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Politik Castoren könnten nach Brokdorf
Nachrichten Politik Castoren könnten nach Brokdorf
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07:00 10.02.2015
Von Ulf Billmayer-Christen
Vattenfall-Manager Pieter Wasmuth (li.) lobte die Zusammenarbeit mit der Kieler Atomaufsicht und will nun prüfen, ob Atommüll aus Brunsbüttel nach Brokdorf kann. Den Vorschlag hatte Umweltminister Robert Habeck (Mitte) unterbreitet. Mit im Boot: der Leiter der Atomaufsicht Schleswig-Holstein, Jan Backmann. Quelle: Ulf Dahl
Kiel

Seine brisante Botschaft platzierte Habeck eher nebenbei. Der Grüne möchte die 517 Brennelemente, die im stillgelegten Reaktor Brunsbüttel abklingen, wie geplant 2016 aus dem Kraftwerk holen, damit Vattenfall mit dem Rückbau des AKW beginnen kann. Der Haken: Die Castoren mit den Brennstäben dürfen nicht in dem nahen Zwischenlager abgestellt werden, weil die Betonhalle aufgrund eines Gerichtsurteils nur noch mit einer befristeten Notlizenz des Landes betrieben wird.

 „Der schnellstmögliche Lösungsweg für die Brennelemente wäre Brokdorf“, sagte Habeck und legte nach. „Es ist denkbar, dass man auch die Castoren aus dem Zwischenlager Brunsbüttel nach Brokdorf bringt.“ Beides hatte Habeck bisher ausgeschlossen, weil Brokdorf eigentlich nur den selbst produzierten Atom-Müll einlagern darf. Eine Zwischenlagerung in Brokdorf sei atomrechtlich möglich, sagte Habeck am Montag. In Brokdorf (Restlaufzeit bis 2021) wäre gerade eben genug Platz für die insgesamt 20 Castoren aus Brunsbüttel (elf Behälter mit Brennstäben, neun aus dem dortigen Zwischenlager).

 Geht Habecks Rechnung auf, könnte Vattenfall das umstrittene Zwischenlager in Brunsbüttel schließen und damit Neuland betreten. Alle anderen deutschen AKW, ob stillgelegt oder in Betrieb, haben eigene Zwischenlager. Die Brokdorf-Lösung hätte einen für Schleswig-Holstein günstigen Nebeneffekt. Die Castoren aus Sellafield (England), die Deutschland ab 2017 aufnehmen muss, könnten weder in Brunsbüttel (kein Zwischenlager mehr) oder Brokdorf (voll belegt) untergebracht werden.

 Vattenfalls Generalbevollmächtigter für Norddeutschland, Pieter Wasmuth, nahm Habecks Vorstoß auf. Er kündigte an, die „Option“ zu prüfen und gegebenenfalls Gespräche mit dem Konzern Eon zu führen. Eon ist Mehrheitsgesellschafter von Brokdorf und müsste den Weg für Castortransporte freimachen. Klappt das, gebe es in Brunsbüttel keinen hochradioaktiven Müll mehr, sondern nur noch schwach- und mittelradioaktive Abfälle, darunter die insgesamt 632 teils schwer beschädigten Fässer in den Kellern des AKW.

 „Wir haben das Bergungskonzept für die Fässer genehmigt“, berichtete Habeck. Im Herbst will Vattenfall loslegen, die ersten 200-Liter-Fässer aus den Kavernen holen. Zum Einsatz sollen auch neue Spezialgeräte kommen, wie ein Deckel-Boden-Greifer. Mit seiner Hilfe sollen beschädigte Fässer geborgen werden. Mindestens 154 Stahlbehälter sind nach Jahrzehnten im Keller an- oder sogar durchgerostet. Die Bergung soll ferngesteuert in einem eigens abgetrennten Bereich (Unterdruck) erfolgen. Die Mehrkosten für die aufwendige Bergung der Rostfässer, bis zu 15 Millionen Euro, trägt Vattenfall.

 Wasmuth hofft, dass der gesamte Betriebsmüll Anfang 2018 in 58 Castoren verstaut ist. Sie sollen in die Bereitstellungshallen auf dem AKW-Gelände gebracht und sobald wie möglich im Schacht Konrad (Salzgitter) endgelagert werden. Der Schacht, der eigentlich in den 90er-Jahren öffnen sollte, dürfte aber frühestens 2022 in Betrieb gehen.