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Politik Die Preußen stehen vor der Tür – und wollen ihr Erbe von Bund und Ländern zurück
Nachrichten Politik Die Preußen stehen vor der Tür – und wollen ihr Erbe von Bund und Ländern zurück
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19:44 12.08.2019
Wer darf im Potsdamer Schloss Cecilienhof wohnen? Hohenzollern-Chef Georg Friedrich Prinz von Preußen fordert ein kostenfreies Dauerwohnrecht für seine Familie.Architekten Paul Schultze-Naumburg. Quelle: Eberhard Thonfeld /camera 4
Oranienburg

Philip Kiril Friedrich Wilhelm Moritz Boris Tanko von Preußen ist als Schüler mal darum gebeten worden, mit seinen sieben Vornamen in einem Poesiealbum zu unterschreiben. Die Schulfreundin amüsierte sich köstlich – darüber, dass er Friedrig mit „g“ in das Buch kritzelte.

„Ich habe diese Namen einfach so selten benutzt in meinem Leben“, sagt Philip Kiril von Preußen bei einem Spaziergang durch seine Heimat in einem kleinen, malerischen Ort am Rande Oranienburgs. Zwei seiner sechs Kinder hat er zum Treffen am See mitgebracht, Familie sei wichtig. Er sagt „Kernfamilie“, wenn er seine Frau und Kinder meint. Der Kern der Familie, aus der er selbst stammt, umfasst etwa 100 Personen.

Es ist die Familie, über die derzeit die Republik spricht: das Geschlecht der Hohenzollern, deutscher Hochadel, Eroberer von Königreichen und Fürstentümern, Nachfahren des letzten Kaisers. Die Familie von Preußen, die den Namen ihrer einstigen Herrschaftsgebiete trägt, streitet mit der Bundesregierung, dem Land Brandenburg und Berlin um alten Besitz. Es geht um die Folgen des Ersten Weltkriegs, des Endes der Monarchie und des Zweiten Weltkriegs; um Enteignung durch die Weimarer Republik, die sowjetischen Besatzer und die DDR-Regierung.

Mit dem Blick von außen: Philip Kiril Prinz von Preußen vor dem Schloss Oranienburg, das einst der Familie gehörte. Quelle: Gregor Fischer

Jahrelang verliefen die Verhandlungen im Stillen. Im Juli dann gelangten Details durch einen „Spiegel“-Bericht unter dem Titel „Vom Stamme Nimm“ an die Öffentlichkeit und traten eine Debatte los – um Geld, Macht und: Deutungshoheit.

Ausschlag für Empörung gab vor allem der Katalog an Forderungen, den das Haus Hohenzollern den Verhandlungspartnern vor einigen Wochen vorgelegt hat. Demnach verlangt die Familie die Rückgabe Tausender Kunstgegenstände, etwa den Sterbesessel Friedrichs II. von 1786, das weltberühmte Watteau-Gemälde „Die Einschiffung nach Kythera“ oder das prunkvolle „Neuwieder Kabinett“, eines der extravagantesten Möbelstücke, die je in Europa hergestellt wurden. Zudem fordert sie ein kostenfreies Dauerwohnrecht im Schloss Cecilienhof in Potsdam – ersatzweise im Schloss Lindstedt in Potsdam oder in der Villa Liegnitz am Rande von Sanssouci, deren öffentlich finanzierte Renovierung für knapp 8 Millionen Euro gerade beginnt. Und schließlich 1,2 Millionen Euro Entschädigung vom Land Brandenburg für die Enteignung nach 1945.

Vom „Scherz eines Adeligen, der im 21. Jahrhundert nicht angekommen ist“, schrieb der „Spiegel“. Von „sprachlos machender Maßlosigkeit“ sprechen Historiker. Für realitätsfremde, provokative Forderungen halten es auch die Verhandlungspartner von Bund, Ländern und Museen dem Vernehmen nach. Offiziell heißt es von allen Seiten: Die Positionen liegen weit auseinander, eine einvernehmliche Lösung bleibt das gemeinsame Ziel.

Wie sieht es hinter den Kulissen aus? Worum geht es wem im Einzelnen? Wie konnte es zu einer derart verfahrenen Situation kommen?

Aus der Erbfolge entfernt

Philip Kiril Prinz von Preußen, Pfarrer in Oranienburg, steckt historisch betrachtet mittendrin, schaut aber doch von außen drauf. Er wurde 1968 als Prinz von Preußen geboren, so wie seine zwei Söhne und vier Töchter als Prinzen und Prinzessinnen später auch. Philip Kiril Prinz von Preußen ist Namensträger der preußischen Hohenzollern-Linie. Und dennoch nicht Mitglied des Hauses.

