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Politik Das erste Mal im Wahllokal
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00:17 27.05.2013
Von Anne Holbach
Die meisten Schüler der Klasse 10d der Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule wollen am Sonntag zur Wahl gehen. Quelle: vr: Volker Rebehn
Kiel

An der Tafel in der Klasse 10d der Kieler Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule in Kiel ist eine große Zielscheibe aufgemalt. „Ich gehe wählen“, steht daneben und „Ich kenne mich mit Kommunalpolitik aus“. 22 Schüler tummeln sich davor, bewaffnet mit dicken Filzstiften machen sie Kreuzchen an den zutreffenden Stellen. Das Gesamtbild: Die meisten der Zehntklässler wollen morgen zwar wählen gehen, gut informiert fühlen sich aber die wenigsten.

 An diesem Vormittag steht deshalb eine Doppelstunde über die Kommunalwahl auf dem Lehrplan. Drei Teamer von der Landeszentrale für politische Bildung sprechen mit den Teenagern über das erste Mal im Wahllokal. Was sie am 26. Mai überhaupt wählen, will Sebastian Benteler von den Schülern wissen. „Die Kommune?“, wirft einer der Jungwähler vorsichtig in den Raum. Es sind Gemeindevertretungen und Kreistage, klärt der 27-Jährige die Jugendlichen auf. Seit 1998 können Jugendliche ab 16 Jahren in Schleswig-Holstein an Kommunalwahlen teilnehmen. 6,4 Prozent der Wahlberechtigten machen die Erstwähler in diesem Jahr aus – 150000 junge Menschen können morgen erstmals bei Kreis- und Gemeindewahlen abstimmen. In Kiel dürfen 3587 zum ersten Mal ihre Stimme abgeben, in Neumünster sind es 1631 Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren.

 Marco Büchmann aus Neumühlen-Dietrichsdorf will auf jeden Fall wählen gehen. „Ich interessiere mich für Politik und lese immer viel darüber“, sagt der 16-Jährige. Er hat sich schon entschieden, wo er morgen sein Kreuzchen machen will: „Mir ist es nicht wichtig, ob der Kandidat Karl-Heinz oder so heißt und sich für bessere Radwege einsetzt. Ich mache meine Entscheidung von der Partei abhängig.“ Seine Mitschülerin Yasmin Ewert ist sich dagegen noch nicht sicher, ob sie wählen geht. „Ich weiß noch nicht so viel darüber. Aber eigentlich finde ich es wichtig, weil die Politiker sich ja für unsere Interessen einsetzen.“

 Personennahverkehr, Sanierung von Schulen, Kulturpolitik: Die meisten der Zehntklässler haben sich bislang wenig mit kommunalen Themen beschäftigt. „Ich habe davon nicht wirklich Ahnung, obwohl man ja geradezu bombardiert wird mit Wahlwerbung“, erzählt Niklas Hoja. Der 16-Jährige ist sich noch nicht sicher, wem er seine Stimme geben soll. „Aber ich finde die Idee einer Stadtregionalbahn gut. Ich wohne in Stein und von dort komme ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer weg.“ Seine Klassenkameradin Friederike Schulze hat ihre Wahl schon getroffen: „Wir sind am Wochenende nicht da, deshalb haben wir Briefwahlunterlagen angefordert.“ Sie habe sich vorher die Internetseiten der Parteien angeschaut, um sich zu informieren. „Ich glaube aber, vor allem meine Eltern haben mich beeinflusst. Wir haben uns beim Abendbrot über die Wahl unterhalten und sie haben mir erzählt, was die einzelnen Parteien wollen.“

 Auch der Alltag eines Kommunalpolitikers ist den Jugendlichen fremd. Am Telefon dürfen sie FDP-Kandidat Dennys Bornhöft, der im Wahlkreis Wellingdorf/Dietrichsdorf antritt, mit Fragen löchern. Wie viel verdienen Sie und haben Sie noch einen Nebenjob? Und warum halten Politiker ihre Versprechen nicht? „Ich fand es gut, dass wir so persönlich mit dem Politiker sprechen durften und er uns ehrlich geantwortet hat“, sagt Nathalie Machentanz. „Ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass die Kommunalpolitiker nur wenig Geld bekommen. Ich dachte, die machen das alle hauptberuflich.“ Die 16-Jährige geht morgen sicher ins Wahllokal: „Ich finde es gut, dass wir in unserem Alter schon unsere Meinung einbringen können.“

 Hierfür warb in den vergangenen Wochen auch der Landesjungendring Schleswig-Holstein mit der Kampagne „Geh hin – (Be) Stimm mit!“. Gemeinsam mit Landtagspräsident Schlie und der Landeszentrale für politische Bildung gaben die Jugendverbände einen Flyer heraus, auf dem sie die wichtigsten Infos zur Kommunalwahl für die Erstwähler zusammenstellten. Rund 50000 Stück verteilten sie an Jugendliche und versuchten sie mit Diskussionsrunden und Infoveranstaltungen für den Wahlgang zu motivieren. Auch Stadtpräsidentin Cathy Kietzer appellierte auf Plakaten an die jungen Kieler: „Eure Stimme zählt!“

 „Ich finde es wichtig, bei den Jugendlichen das Interesse für Politik zu wecken“, sagt Weltkunde-Lehrerin Isabelle Harder, die die Teamer in ihre Klasse eingeladen hatte. „Wenn wir so nur die Hälfte der Klasse motivieren, wählen zu gehen, wäre das schon toll.“

 Das Projekt wird für Schulen auch zur Bundestagswahl angeboten. Infos bei der Landeszentrale für politische Bildung unter Tel. 0431/ 988-1646.