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Politik Gender-Stern: Wörter scheren sich nicht um das biologische Geschlecht
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15:46 08.03.2019
Das Gender-Sternchen sorgt für Diskussionen. Quelle: privat
Hannover

Da stand das Wort, handgeschrieben in schwarzen Buchstaben, auf der weißen Wand in der Universität Bochum am Büro für Gender Studies: „Ihr Opfer*innen!“ Mit Sternchen. Und daneben: „Mimimi Studies.“ Die Botschaft war klar: Ihr macht Gender-Studies? Geschlechterforschung? Das ist doch keine Wissenschaft! Das ist politisch überkorrektes Frauengejammer. Stellt euch nicht so an!

Die Gescholtenen reagierten mit Humor. Ein paar Tage klebte ein Aufkleber neben der Pöbelei: „Entspann’ dich mal.“ Aber Entspannung ist nicht in Sicht in dieser Debatte, in der ein kleiner Stern, die Schönheit der Sprache und die tiefe Sorge einer Gesellschaft vor ihrer eigenen Veränderung eine wichtige Rolle spielen.

Mit dem Genderstern wollen Linguist*innen, Feminist*innen und Politiker*innen nicht bloß Männer und Frauen sprachlich gleichsetzen, sondern gleich alle Menschen mit anderen Geschlechtsidentitäten in nur einem Wort berücksichtigen. Spätestens damit ist der Stern – gerade zum „Anglizismus des Jahres“ gekürt – mehr als eine semantische Schrulle. Der Asterisk steht symbolhaft für eine Verschiebung der Geschlechtertektonik: Er setzt ein Pausenzeichen zwischen männlicher und weiblicher Form – und soll damit Raum lassen für alle Geschlechteridentitäten. Das macht diesen Stern zu einem explosiven Geschoss.

Ein Eingriff in die Freiheit?

Die Sprache ist ein lebendiger Organismus. Manipulationen schüren Ängste vor Kulturverlust. Sprache heißt Denken. Denken heißt Freiheit. Jeder Eingriff in die Sprache kommt einem gefühlten Eingriff in die Freiheit gleich. Linguisten vergleichen Sprachen gern mit einem Wasserstrom, der sich stets dem Lauf der Dinge anpasst. Wer hier eingreift, will ideologischer Schleusenwärter des Deutschen sein. Das ging zuletzt bei der Rechtschreibreform schief. Deren Folgen sind verheerend: Ausnahmen, Unsicherheit, verwirrte Schüler.

Natürlich werden per Sprache Macht und Identitäten verhandelt. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, schrieb Ludwig Wittgenstein. Sprache prägt das Denken. Aber kann man Toleranz anordnen? Sind Versuche, mit Sprache Politik zu machen, nicht üblicherweise Instrumente in totalitären Systemen?

Auf diesem Flyer empfiehlt die Stadt Hannover Formulierungen für eine gendergerechte Schreibweise. Quelle: dpa

Der Rechtschreibrat hatte Ende 2018 noch darauf verzichtet, das Gendersternchen offiziell in den Duden aufzunehmen und zur Alltagsregel zu adeln. Die Stadt Hannover dagegen prescht vor und schreibt als erste deutsche Stadt in amtlichen Schreiben geschlechtsneutrale Begriffe vor („Mitarbeitende“ statt „Mitarbeiter“). Falls die Sprache das nicht hergebe, solle der Genderstern zum Einsatz kommen („Ingenieur*in“). Mehr noch: Beim Sprechen möge der stumme Stern durch eine „kurze Atempause“ gekennzeichnet werden. Gerechtigkeit durch Klappe halten also?

Es folgte: ein Aufschrei. Von „Sprachpolizei“ war die Rede, von einer „Vergewaltigung des Deutschen“. Selbst die Sprachforscherin Luise F. Pusch, eine der Begründerinnen der feministischen Linguistik, lehnt den Stern ab. „Ich bedauere die Einführung des Gendersterns durch meine Heimatstadt Hannover“, sagte sie. „Die Frauen finden sich als Anhängsel wieder, wie zu Anfang der feministischen Sprachkritik.“ Sie bevorzugt das Binnen-I („IngenieurIn“).

Ist Grammatik ein Instrument für Gleichberechtigung?