Sein Vater Friedrich Wilhelm, ältester Sohn des letzten Kronprinzen, heiratete einst eine Bürgerliche. Das widerspricht dem strengen „Hausgesetz“ der Hohenzollern, das bis heute gilt und das vorsieht, dass „ebenbürtige“ Ehen nur mit anderen Adeligen eingegangen werden dürfen. Der letzte Kronprinz schloss also seinen Erstgeborenen aus der Erbfolge aus – und damit auch dessen Erstgeborenen Philip Kiril. Das Bundesverfassungsgericht urteilte 2004 zwar, dass die Enterbung verfassungswidrig ist, vom Haus ist Friedrich Wilhelm dennoch nie anerkannt worden.

Klickt man sich durch den Stammbaum auf der Familienwebsite www.Preussen.de, sind dort zwar die Namen der Enterbten aufgeführt, im Bild – wie alle anderen – existieren sie nicht.

Philip Kiril von Preußen hätte deutscher Kaiser werden können, gäbe es die Monarchie noch. Er hätte Chef der preußischen Hohenzollern werden können, gäbe es das strenge Hausgesetz nicht. Heute ist das sein Cousin, Georg Friedrich Prinz von Preußen. Der führt nun die Verhandlungen über das Familienvermögen. Seit zwanzig Jahren herrsche Funkstille, sagt Philip Kiril von Preußen. Er sei von klein auf nie als Teil der Familie akzeptiert oder zu Festen eingeladen worden, aber: „Die äußeren Umstände sind, wie sie sind. Innerlich hege ich keinen Groll“, sagt er.

Das Recht jedes Deutschen?

Philip Kiril von Preußen aber wirkt gelassen, friedsam, verständnisvoll. Er pflichtet seinem Vetter bei in dessen Vorhaben, die offenen Vermögensfragen der Familie ein für alle Mal zu klären.

„Georg setzt nur das fort, was unser Großvater nach der Wende angestoßen hat.“ Über die Rückgabe enteigneter Besitztümer zu verhandeln sei etwas, das jedem Deutschen zustehe und was auch andere Adelshäuser für sich genutzt hätten. Ohne die Finanzen seines Vetters genau zu kennen, sagt er: „Arm ist die Familie nicht, aber es wird auch kein Vermögen sein, das für alle Zeiten reicht.“

Allerdings sei eine Königsfamilie, auch eine vormals regierende, immer auf das Wohlwollen des Volkes angewiesen. „Da braucht es Fingerspitzengefühl, wenn nötig auch Zurückstellen der eigenen, vielleicht sogar berechtigten Ansprüche.“

Kämpft für die Interessen seiner Familie: Hohenzollern-Chef Georg Friedrich Prinz von Preußen, hier als Botschafter der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in der Friedenskirche. Quelle: Ralf Hirschberger/dpa

Die Dinge sind kompliziert. Es gibt die juristische Ebene und es gibt die moralische Ebene, auf beiden spielt die Auseinandersetzung. Dabei ist schon die rechtliche Seite so verworren wie nur denkbar. Grundlage der heutigen Verhandlungen ist ein fast hundert Jahre altes Vertragswerk. Nach der Abschaffung der Monarchie 1918 beschlagnahmte die neue republikanische Regierung sämtlichen kaiserlichen Besitz. Nach langen Wirren und einem missglückten Volksentscheid zur Fürstenenteignung wurde 1926 per Vertrag eine Vermögensregelung getroffen – in der schon damals vieles offen blieb.

Was ist Staatseigentum, was ist Privatbesitz? Wie soll man Anschaffungen aus vorherigen Jahrhunderten überhaupt bewerten? Oft mangelte es schon an einfachen Kaufbelegen. Die Familie behielt einen Teil der Schlösser und bekam 15 Millionen Mark. Schon damals sorgte dieses „Gesetz über die Vermögensauseinandersetzung zwischen dem Preußischen Staat und den Mitgliedern des vormals regierenden Preußischen Königshauses“ im Volk für Unmut – den Ersten Weltkrieg im Hinterkopf, an dessen Entwicklung Wilhelm II. maßgeblich beteiligt war.

Der Pultschreibschrank von David Roentgen, "Neuwieder Kabinett" 1779, aus dem Besitz König Friedrich Wilhelm II. gehört zu den schönsten Ausstellungsstücken des Berliner Kunstgewerbemuseums im Schloß Köpenick. Geht er nun zurück in den Privatbesitz? Quelle: Hubert Link/dpa

Der Zweite Weltkrieg verkomplizierte die Lage weiter. Mit der Bodenreform nach 1945 folgte die nächste Enteignung durch die sowjetische Militäradministration. Die Besatzer warfen den Hohenzollern vor, mit den Nazis kollaboriert zu haben, und entzogen ihnen das Wohnrecht in den Schlössern im Osten.

