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08:00 20.12.2018
Ein Meer von Müll – hier angeschwemmt am Strand der libanesischen Hauptstadt Beirut am östlichen Mittelmeer. Quelle: dpa
Hannover

Plastikmüll, das weiß inzwischen jeder, ist überall, sogar am nördlichsten Punkt der Erde. Doch wenn die Touristen nach Spitzbergen oder Grönland kommen, wenn ihr Schiff an den klirrenden Eiswüsten vorüberzieht, wenn sie die märchenhaften Skulpturen aus Schnee bestaunen, dann wirken die Berge, die in ungewöhnlichen Farben leuchten, gewaltig. Es sind Plastikhaufen in Rot, Grün, Gelb, Blau.

„Jeder, der das sieht, ist erst einmal nachhaltig geschockt. An manchen Stellen ist es so unglaublich schmutzig wie in den Tourismushochburgen am Mittelmeer – obwohl hier doch kaum ein Mensch lebt“, sagt Birgit Lutz.

Die Schriftstellerin und Expeditionsleiterin aus Neumark in Oberbayern ist seit zehn Jahren in der Arktis unterwegs, 15-mal hat sie schon den Nordpol erreicht. Regelmäßig begleitet die 44-Jährige Segeltörns zum zweitkältesten Ort der Erde. Wenn die Touristen an Land gehen, nehmen sie große Säcke mit, um wenigstens einen Teil des Unrats einzusammeln.

Mächtige Knäuel, in denen sich Tiere verfangen

Irgendwo in der Welt ist der Müll einmal ins Meer geweht – oder absichtlich hineingeworfen worden. Alles liegt herum, was vorstellbar ist: Plastikflaschen und Kunststoffbestecke, Zahnbürsten und Strandlatschen, Barbiepuppen und Bälle, Unmengen von Verpackungsbändern aus Kunststoff.

Ein großer Teil des Unrats stammt von der Schifffahrt, die angeschwemmten Fischernetze und Kabel bilden zusammen mit den Plastikbändern mächtige Knäuel, in denen sich Tiere verfangen können. Manchmal hängen Skelette und Knochen daran – Zeugnisse qualvoller Todeskämpfe. Einmal entdeckten Birgit Lutz und die anderen Sammler Schädeldecken von sieben Rentieren im Geflecht. Die Tiere hatten sich offenbar so aussichtslos darin verheddert, dass Eisbären sie in aller Ruhe verspeisen konnten. „Diese Vorstellung hat mir die Tränen in die Augen getrieben“, sagt Lutz.

150 Millionen Tonnen Müll sind im Meer

Auch das bringt manche zum Heulen: Offenbar gibt es keinen Ort mehr in der Welt ohne Plastikmüll, ob zu Lande, zu Wasser oder in der Luft. Am größten wirkt die Plastik-pest im Wasser, der Unrat schwimmt wie ein Boot auf der Oberfläche, verschandelt die Strände selbst abgelegener Inseln, durchsetzt das arktische Meereis, liegt im Magen von Walen oder tief am Meeresgrund. 150 Millionen Tonnen Müll, so offizielle Schätzungen, sind bereits jetzt im Meer. Jedes Jahr kommen fünf bis 13 Millionen Tonnen hinzu, haben Fachleute der University of California und der University of Georgia errechnet. Das entspricht einer Lastwagenladung pro Minute. Im Jahr 2050 könnte die Menge an Plastik die der Fische übersteigen, heißt es in einer vom Weltwirtschaftsforum in Auftrag gegebenen Studie.

Zeit zum Handeln, meint die Europäische Union. Am Mittwoch haben sich die EU-Mitgliedsstaaten mit dem Europaparlament darauf geeinigt, Ernst mit dem im Frühjahr angekündigten Verbot von Wegwerfartikeln zu machen. Ab 2021 sollen Plastikteller, Plastikbesteck oder Trinkhalme aus dem Handel verschwinden, die oft in der Umwelt landen und über Jahrzehnte nicht abgebaut werden. „Diese Vereinbarung hilft wirklich, unsere Menschen und unseren Planeten zu schützen“, schreibt nun EU-Kommissionsvize Frans Timmermans. Denn ein Großteil landet irgendwann im Meer.

