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16:01 08.08.2019
Der globale Klimawandel hat auch Auswirkungen auf Deutschland: Am Rheinufer macht ein rissiger und ausgetrockneter Boden der Natur zu schaffen. Quelle: Federico Gambarini/dpa
Berlin

Dieser Bericht soll Mahnung sein. Die Weltbevölkerung wächst, muss ernährt werden und kämpft um Land. Wälder müssen weichen, um Felder zu bestellen und Lebensmittel zu erzeugen. Gleichzeitig sind Wälder dringend notwendig, um die globale Erderwärmung aufzuhalten. Welche Maßnahmen erforderlich sind, zeigt der am Donnerstag veröffentlichte 1200-seitige Sonderbericht des Weltklimarat IPCC zum Klimawandel.

Demnach hat der weltweite Temperaturanstieg über den Landflächen bereits 1,53 Grad erreicht. Unter Berücksichtigung der sich langsamer erwärmenden Meeresflächen liege das globale Temperaturplus gegenüber der vorindustriellen Zeit bei knapp 0,87 Grad. Bereits 2018 hatte der Weltklimarat vor den Auswirkungen gewarnt, falls die globale Temperatur insgesamt über 1,5 Grad steigen sollte. Die Reaktionen aus der Politik ließen nicht lange auf sich warten.

Umweltministerin Svenja Schulze fordert Konsequenzen

Umweltministerin Svenja Schulze hat angesichts des Berichts des Weltklimarats Konsequenzen für Deutschlands Landwirtschaft gefordert. Es brauche mehr Ökolandbau, sagte die SPD-Politikerin. Ein Anteil von 20 Prozent sei schon lange das Ziel. Um dies zu erreichen, müsse die Agrarförderung der EU andere Anreize setzen. 2018 lag der Anteil bei 9,1 Prozent. Als Problem nannte Schulze auch, dass Moore in Deutschland gezielt für Landwirtschaft genutzt würden. „Wir müssen über Wiedervernässung von Mooren reden“, sagte sie, das speichere „enorm“ viele Treibhausgase.

Im Video: So bedroht der Klimawandel die Wälder

Zudem müssten Monokulturen in den deutschen Wäldern „umgebaut“ werden, damit die Wälder in der Lage bleiben, Kohlendioxid (CO2) aufzunehmen und den Folgen des Klimawandels besser standhalten. Der Bericht zeige auf, dass die derzeit verantwortliche Generation in der Politik noch die Möglichkeit habe, umzusteuern, sagte Schulze. „Es ist nicht alles sozusagen vorgegeben. Wir wissen genug, um zu wissen, was wir jetzt tun müssen.“

Ministerin sieht Aufgabe der schwarzen Null skeptisch

Die Bewältigung der Klimakrise könne nur mit einem „politischen Maßnahmenmix“ und einem „koordinierten Handeln der Staatengemeinschaft“ gelingen, so Schulze. Die Frage ist: Wie finanzieren wir die Klimaanpassung? „Wir müssen das Geld, das wir haben, zielgerichteter einsetzen“, so Schulze. Der Aufgabe der schwarzen Null steht Schulze skeptisch gegenüber. „Es geht darum, Prioritäten zu setzen. Dann schauen wir, ob das Geld reicht. Aber natürlich müssen die Maßnahmen sozialfair sein. Wir sprechen nicht von einer zusätzlichen Belastung, sondern von Umverteilung.“

Mehr lesen:Die Kernaussagen des Klimaberichts

„Die Union begreift die Klimapolitik als internationale sowie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe auf nationaler Ebene“, sagte die umweltpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Marie-Luise Dött. „Mit dem IPCC-Sonderbericht wird der Fokus auf die Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft und die weltweite Ernährungssicherheit gerichtet. Gerade die Landwirtschaft ist einerseits vom Klimawandel betroffen, andererseits auch für den Ausstoß von Treibhausgasen verantwortlich.“ Dött mahnt „Lösungen auf internationaler Ebene an, „wie wir zu einer nachhaltigen Flächennutzung kommen. Dem unkontrollierten Abholzen des Regenwaldes muss Einhalt geboten werden“.

Für die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt ist der Bericht „ein weiteres Alarmsignal“. Die Bundesregierung sei am Zug. „Ich erwarte relevante, klare Vorschläge zum Kohleausstieg, zur Verkehrswende und zur Flächennutzung, kein Kleinklein mehr.“ Wälder müssten stärker in den Fokus genommen werden: „Keine Baumplantagen mehr, sondern Mischwald. Der Bericht zeigt: Wir brauchen jetzt eine Regierung, die wirklich beherzt handelt.“

Landwirtschaft ist Opfer und Verursacher

Fast ein Viertel der aktuellen menschengemachten Treibhausgasemissionen gehen laut Bericht auf die Landnutzung, darunter Forst- und Landwirtschaft, zurück. „Der Bericht offenbart, dass Klimaschutz in der Land- und Forstwirtschaft machbar ist und zugleich soziale, wirtschaftliche und ökologische Vorteile bringt. Die anstehende Reform der EU-Agrarförderung ist eine gute Gelegenheit, in Europa die richtigen Anreize für mehr Klimaschutz in der Landwirtschaft zu setzen“, sagte Umweltministerin Schulze.

Wenn Anreize nicht ausreichten, müsse aber auch über Verbote nachgedacht werden, sagt Schulze. Beispiel: Nitratbelastung. „Beim Thema Düngerecht haben wir lange auf die Einsicht der Landwirte gesetzt. Das Landwirtschafts- und Umweltministerium haben Maßnahmen auf den Weg gebracht, dass weniger gedüngt wird.“ Die Ministerin schließt Verbote nicht mehr aus. Der Druck auf die Bundesregierung wächst, die Nitratbelastung im Grundwasser zu senken. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom vergangenen Jahr drohen Deutschland Strafzahlungen von 860 000 Euro pro Tag.

Nahrungsmittel-Angebot ist gefährdet

Der Weltklimarat warnt in seinem Bericht vor den Gefahren einer sicheren Versorgung mit Lebensmitteln. „Die Stabilität des Nahrungsmittel-Angebots wird voraussichtlich sinken, da das Ausmaß und die Häufigkeit von Extremwetter-Ereignissen, die die Lebensmittelproduktion beeinträchtigen, steigen wird“, so die Forscher. Es gehe auch darum, die gesamte Kette der Erzeugung und des Konsums von Nahrungsmitteln zu überdenken. Eine ausgewogene Ernährung, die verstärkt auf Gemüse und Getreide setze, könne dazu beitragen, die Kohlendioxid-Emissionen wesentlich zu senken.

Die Bundesregierung will am 20. September ihre Klima-Strategie vorstellen. Am 23. September beraten die Staaten bei einem Klimagipfel der Vereinten Nationen über die Folgen des Temperaturanstiegs.

Mehr lesen:
CDU-Politiker verteidigen schwarze Null: Keine Schulden für den Klimaschutz

Von Juliane Lange/RND

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