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Politik Klimaproteste: Was die Schüler weltweit antreibt
Nachrichten Politik Klimaproteste: Was die Schüler weltweit antreibt
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09:30 14.03.2019
Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg (links, mit Mütze) nimmt an einer Demonstration in Hamburg teil. Quelle: www.imago-images.de
Berlin

Es passiert wieder einmal alles gleichzeitig. Luisa Neubauer steht in einem Fahrstuhl in Berlin-Mitte und möchte in ein Vollkornbrot beißen, aber das geht jetzt nicht. Das Handy brummt, und vor ihr hat sich ein Kamerateam in den Aufzug gequetscht. „Wie ist dein Tag hier?“, fragt der Fernsehreporter. „Ganz gut bisher“, antwortet Luisa Neubauer. „Es geht heute darum, zur richtigen Zeit die richtigen Sachen zu sagen.“

Neubauer, 22, ist so etwas wie das deutsche Gesicht der Fridays-for-future-Bewegung. Sie weist dieses Etikett regelmäßig zurück, weil es bei den Schülerstreiks für Klimaschutz ja darum geht, dass es Tausende Gesichter an vielen Orten gibt, die diese Bewegung Woche für Woche vorantreiben.

Die meisten dieser Gesichter hat sie nie gesehen. Immer sonntagabends schalten sich die Aktivisten zur Telefonkonferenz zusammen, es sind mehr als 70 Teilnehmer, die voneinander nur die Stimmen kennen.

„Wir sind die erste international über die sozialen Medien vernetzte Jugendklimabewegung“, sagt sie später im Interview mit dem RND. Die Schüler sagen die richtigen Sachen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nach Spuren von Nervosität muss man lange in ihren offenen Gesichtern suchen. Luisa Neubauer, die lange in der Grünen Jugend aktiv war: „Das betrifft jede Partei.“ Danach machen Luisa und Jakob Selfies vor der blauen Wand, schicken sie sofort auf ihre Instagram-Kanäle. Jeder Schritt wird dokumentiert für die Aktivisten da draußen. Die Vernetzung hört nie auf.

An diesem Freitag werden die Klimastreiks, die die Schwedin Greta Thunberg Ende vergangenen Jahres mit ihrem einsamen Protest vor dem Parlament in Stockholm begründet hat, erstmals global. 1325 Kundgebungen sind in etwa 100 Ländern geplant, allein in Deutschland soll es an 180 Orten Proteste geben, sogar tief im Braunkohleland in Cottbus. Die Bewegung wächst rasant – und wird damit immer unübersichtlicher.

In Berlin hat Luisa Neubauer es zwischen Anrufen und Interviewfragen geschafft, ihr Brot zu essen. Abgeklärt berichtet sie, wie ihr Streitgespräch mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier am Morgen abgelaufen ist. Es ist bei Weitem nicht ihr erstes mit einem Kontrahenten dieser Kategorie.

„Das ist eine ganz spannende Dynamik, die sich ein bisschen wiederholt“, sagt sie. Es ist einer der Sätze, an dem am meisten auffällt, wie sehr sie Profi geworden ist in den vergangenen Monaten. Vielleicht war sie es auch vorher schon, als Jugendbotschafterin für die Entwicklungsorganisation One hat sie ähnliche Treffen hinter sich.

Diese Bewegung hat schon jetzt eine ganze Reihe sehr junger und schon bemerkenswert professioneller Organisatoren hervorgebracht. Als seien die Zukunftsfreitage auch eine Art Trainingslager für angehende Aktivisten. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

„Wenn man das Ergebnis sieht, dann ist es großartig“

Man sieht ihm die Anstrengung an. Michael sitzt in einem neonbeleuchteten Klassenraum seiner Schule in Mazkeret Batya, einer Kleinstadt zwischen Jerusalem und Tel Aviv. Blaues Shirt, die dunklen Haare an den Seiten kurz, oben länger, so spricht er beim Interview via Skype in die Kamera seines Handys. Er wirkt müde und zugleich euphorisch.

„Die letzte Nacht war die erste seit Langem, in der ich immerhin mal wieder fast sechs Stunden geschlafen habe“, sagt er. Kopfschmerzen habe er dennoch. „Aber wenn man das Ergebnis sieht, dann ist es großartig, dann hält es einen wach.“

Das Ergebnis ist, dass israelische Schüler jetzt auch dabei sind. Das ist auch sein Werk.

Michael Bäcklund (16) hat die Fridays-for-Future-Proteste nach Israel gebracht. Es ist nicht seine erste Umweltaktion: Nachdem er mit seinen Eltern vor eineinhalb Jahren von Finnland nach Israel gezogen war, gründete er die Aktion plastikfreies Israel – nun konzentriert er sich auf den Streik. Quelle: RND

Michael Bäcklund ist also gerade mal 16 Jahre alt. Dennoch ist es nicht mal die erste Umweltaktion, die er mitbegründet hat. Es begann vor eineinhalb Jahren. Damals zogen seine Eltern mit ihm von Finnland nach Israel.

Für Michael war das zunächst ein Schock. „Ich kam von einem der saubersten Länder der Welt in eines der schmutzigsten.“ Wobei schmutzig hier so viel wie bedeutet wie sorglos im Umgang mit Plastik. „Überall gibt es Tüten, überall fliegt Kunststoff herum“,erzählt er.