Was es in Europa bald nicht mehr geben wird

Nordseeinseln schwimmen im Plastikmüll, bei Wattwanderungen knirschen Kunststoffteile unter den Füßen. Die Ufer des Mittelmeers gleichen Müllkippen. Von Australien bis Bali reiten Surfer auf Müllwellen, Taucher sehen bald mehr Plastikflaschen als Meeresbewohner, die ohnehin durch den Klimawandel gebeutelten Mangroven und Korallenriffe ersticken im Plastik – buchstäblich. In den fünf riesigen Müllstrudeln der Ozeane – im Nord- und Südpazifik, im Nord- und Südatlantik und im Indischen Ozean – drehen Millionen Tonnen von Abfall ihre Runden.

Die Folgen sind verheerend. Weltweit sterben jährlich eine Million Vögel und 100 000 Meeressäugetiere am Plastikmüll in unseren Meeren, berichtet der Umweltverband WWF. Längst Sinnbild der Plastikpest sind all die Bilder von gestrandeten Walen, die Wagenladungen von Müll im Magen haben. Arktis-Forscherin Lutz berichtet auf ihrem Blog, wie Eisbären und Seelöwen mit tödlichen Schlingen kämpfen. „Wenn Sie das einmal gesehen haben, werden Sie die Bilder nie wieder los“, sagt sie.

B“Sie werden die Bilder nie wieder los“: Arktisforscherin und Buchautorin Birgit Lutz. Quelle: imago

Allerdings macht der sichtbare Müll gerade einmal einen Bruchteil von dem aus, was im Meer schwimmt. Nahezu der ganze Plastikmüll verschwindet irgendwann von der Oberfläche in die Tiefen. Auch Plastikarten, die leichter sind als Wasser, sinken ab, wenn sich Muscheln und Algen an ihm festsetzen und ihn in die Tiefe ziehen. Durch UV-Strahlung, Wellen und Sauerstoff zerfällt das Plastik zudem in immer kleinere Teilchen, sie verklumpen mit Mikroorganismen und fallen als Bestandteil des „Marine Snow“ (maritimer Schnee) auf den Boden. An einigen Stellen in den Weltmeeren gibt es Studien zufolge bereits 60-mal so viel Plastik wie Plankton.

Fische fressen dieses Mikroplastik, also Kunststoffpartikel, die kleiner als fünf Millimeter sind. Nach bisherigen Erkenntnissen reichert sich der Müll aber nicht in den Mägen an, vielmehr wird er mit dem Kot der Fische wieder ausgeschieden und sinkt auf den Grund.

Gefahren aus der Tiefe

Wie sich die Verschmutzung in der Tiefsee auf das Ökosystem auswirkt, sei aber bislang kaum erforscht, sagt Lars Gutow, Biologe und Experte für Meeresverschmutzung am Alfred-Wegener-Institut (AWI) Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Erste Versuche unternahmen er und Kollegen mit Meerasseln. Dabei zeigte sich, dass die Krebstiere die Partikel „wie natürliche Nahrung in sich hineinschaufeln“, diese jedoch dank eines ausgeklügelten Filtersystems im Magen direkt wieder ausschieden. Alles also halb so wild? Nicht für Gutow: „Jeder Organismus reagiert anders.“

Plastik kann zum Beispiel in bestimmten Kleinsttieren Stress auslösen, der normalerweise als Abwehrreaktion auf schädliche Bakterien und Viren auftritt. Doch er könne sich ebenso gegen die Tiere selbst wenden. Miesmuscheln etwa reagierten auf hohen Kunststoffkonsum mit Entzündungen. Bisher seien die Folgen zu vernachlässigen, sagt Gutow, und betont: „Bisher.“

„Das Zeug ist überall da draußen“

Aber was passiert auf längere Sicht? Der Wissenschaftler sitzt in seinem Büro an der Bremerhavener Doppelschleuse, vor ihm kräuselt sich die Weser. Er wirkt besorgt: „Das Zeug ist überall da draußen. Wir pumpen in wahnsinnig schneller Zeit unglaubliche Mengen Plastikmüll ins Meer. Die Umwelt und die Organismen haben überhaupt keine Möglichkeit, sich daran anzupassen.“

