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Politik Ein Mann, der die Dinge beim Namen nennt
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08:45 19.01.2017
Gauck bei seiner Abschiedsrede im Schloss Bellevue. Quelle: dpa
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Berlin

Joachim Gauck hat einiges bewegt in seiner Zeit als Bundespräsident. Erst verhalf er Angela Merkel trotz großer Kandidaten-Not zu einer überraschenden Sympathie-Allianz für seine Wahl. Dann tilgte er souverän die unangenehmen Spuren, die die Vorgänger Horst Köhler und Christian Wulff hinterlassen hatten. Schließlich schaffte er es, zu einem politisch wahrnehmbaren Präsidenten zu werden. In den USA weinte er vor Rührung, zu Russlands Staatschef Wladimir Putin fuhr er gar nicht erst und in der Türkei sprach er unbequeme Wahrheiten erfrischend deutlich aus. Am Ende brachte er auch noch die Größe auf, nach fünf Jahren zu gehen. Rechtzeitig genug, ehe es zu vielen zu viel wurde.

Die Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Von Theodor Heuss bis Joachim Gauck.

Gauck reibt sich mit Inbrunst an Schwätzern und Fälschern

Sogar den großen Ruck gab es in der Ära Gauck. Aber nicht durch seine vielen Reden, auch nicht durch die letzte „große“ im Bellevue. Für Unruhe und Bewegung sorgen eher die anderen, die Schwätzer, Fälscher und Vereinfacher. An ihnen reibt sich dieser Bundespräsident mit einer Inbrunst, für die allein ihm der höchste Orden der Republik verliehen werden müsste – wenn er diesen nicht schon qua Amtes besäße.

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Der durchtriebene AfD-Provokateur Björn Höcke ist einer von denen, die Demokratie als Selbstbedienungsladen missbrauchen. Er verhöhnt das Gedenken an Millionen Opfer der Nazi-Gräuel als Schwäche der Demokratie. Auch wegen solcher Hetze im Siegestaumel zweistelliger Umfragewerte und eines gescheiterten NPD-Verbots werden anständige Gesinnungspropagandisten wie Gauck gebraucht. Demokratie ist nicht mit einer Ewigkeitsgarantie ausgestattet. Schuldig macht sich, wer nur zusieht.

Das ist Gaucks unbequemes Fazit. Zwischendurch brachte ihm dieses Denken den Vorwurf des Kriegstreibers ein. Einer, der kräftig austeilt, muss demokratisch gesittet auch damit leben. Die These vom „Dunkeldeutschland“ war auch nicht sehr hilfreich. Deutschland hat sich verändert, aber nicht wegen Gauck. Immerhin ist das scheidende Staatsoberhaupt einer, der die Dinge beim Namen nennt, der sich nicht für unersetzlich hält und der an eine gute Zukunft glaubt.

Ohne Freiheit ist alles nichts

Mit seiner Abschiedsrede hat Joachim Gauck der Kanzlerin einen Auftrag für die politische Praxis mitgegeben. Gefragt seien Impulse zum Mitmachen. Man müsse überall für seine Thesen streiten, nicht nur im Zwiegespräch mit dem CSU-Chef. Leider fiel dem Bundespräsidenten auch gestern nichts dazu ein, wie wichtig soziale Gerechtigkeit ist, gerade auch dann, wenn man wie er propagiert, dass ohne Freiheit alles nichts ist. Für den Pastor aus der ehemaligen DDR ist die Freiheit bis heute ein täglich neu als Geschenk empfundener Wert. Anderen geht diese scheinbar immer gleiche Litanei mächtig auf die Nerven. Umso wichtiger ist es, dass Gauck stur sein Credo von der Mitmach-Gesellschaft predigte.

Von RND/Dieter Wonka

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