Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Politik Brexit-Beziehungstest: Späte Liebe und bitterer Realismus
Nachrichten Politik Brexit-Beziehungstest: Späte Liebe und bitterer Realismus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:49 21.01.2019
„Aber wir hatten doch auch schöne Tage.“ –„Welche genau?“ Großbritannien und die Europäische Union. Quelle: Tim Irland/XinHua/dpa
Berlin

 Wenn die Beziehung nicht mehr zu retten ist, erinnern sich beide Seiten vielleicht noch einmal an die guten Zeiten, die man zusammen hatte. Vielleicht werden noch ein paar Briefe mit Herzchen garniert, einmal „Bleib doch“ gehaucht – aber eigentlich ist es zu spät. So geht es zurzeit auch zwischen der Europäischen Union und den Briten.

Sehnsucht nach Tee mit Milch und Linksverkehr

„Wir würden Großbritannien vermissen“, schrieben CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und knapp zwei Dutzend weitere Deutsche in einem Leserbrief an die „Times“. Einige Namen werden Briten sogar kennen und aussprechen können, zum Beispiel den des Ex-Arsenal-Torwarts Jens Lehmann. Was sie vermissen werden, zählten die „Krauts“ auch auf: Tee mit Milch, Pubs, schwarzen Humor und Linksverkehr. Nichts davon ist, bei Lichte betrachtet, vom Brexit gefährdet. Auch wird sich die Insel nicht komplett für deutsche Besucher abriegeln – Grenzkontrollen gibt es jetzt schon, eine Verschärfung ist unwahrscheinlich. Wer dauerhaft auf der Insel lebt, muss sich hingegen einem neuen Anmeldeverfahren unterziehen: Die britische Regierung lancierte am Montag eine neue Smartphone-App für EU-Bürger, die nach einem Brexit in Großbritannien bleiben wollen. Etwa 3,5 Millionen EU-Bürger werden nach einem Brexit einen neuen Antrag stellen müssen, um weiter in dem Land arbeiten zu können und staatliche Leistungen zu erhalten.

Doch nicht zuletzt gibt es auch noch ein anderes EU-Land, in dem Tee, Pints und Linksverkehr zu erleben wären – und in dem die Bewohner eine ganz klare Meinung zum Brexit haben, die Iren nämlich. Wenn er ihnen nicht Angst macht, gefallen sie sich in der Rolle derjenigen, die ihre Bindung zum Kontinent behalten.

Tony Blair: Europa sollte Briten weiterhin willkommen heißen

Ex-Premier Tony Blair nannte den Brief in einem Interview mit der „Welt“ und anderen Zeitungen „sehr hilfreich“. Blair meinte: „Die öffentliche Meinung in Großbritannien zum Brexit wandelt sich. Daher ist es sehr wichtig, dass Europa klar sagt, die Briten sind willkommen, sollten sie ihre Meinung ändern.“

Die Liebes-Offensive vom Kontinent begann bereits kurz vor Weihnachten. Die Europa-Abgeordnete Terry Reintke von den deutschen Grünen stellte ein Video auf Twitter: „I still love you!“ rief sie den Bewohnern von Brexitland zu. „Ich liebe euch immer noch, möge Europa ein friedlicher Ort blieben“.

Reintke traf einen Nerv – ebenso wie Jens Lehmann und die versammelte deutsche Polit-Prominenz. Sie sammelte 33.000 Herzchen auf Twitter ein und jede Menge tränenreicher Kommentare, die meisten davon aus Großbritannien. „Ich habe es so satt, ich habe uns schon aufgegeben“, schreibt eine Britin. „So schön, dass du uns noch nicht aufgegeben hast.“

„Wir hätten uns während der Brexit-Kampagne einmischen sollen“, sagte kurz nach Weihnachten dann auch der CSU-Politiker Manfred Weber, Kandidat für den Posten des EU-Kommissionspräsidenten, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wir hätten den Briten sagen sollen: Bleibt bei uns. Unser Schweigen war ein Fehler.“ Auch das sagen Paare gerne, wenn alles zu spät ist.