Genau das aber will Familienoberhaupt Georg Friedrich von Preußen nun zurück. Plus eine Entschädigung von 1,2 Millionen Euro für die Enteignung, eine symbolische Summe, die sich nach dem Ausgleichsleistungsgesetz von 1994 berechnet. Die aber steht niemandem zu, der dem Nazi-Regime „nachweislich Vorschub geleistet“ hat. Ob dies geschah, etwa durch Wahlaufrufe für die NSDAP, darüber streiten Historiker beider Seiten.

Das zuständige Land Brandenburg hatte die Entschädigungsforderung vor fünf Jahren geprüft und dem Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen (BADV) im Rahmen der Beteiligungserfordernisse vorgelegt. Das bestätigte die Auffassung des Landes – und so erhielt Georg Friedrich von Preußen am 27. Oktober 2015 einen Bescheid vom Land, die Ausgleichszahlung von 1,2 Millionen werde nicht gewährt. Einen Monat später ging ein Schreiben beim Verwaltungsgericht Potsdam ein: Der Prinz klagte gegen diese Entscheidung. Das Land, vor allem das Finanzministerium um Linken-Politiker Christian Görke, fasste das als Affront auf.

Die geforderten 1,2 Millionen Euro sind ein strittiger Punkt. Die Summe aber ist verschwindend gering – angesichts der Kunstgüter, um die es praktisch seit 1926 geht: um Tausende Gemälde, Skulpturen, Porzellane, Möbel und Bücher, vor allem aus dem ehemaligen Schloss Monbijou, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. „Das sind Kunstwerke von Weltbedeutung, teils Weltkulturerbe, wer soll da je ein Preisschild dran machen?“, sagt einer, der mit am Verhandlungstisch sitzt. Auch Georg Friedrich Prinz von Preußen hatte die Gelegenheit, Stellung zu beziehen. Auf eine Anfrage bei seinem Medienanwalt reagierte er aber nicht.

Misstrauen auf allen Seiten

Museen fürchten um ihren Bestand, teils um ihre Existenz – auch wenn das Haus Hohenzollern immer wieder betont, die Kunst werde der Öffentlichkeit zugänglich bleiben. Von der Gegenseite heißt es: Etliche Leihverträge mit Kunst aus unstrittigem Hohenzollern-Besitz habe das Haus bereits gekündigt. Die Familie betont auch, sie fühle sich der Bewahrung der Kunstschätze verpflichtet. Dementgegen steht, dass Georg Friedrich 2015 in London einige bedeutsame Stücke bei Sotheby’s versteigerte – kurz bevor das Kulturgutschutzgesetz in Kraft trat, das so etwas verbietet.

Das Misstrauen auf allen Seiten ist groß, die Kompromissbereitschaft klein. Das Finanzministerium Brandenburg hat die Fortsetzung des Gerichtsverfahrens um die Entschädigungsforderungen bereits beantragt. Bis zum Beginn der Verhandlungen kann es Monate dauern. Bis zur Landtagswahl in Brandenburg sind es knapp drei Wochen. Linken-Bundeschefin Katja Kipping hat mit Landesspitzenkandidat Sebastian Walter vor einer Woche medienwirksam Schloss Cecilienhof besucht. Und eine Volksinitiative gestartet, um den Landtag zu einer harten Linie zu verpflichten. Landesfinanzminister Görke ist bereits auf dieser Linie. „Eine vertrauensbildende Maßnahme wäre gewesen, die Klage von 2015 zurückzuziehen“, sagt er. Aber dafür sei es jetzt zu spät.

Privatbesitz – oder Allgemeingut? Das dritte Gästezimmer des Schlosses Sanssouci war wie alle anderen Zimmer zu Beginn des 20. Jahrhunderts dicht behängt mit wertvollen Kunstwerken. Quelle: Schlösserstiftung/dpa

Vor Gericht müssten nun Historiker entscheiden, wie es um die NS-Verstrickungen der Familie besteht. Viele sehen die Familie in der schlechteren Position. „Sie haben sich mit ihren überbordenden Forderungen verzockt“, urteilt Görke.

Seit dem Ende der DDR geht es im Hause Hohenzollern wohl auch darum, die Rolle der Dynastie noch einmal zu definieren. Angefangen hat das möglicherweise schon an jenem Augusttag 1991, als die Gebeine des Alten Fritz umgebettet wurden, von der schwäbischen Stammburg Hohenzollern nach Potsdam, unter den Augen Zehntausender Schaulustiger, inszeniert als Staatsakt im Fernsehscheinwerferlicht, im Beisein von Helmut Kohl und Kaiser-Enkel Louis Ferdinand. „Heimkehr der Preußenkönige“ titelten die Zeitungen damals.

Von Julia Rathcke

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