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Politik Carstensen befeuert die Bleidebatte
Nachrichten Politik Carstensen befeuert die Bleidebatte
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07:00 04.04.2014
Von Patrick Tiede
Peter Harry Carstensen bläst zur Jagd. Quelle: hfr
Kiel

Als Peter Harry Carstensen im vergangenen Herbst von den Kreis- und Landesforsten zur Jagd eingeladen wurde, sagte er ab. Begründung: Die geplante Jagd mit bleifreier Munition verstoße gegen den Tierschutz. „Ich weiß, wovon ich spreche“, sagt Carstensen. Immerhin jagt er seit Jahrzehnten und hat gerade erst an sogenannten Feldversuchen mit der umstrittenen Alternativmunition teilgenommen. Doch: „Die Ergebnisse waren schlecht. Die Munition tötet nicht sauber, und die Zeichnung ist kaum vorhanden.“

 Weil das so ist und die Jagd mit Blei in den Landesforsten seit dem 1. April 2013 verboten ist, hat Schleswig-Holsteins berühmtester Jäger nun eine Online-Petition gestartet. Sie heißt „Leiden vermeiden – Jagd nur mit zertifizierter Munition“ und steht seit dem 28. März auf der Seite www.openpetition.de. Carstensen fordert darin die strenge Zertifizierung von Jagdmunition. Sie dürfe nur zugelassen werden, wenn die Zielgenauigkeit und vor allem die „Energieabgabe im Wildkörper ein tierschutzgerechtes Erlegen des Wildes gewährleisten“. Im Klartext: Während die alte Bleimunition breiter „aufpilzt“und zum unmittelbaren Tod des Tieres führt, „versagt“ hier die derzeitige bleifreie Munition. Dadurch würde beschossenes Wild trotz erheblicher Organverletzungen länger leben und sich unnötig quälen. Daraus wiederum resultierten längere Fluchtdistanzen, die Schweißhundführern das Auffinden des Wildes erschwert. Carstensen beruft sich hier auch auf ein entsprechendes Gutachten des Bundesverbandes Deutscher Berufsjäger. Dort ist von „drei- bis fünfmal längeren Fluchtdistanzen die Rede“. In Jagdkreisen wird zudem berichtet, dass nicht-bleihaltige Munition oft „durchschlage“ und daher ein Risiko für Leib und Leben der Jagdbeteiligten darstellt.

 Carstensens Vorstoß dürfte die Debatte über eine Novellierung des Landesjagdgesetzes befeuern. Eine entsprechende Gesetzesinitiative der Regierungskoalition war im vergangenen Sommer vertagt worden, weil der Bund intervenierte und auf seine Gesetzgebungskompetenz über das Waffengesetz verwies. Nach Informationen unserer Zeitung soll das Gesetz in der Mai-Sitzung des Landtags beschlossen werden. Demnach wäre die Jagd mit bleihaltiger Büchsenmunition ab dem 1. April 2015 verboten. „Wir haben die Regelung lange diskutiert“, sagt Sandra Redmann, umweltpolitische Sprecherin der SPD. „Die Umsetzung ist überfällig.“ Mehrere Gutachten hätten toxische Belastungen des Fleisches erbracht. Damit bestehe insbesondere eine akute Gefahr für Schwangere und Kinder. Zudem würden jedes Jahr etliche Aasvögel wegen der Bleibelastung im Körper verenden.

 Redmann rechnet jedoch mit neuem Widerstand. „Man sollte eine Neuregelung nicht über das Knie brechen, da die Alternativen zur Bleimunition derzeit nicht hinreichend erprobt sind“, sagt dann auch Andreas Schober, Geschäftsführer des Landesjagdverbandes. Der CDU-Jagdpolitiker Hauke Göttsch warnt davor, „die Jäger und das Wild in einem Großversuch als Versuchskaninchen für bleifreie Munition“ zu missbrauchen. Für Carstensen selbst ist die Materialfrage am Ende nicht entscheidend: „Ob Blei oder nicht Blei, ist mir völlig egal. Hauptsache, es ist im Sinne des Tierschutzes.“ Dass seine Petition zu einer Gesetzesinitiative auf Bundesebene führt – darüber macht er sich keine Illusionen: „Manchmal ist auch der Weg das Ziel.“ Die Resonanz jedenfalls ist beachtlich: Pro Stunde steigt die Zahl der Unterstützer um rund 30. Der online-affine Ex-Regierungschef ist froh, dass er das Projekt überhaupt starten konnte. Vier Tage ließen ihn die Betreiber der Plattform zappeln, bis sie die Petition freischalteten: „Sie konnten einfach nicht glauben, dass ich wirklich Peter Harry Carstensen bin.“