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18:49 15.11.2018
Eine aktuelle Bertelsmann-Studie zeigt: In deutschen Schulen hat Demokratiebildung nur einen mäßigen Stellenwert. Quelle: Armin Weigel/dpa
Berlin

„Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ Diese einprägsamen, leicht pathetischen Worte aus der Regierungserklärung Willy Brandts vom 28. Oktober 1969, klingen vermutlich sehr fremd in den Ohren von heute 13-Jährigen. Also in den Ohren von Mädchen und Jungen, die niemand anderes an der Spitze der Bundesregierung kennen gelernt haben als die pragmatische, nüchterne Angela Merkel.

Vermutlich fänden heute 13-Jährige es seltsam, vielleicht müssten sie sogar ein bisschen lachen, wenn ihnen ihr Lehrer – vor der Tafel bedeutungsvoll gestikulierend – plötzlich einen solchen Satz zurufen würde. Und das auch noch ergänzt um die Formel: „Mehr Demokratie soll es auch hier im Klassenzimmer geben.“ Das Zurufen können sich die Lehrer also sparen. Leben sollten sie den Satz in den Schulen aber unbedingt.

Denn die Demokratie kommt in der Schule zu kurz – als Thema, aber auch als Umgangs- und Lebensform. Das hat gerade eine Bertelsmann-Studie eindeutig ergeben. Von den 1200 Befragten Lehrern sagen zwar die meisten, dass sie einen fairen Umgang mit ihren Schülern pflegen. Aber ist konstruktive Kritik am Lehrer und seinem Unterricht von den Kindern und Jugendlichen gefragt, wird sie sogar eingefordert? Das wollen dann viele Lehrer doch lieber nicht. Oder wie wäre es mal mit einer Projektwoche zum Thema Demokratie? In aller Regel: Fehlanzeige.

Nur nur Daten und Formeln auswendig lernen

Freunde der alten Schule – in der Lehrer noch wie von Gott (oder vom Rohrstock) gegeben automatisch eine Autorität zu sein hatten – denken jetzt sicher: „Demokratie in der Schule? Wozu das denn?“ Sie meinen, die Kinder sollten konzentriert Geschichtsdaten und Matheformeln auswendig lernen. Und diese Menschen glauben auch noch, per Lehrplan ließe sich festlegen, was große Literatur ist. Vor allem aber sollen die Kinder sich brav unterordnen und den Lehrer nicht hinterfragen.

Was für ein Unfug! Populisten feiern Erfolge bei Wahlen, in Chemnitz brach sich Ausländerfeindlichkeit auf den Straßen aggressiv Bahn. Wir leben in Zeiten, in denen die Demokratie verteidigt werden muss. Zu einer wirksamen Verteidigungsstrategie gehört auch die Erkenntnis: Demokratie muss wie vieles andere erlernt werden.

Wo, wenn nicht in der Schule, soll das geschehen? Das gilt übrigens erst Recht, da Flucht und Migration unsere Gesellschaft verändern. Die Schule ist einer der wichtigsten Orte, an dem wir als Gesellschaft unsere Werte einüben und vorleben können. Wir müssen ein Volk der guten Sitznachbarn sein – schon in der Schule. Sonst schaffen wir es nicht ein Volk der guten Nachbarn zu sein.

Aber ist es von Lehrern, die oft unter schwierigen Bedingungen einen Knochenjob leisten, nicht zu viel verlangt, auch noch die Flagge der Demokratie im Klassenzimmer zu schwenken? Mindestens Brennpunktschulen müssen personell besser ausgestattet sein – möglichst so gut, dass sie auch für neue Zielgruppen wieder attraktiv werden. Es ist gesellschaftlich problematisch, dass Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund in der Schule so oft unter sich bleiben. Doch insbesondere hier ist es wichtig, jeden Einzelnen so zu fördern, dass er später als Bürger, aber auch als Arbeitnehmer oder Unternehmer seine Rolle gut wahrnehmen kann.

Was Schüler den Lehrern beibringen können

Denn das, was gute Demokratiebildung in den Schulen leisten kann, ist etwas, das am Arbeitsmarkt der Zukunft dringend gefragt ist: Es geht um die Fähigkeit, Abläufe zu hinterfragen, Dinge auch mal neu zu denken und im Team eine gemeinsame Grundlage herzustellen. Das ist wichtiger, als das Datum der Regierungserklärung Willy Brandts oder den Todestag Otto von Bismarcks auswendig zu können.

Wer weiß, womöglich ließe sich mit dem Wagnis von etwas mehr Augenhöhe zwischen Lehrern und Schülern sogar die Lösung eines großen Problems vorantreiben: nämlich, dass wir in den Schulen in Fragen der Digitalisierung soweit zurückhinken. Das wäre doch was: Bund und Länder einigen sich endlich auf die für den Digitalpakt notwendige Änderung des Grundgesetzes. Der Bund gibt Geld, die Länder bringen den Betrieb ins Laufen. Und die Schüler bringen den Lehrern bei, wie die Geräte funktionieren.

Von Tobias Peter/RND

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