Aber die Saat ist gesät. Und Hannover ist nicht allein: Im ganzen Land diskutieren Verwaltungen über politisch korrekte Amtsprosa, in Augsburg, Bremen, Wolfenbüttel, Berlin. In einer Ausstellung der Berliner Landeszentrale für politische Bildung zum Dreißigjährigen Krieg wurden aus dem Volksstamm der „Friesen“ jüngst die „Fries*innen“. Die Universität Leipzig benutzt generell die weibliche Form („Teilnehmerinnenliste“). Die Grünen haben das Gendersternchen parteiintern 2015 zur Pflicht gemacht. Auch in österreichischen Lesebüchern für Sechs- bis Zehnjährige wird bereits heftig gegendert: „Eine/r ist Zuhörer/in, der/die andere ist Vorleser/in. Eine/r liest den Abschnitt vor, der/die Zuhörer/in fasst das Gehörte zusammen.“

Viel Spaß beim Lesenlernen.

In einer Welt, die sich über #MeToo hinaus längst auch über Schlagworte wie „Toxic Masculinity“ (giftige Männlichkeit), „Mansplaining“ (männliche Klugscheißerei) oder „Rapeculture“ (die stille Duldung von sexualisierter Gewalt) erregt, fühlt sich manches hominide Männchen an den Rand gedrängt. Dabei ist die Notwendigkeit, Gerechtigkeit herzustellen, einer überwältigenden Mehrheit völlig klar. Bloß: Muss man dafür das gefällige Parlando der Sprache opfern? Ist Grammatik ein taugliches Instrument für mehr Gleichberechtigung?

Es geht ein klarer Bruch durchs öffentliche Leben: Während die breite Mehrheit erregt über Toiletten für weitere Geschlechter diskutiert, ist im akademischen Elfenbeinturm mancherorts schon ganz ernsthaft von „Herr Professorin“ die Rede. Dort ist man der Überzeugung, das sei alles nur eine Sache der Gewohnheit.

Marlies Krämer zeigt eom Dokument der Sparkasse, das sie verbessert hat. Quelle: Oliver Dietze/dpa

Es ist vor allem das generische Maskulinum, das den Genderaktivisten in den Ohren klingelt, also der als männlich empfundene Regelfall („Lehrer“). Tatsächlich aber ist das Maskulinum sprachhistorisch gesehen gar nicht männlich. Explizit gemeint sind weder Männer noch Frauen. „Lehrer“ etwa sind nicht automatisch Männer, sondern „lehrende Personen“, denn das Wortgeschlecht (Genus) ist nicht deckungsgleich mit dem natürlichen Geschlecht (Sexus). Auch deshalb scheiterte die 80-jährige Sparkassenkundin Marlies Krämer jüngst vor dem Bundesgerichtshof mit der Forderung, dass Bankformulare auch die weibliche Form enthalten müssten. Sie war es leid, als „Kontoinhaber“, „Sparer“ oder „Kunde“ angesprochen zu werden.

Wörter scheren sich nicht um das biologische Geschlecht

Sprachlich gesehen sind es in Wahrheit eigentlich die Männer, denen eine eigene Bezeichnung fehlt. „Lehrer“ sind lehrende Personen. „Lehrerinnen“ sind weibliche lehrende Personen. Und wie heißen männliche lehrende Personen?

Die feministische Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp findet, man könne doch die neutrale Variante „Lehrer“ zum Neutrum machen und eine neue Endung („-ich“) für Kerle einführen. Also: das Lehrer, die Lehrerin, der Lehrerich.

Zwischenfrage: Könnte es sein, dass die vermeintliche „Vermännlichung“ der Sprache in Wirklichkeit auf der schlichten Verwechslung von grammatikalischem und biologischem Geschlecht beruht? Und ist ein Maskulinum automatisch Diskriminierung? In anderen Sprachen haben Wörter gar kein Geschlecht. Und im Deutschen gibt es maskuline Wörter, die Frauen wie Männer bezeichnen (Mensch, Gast, Filmstar) – und umgekehrt auch feminine Wörter, die Männer mitmeinen (Waise, Majestät, Geisel). Wörter scheren sich schlicht nicht um das biologische Geschlecht.

