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Politik Gedenken an Luxemburg und Liebknecht: „Eine verlogene Ehrung“
Nachrichten Politik Gedenken an Luxemburg und Liebknecht: „Eine verlogene Ehrung“
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10:19 14.01.2019
„Im Rückblick darf man doch wohl sagen können, dass die gemäßigten Kräfte eher recht hatten“: Ex-DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Thierse, SPD. Quelle: Foto: Bernd von Jutr­czenka/dpa

Nach 100 Jahren stehen die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht immer noch zwischen Sozialdemokraten und Linken. Warum?

Man muss sich die Lage vergegenwärtigen: Die Männer waren aus einem furchtbar brutalen Krieg gekommen, die Ordnung war umgewälzt, der Kaiser hatte abgedankt, aber alles war unsicher. In diesen Wochen tat sich ein Zwiespalt auf. Auf der einen Seite standen radikale Kräfte, die so etwas wollten wie die Bolschewiki in Russland, eine Revolution. Auf der anderen Seite standen die gemäßigten Mehrheits-Sozialdemokraten, die sagten: Wir müssen erst einmal den Frieden gewinnen, wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen nicht verhungern, dass einigermaßen geordnete Verhältnisse sind. Die Abscheu vor den Brutalitäten der russischen Revolution spielte eine ganz große Rolle. Dieser Zwiespalt beherrschte die Tage im Januar 1919. Im Rückblick darf man doch wohl sagen können, dass die gemäßigten Kräfte eher recht hatten, nicht auf eine brutale Revolution zu setzen mit der Folge einer Diktatur, sondern sich für die Demokratie, den Rechtsstaat, den Sozialstaat einzusetzen. Das könnten selbst die Nachfolger der Kommunisten einsehen, dass dieser Weg der bessere war.

Hat die Sozialdemokratie im Januar 1919 Schuld auf sich geladen?

Ja, weil hier Menschenopfer zu beklagen waren. Doch es gab keine Mehrheit in der Bevölkerung für einen revolutionären Weg à la Bolschewiki. Es gab radikalisierte Elemente in der Arbeiterschaft. Die waren nun mit Waffengewalt zu besiegen. Das bleibt ein schmerzlicher Vorgang, auch im Rückblick, aber man kann doch wissen, dass der Weg, der dann eingeschlagen wurde, der bessere war. Obwohl die Weimarer Republik belastet blieb durch die Kluft zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten. Die Linkspartei muss einsehen, dass die KPD während der ganzen Republik gegen die Sozialdemokratie gekämpft hat und dass dieser Kampf mit zum Untergang der Weimarer Republik geführt hat.

Für die SED-Führung waren Luxemburg und Liebknecht Märtyrer, derer man alljährlich mit Pomp gedachte. Wie haben Sie das empfunden?

Mir war das immer fremd und peinlich, und ich fand das verlogen. Dass Rosa Luxemburg zuvor durchaus demokratische Vorstellungen von Revolution hatte, spielte dort keine Rolle. Ihre wichtigste Aussage „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ haben Demons­tranten dann 1988 gegen das SED-Regime vor sich hergetragen. Der Marsch nach Friedrichsfelde ist verlogen, auch heute noch. Man ehrt ohne Unterschied auch Antidemokraten wider besseres historisches Wissen. Dass Liebknecht und Luxemburg Opfer geworden sind von Fehlentscheidungen und reaktionären Kräften, das muss man festhalten.

Von Jan Sternberg

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