Verspätete Liebeserklärungen sind Sache der Deutschen

Doch es gab auch andere Reaktionen, besonders auf den Brief von Jens Lehmann und der deutschen Polit-Prominenz: „Hätte Deutschland sich in der Migrationsfrage bewegt, hätte David Cameron seinen Plan durchbekommen“ und das Referendum wäre anders ausgefallen, kommentierten mehrere „Times“-Leser.

Die verspäteten Liebeserklärungen an die Briten scheinen auch eher deutsche Sache zu sein. In anderen Ländern des Kontinents reagieren die Entscheidungsträger längst nicht so emotional auf die bevorstehende Scheidung. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sagte bei einer Bürgerversammlung klar und hart: „Die Briten werden in jedem Fall mit uns verhandeln müssen, denn 70 Prozent der Produkte in ihren Supermärkten kommen vom Kontinent.“ In der Sprache der Beziehungen heißt das so viel wie: „Geh doch, Liebling, aber frag mich nicht, wo du dann die Milch für den Tee herbekommst.“ Ein „harter Brexit“ werde die Verbraucher in Großbritannien weit stärker treffen als auf dem Kontinent, vermuten auch Ökonomen.

„Es geht um Großbritanniens Beziehung zu sich selbst“

Der Brexit erfüllt noch einen weiteren Klassiker aus dem Handbuch gescheiterter Beziehungen –nämlich die Phase „Es geht nicht um Dich, ich brauche nur ein bisschen Zeit für mich alleine.“ So argumentiert unter anderem Fintan O’Toole, Autor des Buches „Heroic Failure“ („Heroisches Scheitern“), eines der besten über den Brexit. „Es geht nicht um Großbritanniens Beziehung zu Europa“, schreibt O’Toole, „es geht um seine Beziehung zu sich selbst. Es ist die Projektion einer inneren Unruhe nach außen.“

Der Brexit habe nur gezeigt, wie zerstritten und überlebt das britische politische System seit Jahrzehnten ist. Die vergangenen Wochen in Westminster und Downing Street hätten gezeigt, dass es die inneren Spannungen sind, die das Land zerreißen. „Nicht die EU ist das Problem der britischen Demokratie. Sie ist es selbst.“

In Irland wird der Tag nach dem Brexit zum Härtetest

Fintan O’Toole, das muss man wissen, schreibt aus Dublin, dem verbleibenden EU-Land mit Linksverkehr und dunklen Pubs, das jetzt die Rückkehr der Unruhen der Vergangenheit befürchtet. Prompt meldete sich am Wochenende eine „neue IRA“ mit einem Anschlag in Derry.

Ob „Backstop“ oder „harte Grenze“, eines ist bereits jetzt klar: In Irland wird der Tag nach dem Brexit zum Härtetest. Bei einem „harten Brexit“ würde es Grenzkontrollen zwischen Nordirland und der Republik Irland geben –und am Tag nach dem geplanten Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU ist das große Rugby-Derby zwischen den Teams der Provinzen Ulster und Leinster angesetzt. Ulster ist Nordirland, Leinster ist die Region um Dublin, gespielt wird in der irischen Hauptstadt. 12.000 nordirische Gästefans werden sich auf den Weg machen – und sich von Grenzkontrollen höchstwahrscheinlich nicht aufhalten lassen.

Von Jan Sternberg/RND

Die Innenminister der Länder waren empört: Dass die AfD zum Prüffall des Verfassungsschutzes wird, hätten sie zu spät erfahren. Jetzt will der neue BfV-Präsident die Wogen glätten - und bekommt Rückendeckung von oberster Stelle.

21.01.2019

Er ist der dienstälteste Europa-Abgeordnete. Doch bei der Europa-Wahl im Mai will Elmar Brok (CDU) nicht mehr kandidieren. Er zieht damit die Konsequenz aus einer Niederlage in der eigenen Partei.

21.01.2019

Nach dem Anschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal haben die Außenmister der EU-Staaten Sanktionen gegen die zwei höchsten Führungskräfte des russischen Militärgeheimdienstes GRU verhängt. Sie werden für den Gebrauch des Nervengiftes verantwortlich gemacht.

21.01.2019