Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Politik Debatte um Zahnspangen – was bringen sie wirklich?
Nachrichten Politik Debatte um Zahnspangen – was bringen sie wirklich?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:12 03.01.2019
Das Gesundheitsministerium gab eine Studie in Auftrag. Diese Quelle: Stephanie Pilick/dpa
Berlin

Ein vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebenes Gutachten hält den medizinischen Nutzen von Zahnspangen und kieferorthopädischen Behandlungen für nicht ausreichend erforscht. Die Studien ließen „in Bezug auf die diagnostischen und therapeutischen kieferorthopädischen Maßnahmen keinen Rückschluss auf einen patientenrelevanten Nutzen zu“, heißt es in einer Meta-Studie des Berliner IGES-Instituts.

Zuerst hatte die „Bild“-Zeitung darüber berichtet. Ein Sprecher von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betonte, dass das Ministerium nicht an der Notwendigkeit kieferorthopädischer Leistungen zweifle.

„Keine abschließende Einschätzung“

Von Seiten der Regierung heißt es, dass aufgrund der Studie sich „keine abschließende Einschätzung“ zu den langfristigen Auswirkungen von Zahnspangen vornehmen lässt.

Dem Gutachten zufolge belegen Studien zwar Erfolge bei der Korrektur von falsch stehenden Zähnen und positive Auswirkungen auf die Lebensqualität der Patienten, aber die langfristige Auswirkung etwa auf Zahnausfall oder Parodontitis würden nicht betrachtet.

Regierung: Nutzen ist nicht ausgeschlossen

Dass Zahnspangen Probleme wie Karies, Parodontitis oder Zahnverlust verringern, könne zwar nicht belegt werden, sei aber der Untersuchung zufolge auch nicht ausgeschlossen, teilte das Ministerium in einer Richtigstellung dazu mit. „Prinzipiell bewertet den Nutzen einer Therapie nicht der Gesetzgeber“, hieß es weiter. Das Ministerium werde mit den Beteiligten „den weiteren Forschungsbedarf und Handlungsempfehlungen erörtern“.

Ausgaben für Zahnspangen knacken Milliarden-Marke

Die Analyse beschäftigt sich auch mit den Ausgaben der Krankenkassen für kieferorthopädische Behandlungen. Diese seien über die vergangenen Jahre hinweg kontinuierlich angestiegen und hätten 2017 mit 1,1 Milliarden Euro einen neuen Höchststand erreicht, heißt es in der mehr als 100 Seiten langen Untersuchung.

Die verschiedenen Daten dazu seien aber nur eingeschränkt vergleichbar. „Auf Basis der Daten kann daher nicht beurteilt werden, ob die Ausgaben in der kieferorthopädischen Versorgung den Kriterien der Wirtschaftlichkeit genügen“, schreiben die Autoren.

Spahn gibt Gutachten in Auftrag

Im Frühjahr hatte bereits der Bundesrechnungshof eine unzureichende Erforschung des medizinischen Nutzens kieferorthopädischer Behandlungen wie etwa Zahnspangen bemängelt. „Bild“ zufolge gab Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) anschließend das nun vorliegende Gutachten in Auftrag.

Welche Leistungen der medizinischen Versorgung von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden, legt der sogenannte Gemeinsame Bundesausschuss fest. Darin sind Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen vertreten.

SPD-Politiker fordert Überprüfung der Erstattungspraxis

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat nach dem jüngsten medizinischen Gutachten zum Nutzen von Zahnspangen gefordert, die Erstattungspraxis zu überprüfen. „Die Studienlage ist für mich nicht überraschend“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Die Vorteile von Zahnspangen sind nicht so gut belegt, wie viele Ärzte und Eltern annehmen. Der Gemeinsame Bundesausschuss muss deshalb bewerten, ob die derzeitige Erstattungspraxis die richtigen Anreize setzt oder nicht.“

Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, riet den Eltern, sich den Einsatz von Zahnspangen bei ihren Kindern „verantwortungsvoll und gut zu überlegen“. Wenn der Nutzen nicht erwiesen sei, würde er persönlich das nicht machen, so Hilgers zum RND. Allerdings habe er bei dem Thema keine Expertise.

Interview:
Zahnspange oder nicht?

Von RND/dpa/ka