Versuche, das Maskulinum zu überwinden, gibt es viele. Die Doppelnennung („Lehrer und Lehrerinnen“) ist für den Duden die „höflichste Variante der sprachlichen Gleichstellung“. Die Neutralisierung („Lehrende“) eliminiert Geschlechtshinweise, ist aber als Partizip Präsens missverständlich, denn Bäcker sind nach Feierabend kaum „Backende“. Die Schrägstrichvariante („Lehrer/-innen“) krankt für die Sternchenfreunde daran, dass sie nur zwei Geschlechter abbildet.

Ein Wort mit „x“

Für die Pro-Genderstern-Fraktion geht es um existenzielle Fragen des Zusammenlebens in einer modernen, toleranten Gesellschaft. Die Skeptiker verweisen auf ernüchternde Statistiken: Nur etwa 3 Prozent der Deutschen lassen sich Schätzungen zufolge nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen. Facebook bietet inzwischen rund 60 Geschlechter zur Auswahl, darunter „nicht-binär“, „trans*männlich“, „Transgender-Mensch“, „intergeschlechtlich“, „Cross-Gender“ und die indianische Bezeichnung für zwei Seelen in einem Körper: „Two Spirit drittes Geschlecht“. Für Traditionalisten eine verwirrende Vielfalt. Ist es wirklich erstrebenswert, all diese Spielarten trotz niedriger Fallzahlen immer mitzumeinen? Die Berliner Linguistin Lann Hornscheidt etwa, die sich für die neutrale Wortendung „x“ einsetzt, wäre nach selbst definierter Schreibweise „einx ehemaligx Professx“ der Humboldt-Universität.

Geschlechterfairness durch Satzzeichen-Salat? Für den Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch ist „geschlechtergerechte Sprache keine Frage von Mehrheiten, sondern von Moral und Respekt“. Er setzt sich vehement für eine solche Sprache ein, weil sie „alle Menschen gleichermaßen sichtbar“ mache. Stefanowitsch ist überzeugt, dass die Skeptiker früher oder später in der Minderheit sein werden. Welche Lösung sich am Ende durchsetze, sei aber noch nicht entschieden.

Staatlich verordnete Buchstabengymnastik macht die Sprache zäh

Für den Linguisten Peter Eisenberg dagegen, bis 2005 Professor in Potsdam, ist der Genderstern eine „Unterwerfungsgeste“, eine Kapitulation vor einer Ideologie mit „sprachpolizeilichen Allüren“, befeuert von jakobinischem Tugendeifer. Wer den Genderstern als Regelfall fordere, „vergreife sich am Deutschen“, schrieb er in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. „Wann begreifen die Leute, dass das grammatische Geschlecht mit dem biologischen nichts zu tun hat?“, fragt er.

Wenige Buchverlage und Zeitungsredaktionen haben die bisher vorgeschlagenen Hilfskonstruktionen („-innen“, „Innen“) angenommen. Selbst feministische Autorinnen verzichten dankend.

Das hat gute Gründe: Staatlich verordnete Buchstabengymnastik macht die Sprache zäh, angstbesetzt, nervös und unnatürlich. Mehr noch: Die wirklich bedeutenden Aspekte der Gleichbehandlung der Geschlechter – ungleiche Bezahlung, unfaire Karrierechancen – drohen von einer skurrilen Sprachpingelei in den Hintergrund gedrängt zu werden. Am Ende könnte das Gender­sternchen der Gleichberechtigung einen Bärendienst erweisen: als semantisches Feigenblatt.

Einen „Kompromiss, der alle zufriedenstellt“, könne er sich nicht vorstellen, sagt Linguist Stefanowitsch. Welche der aktuellen oder zukünftigen Vorschläge am Ende erfolgreich sein würden, entscheide sich ohnehin „nicht durch Verwaltungsvorschriften, sondern im Sprachgebrauch“. Die Zukunft der Sprachgerechtigkeit – sie steht in den Sternen.

In der aktuellen Fassung dieses Textes präzisieren wir, dass der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch sich für eine geschlechtergerechte Sprache einsetzt, nicht explizit für den Genderstern.

Ein Interview mit Stefanowitsch lesen Sie hier.

Von Imre Grimm

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