gefahren des Klimawandels: Ein, zwei Hurrikan-Katastrophen wie vergangenes Jahr in der Karibik „und wir reden nicht mehr über Schulpflicht, weil keine Schulen mehr da sind“.

Das Interview des Abend

Anne Wills einfühlsames Gespräch mit Greta Thunberg bekamen die Zuschauer nicht in voller Länge zu sehen – es steht auf der Website der Sendung. Hätte man auch anders entscheiden können.

„Ich bin Realistin. Ich bin nicht radikal“, sagt die 16-Jährige da. Sie habe keine „Mission“ im klassischen Sinne. „Meine Mission ist, alles in meiner Macht stehende zu tun, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Eine Person allein wird das nicht erreichen.“ Sie sei angetrieben von Fakten: „Ich sehe einfach die Grafik, um wie viel Prozent wir unsere Emissionen senken müssen, dann will ich meinen eigenen Beitrag dazu leisten.“ Auf die Frage, ob sie manipuliert werde, antwortete Thunberg entrüstet: „Das ist einfach lächerlich. Ich schreibe meine eigenen Reden und ich hole mir Informationen, beispielsweise von Wissenschaftlern, damit die Fakten stimmen.“

Auf die Frage, wie sie zur Atomkraft stehe, sagte Thunberg klar: „Ich persönlich bin gegen Atomkraft. Sie ist nicht erneuerbar, sie ist nicht die Zukunft.“ Dann referierte sie wörtlich ihren Facebook-Eintrag, der für Irritationen gesorgt hatte: „Laut Weltklimarat kann Atom ein kleiner Teil einer großen Lösung sein.“

Die Irritation des Abends

Haseloff verwirrte Habeck und die gesamte Runde mit einer kühnen Attacke: „Wenn alle Grünenwähler denselben CO2-Ausstoß hätten wie CDU-Wähler, würden wir die Klimaziele 2020 erreichen.“ Habeck und Will antworteten unisono: „Das glaube ich nicht.“ Doch Haseloff hatte sich eingelesen: Ältere Studien weisen zumindest in die Richtung. Weil Grünen-Wähler im Durchschnitt jünger, wohlhabender und aktiver sind als andere, hätten sie zum Beispiel durch Reisen einen größeren ökologischen Fußabdruck.

Der Vorschlag des Abends

Lesch plädierte für einen „Energiesabbat“. Wer auf dem Sofa liege, anstatt irgendwo hinzujetten, spare bereits Energie. „Nichtstun kann sehr viel Unheil verhindern.“ Wohlan denn: Hinlegen als neue Volksbewegung. Oder auch: Chillen gegen die globale Erwärmung.

Der Generationenkonflikt des Abends

Haseloff warb um Verständnis bei der Aktivistin Kah: „Ich habe fünf Enkelkinder. Ich mache doch nicht Politik für die Jahre, die mir noch bleiben, sondern für diese jungen, nachwachsenden Menschen.“ Die Dortmunderin war nicht überzeugt: „Sie werden diese politischen und gesellschaftlichen Mehrheiten nicht finden, wenn Sie der Bevölkerung nicht sagen, wie es wirklich aussieht.“ Sie fühle sich einfach „nicht ernst genommen von der Politik“.

Von Jan Sternberg/RND

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