Das wollte er ändern. Auf Instagram gründete er die Aktion plastikfreies Israel, bei der Jugendliche zum Beispiel Fotos von dem Plastikmüll posten, den sie eingesammelt haben. 1700 Menschen machen mit. Die Organisation hat er mittlerweile an andere abgegeben, es wurde ihm zu viel, „ich wollte mich auf den Streik konzentrieren“, sagt er in seinem makellosen Englisch, das er unter anderem in nationalen Debatten-Wettbewerben geschult hat.

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Michaels Eltern sind Juden, deshalb zogen sie nach Israel. Er selbst bezeichnet sich als Atheist. Es ist nicht seine Sache, Dinge einfach hinzunehmen.

Michael Bäcklund gehört zu jener neuen jungen Generation, die politisch wieder weit engagierter ist als ihre Vorgänger, eine Generation, die sich gerade für die Umwelt einsetzt. Am Ende stehen da Überzeugungen, Aktionen, über soziale Medien weltweit vernetzt. Am Anfang jedoch stehen oft persönliche Erlebnisse. Ein Anblick, von dem klar ist, dass man ihn nicht hinnehmen will. So wie die Plastiktüten bei Michael. Oder der Rauch bei Rebecca Hamilton.

„Was ist euer Plan, was wollt ihr für das Klima tun?“

Es war im vergangenen Sommer, wie jedes Jahr verbrachte die 16-Jährige die Ferien auf einer Insel vor der Küste Kanadas, nur war diesmal etwas anders. Tage-, sogar wochenlang brannten wegen der Trockenheit die Wälder. „Der Rauch war so dicht, dass man das Festland nicht mehr sehen konnte“, sagt sie. „Da wurde mir wieder klar, wie real der Klimawandel ist.“

Rebecca Hamilton (16) befördert den Schülerstreik in Kanada. Die Schülerin aus Vancouver fasste nach den schweren Waldbränden an der kanadischen Küste den Entschluss, etwas gegen den Klimawandel tun zu wollen. Seit mehr als zwei Monaten streikt sie an Freitagen – und hofft auf mehr Mitstreiter. Quelle: RND

Rebecca Hamilton lebt in Vancouver. 16 wurde sie erst vor ein paar Tagen. Eine sehr junge Frau, kurzes Haar, freundliches Lächeln, keine Spur von Verbissen-, wohl aber von Entschlossenheit. Seit Dezember macht sie bei den Freitagsstreiks mit. Greta, sagt sie, sei auch in Kanada bekannt, wenn auch nicht so sehr wie in Europa. Bisher machen 32 Städte mit, aber es könnten noch mehr Schüler sein, meint sie.

Die Kälte, dazu die Schwere des Themas, „wir reden über Katastrophen, über Tausende von Toten“, das halte manchen ab. Für Freitag bereitet sie deshalb eine Kunstaktion vor, mit Farbbändern, auf die man etwas schreiben kann. Und sie und ihre Mitstreiter denken schon mal weiter. In Kanada sind im Sommer Wahlen. „Wir fragen davor alle Politiker: Was ist euer Plan, was wollt ihr für das Klima tun?“

Die Zeit vor Wahlen ist eine gute Zeit, um gehört zu werden. Das wissen Rebecca und ihre Mitstreiterinnen. Sie sind jung, aber sie kennen die politischen Mechanismen.

„Die Politiker kommen auf uns zu“, sagt auch Bruna Lopes. „Aber wollen sie auch etwas ändern?“

Von politischer Naivität weit entfernt

Die 17-Jährige lebt in Porto, im Norden Portugals. Früher war sie bei den Pfadfindern und sammelte mit ihnen das Plastik von den Stränden. Jetzt organisiert sie im internationalen Willkommenskomitee die Kontakte zu neuen Ländern, die sich den Streiks anschließen wollen, gerade steht sie im Mail-Kontakt mit Schülern aus Mexiko und China.

Bruna Lopes (17) organisiert die Klimaproteste in der portugiesischen Hafenstadt Porto. Sie sammelte schon früher Plastik vom Strand mit den Pfadfindern. Die Schülerin hat ihre Hobbys weitgehend an den Nagel gehängt, um sich um die weltweite Vernetzung des Schülerstreiks zu kümmern. Quelle: RND

„Wir sind alle durch dasselbe Ziel verbunden“, sagt sie. Und für dieses Ziel nimmt sie viel in Kauf. Eigentlich reitet sie und spielt Klavier. Aber seit sechs Monaten hat sie nicht mehr auf ihrem Pferd gesessen, Klavier spielt sie nur mal kurz, wenn bei ihren Treffen zufällig eines in der Ecke steht.

Der Klimaprotest, so viel ist klar, ist bislang ein durchaus bürgerliches Projekt. Er hat seinen Ursprung in den Hamburger Elbvororten, wo Luisa Neubauer aufgewachsen ist, oder in den besseren Vierteln Portos. Und eher nicht in den Banlieues von Paris.

Der Freitag wird der bisherige Höhepunkt der Proteste, ihr Ende soll er noch lange nicht sein. In zwei Wochen zum Beispiel wird Greta Thunberg nach Berlin kommen, ihr Auftritt wird Tausende in die Hauptstadt ziehen. Und genau das sei auch nötig, glaubt Luisa.

Von politischer Naivität sind sie und ihre Mitstreiterinnen trotz der Jugend weit entfernt. „Es gibt für uns keinen Grund, darauf zu vertrauen, dass die Regierung irgendwas einhält“, sagt die Deutsche. Und da klingt sie kaum anders als Bruna, die Portugiesin. „Dass die Politiker uns reden lassen, aber dass nichts passiert“, sagt sie, „das ist ein Gedanke, der mir regelrecht wehtut.“

Von Thorsten Fuchs und Jan Sternberg/RND

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