Dabei hat das Kunststoffzeitalter seinen Gipfel noch nicht erreicht. Seit den Sechzigerjahren hat sich die globale Produktion verzwanzigfacht, derzeit werden 335 Millionen Tonnen pro Jahr hergestellt. Mehr als ein Drittel wird allein für Verpackungen verwendet. Experten gehen davon aus, dass sich die Produktionsmenge in den nächsten 20 Jahren noch einmal verdoppeln wird, wenn es so weitergeht. Laut offiziellen Schätzungen gelangt jede dritte Verpackung in die Umwelt, hauptsächlich in die Meere. Achtlos weggeworfene Chipstüten und Plastikflaschen werden vom Wind in die Flüsse geweht, Unrat wird mutwillig in Gewässern entsorgt – und von dort gelangt er irgendwann in die Ozeane.

Ein Sparprogramm – auch für die Verbraucher

Arktis-Expertin Birgit Lutz hat einmal 8642 mitgebrachte Stücke Müll aufwendig analysieren lassen. Das Ergebnis: Der meiste in der Arktis gefundene Abfall stammte originär aus Russland, gefolgt von Dänemark, Norwegen und Deutschland. Bei gut einem Drittel handelte es sich um Abfall von Fischerbooten.

Zwar gelten die südostasiatischen Länder als größte Plastiksünder weltweit, vor allem wegen unzureichender Entsorgungssysteme. Doch was die Herstellung angeht, stehen die Europäer nach China an zweiter Stelle. Bis vor Kurzem haben sie den Großteil ihres Kunststoffmülls nach China verschifft – bis Peking die Einfuhr stoppte. Am Massentourismus und Fischfang, beides Industrien mit intensivem Plastikverbrauch, tragen die Europäer sowieso einen guten Anteil.

Das soll sich jetzt zumindest teilweise ändern. Die EU-Kommission verspricht sich von dem Einwegplastik-Verbot und höheren Recyclingquoten insgesamt große Umweltvorteile. Die Pläne sollen den Ausstoß von Kohlendioxid um 3,4 Millionen Tonnen verringern. Bis 2030 könnten Umweltschäden im Wert von 22 Milliarden Euro vermieden werden, hieß es. Und: Verbraucher könnten bis zu 6,5 Milliarden Euro sparen. „Ich glaube, es ist uns hier wirklich etwas Einzigartiges gelungen, wir sind weltweit Vorreiter“, sagte die österreichische Umweltministerin und Verhandlungsführerin Elisabeth Köstinger erleichtert am Mittwochmorgen in Brüssel. „Das ist ein sehr, sehr wichtiges Signal dagegen, dass die Plastikverschmutzung mittlerweile wirklich immens um sich greift.“

Schwimmende Zeitbomben

Tatsächlich entdecken Forscher immer neue, bedrohliche Auswirkungen der Plastikflut. Biologe Gutow beobachtet etwa mehr Kleinsttiere und Bakterien, die sich vom Plastikmüll über die Ozeane in andere Länder tragen lassen. Diese „Seefahrer“ könnten zum Teil jahrelang auf potenziellen Flößen wie Zahnbürsten oder Müllpontons überleben und sich sogar vermehren, bis sie vor anderen Küsten Fuß fassen. „Der Plastikmüll schafft sozusagen Autobahnen für Organismen über die Ozeane, ermöglicht vor allem in äquatorialen Gegenden eine effiziente Verbreitung, die zuvor nicht möglich war“, sagt Gutow.

So hat es beispielsweise eine Meerassel, die in ihrer Form an eine Kakerlake erinnert, vom wärmeren Atlantik in die Algenwälder vor Helgoland geschafft. Vor der Nordseeinsel findet man mittlerweile etliche der metallisch glänzenden Asselart „Idotea metallica“. Was sich ein wenig nach Kolumbus-Romantik anhört, könnte fatale Folgen haben: Die Eindringlinge verändern Ökosysteme, beeinflussen die Nahrungsketten und schleppen Krankheitserreger in weit entfernte Gebiete ein – und sind so schwimmende Zeitbomben.

Von Sonja Fröhlich

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