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Politik Heide Simonis wird 70
Nachrichten Politik Heide Simonis wird 70
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00:18 06.07.2013
Von Uta Wilke
Heide Simonis wird heute 70 - und fühlt sich damit gar nicht wohl. Quelle: Rainer Pregla
Kiel

In ihrer Wohnung am Schrevenpark stehen dicht an dicht Figuren, Teekannen und Gläser, die von ihren „Beutezügen“ auf Flohmärkten stammen. Der Wohnzimmer-Boden ist übersät mit bunten Flicken für den nächsten Quilt, den sie wieder per Hand nähen wird. Auf dem Esszimmertisch liegen Notizzettel und eine Ankündigung für ihr Buch „Alles Märchen“, das heute erscheint. Simonis knüpft darin an 15 Geschichten der Gebrüder Grimm an und gibt ihnen eine neue, überraschende Richtung.

Heide Simonis wird am Donnerstag 70 Jahre alt - und fühlt sich damit gar nicht wohl.

Die Ex-Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein hat sich in einem Leben eingerichtet, in dem Politik nicht mehr die Hauptrolle spielt. Sie wirkt bei unserem Besuch wesentlich gelassener als in den ersten Jahren nach dem Scheitern ihrer Wiederwahl vom 17. März 2005. Belastet sie der Verrat durch einen Abgeordneten, der vermutlich aus den Reihen der Sozialdemokraten stammte, nicht mehr? „Das ist vorbei“, sagt sie bei dem Gespräch in ihrer Wohnung, in der sie mit Ehemann Udo lebt. Schnell fügt sie hinzu: „Trotzdem wüsste ich gern, wer es war.“

 Aber müsste sie nicht Groll gegen ihren Nachfolger Peter Harry Carstensen hegen, der schließlich das Amt bekam, das sie so gern behalten hätte? „Er hat mir doch nichts getan.“ Die CDU habe einfach genau das gemacht, was man von ihr in einer solchen Situation erwartet habe: „Sie griff zu.“

 Die politische Karriere der Diplom-Volkswirtin begann 1971 als Mitglied der Kieler Ratsversammlung. 1976 zog sie als jüngste Abgeordnete – noch ein Superlativ – in den Bundestag ein. 1988, nach dem Machtwechsel im Norden, wurde sie Finanzministerin unter Björn Engholm. Ihn „beerbte“ sie 1993 nach der Schubladen-Affäre als Regierungschefin.

Auch wenn Politik in ihrem Leben nicht mehr die erste Geige spielt, interessiert sich Simonis natürlich noch brennend für das Geschehen in der Staatskanzlei, der Zentrale der Macht im kleinen Schleswig-Holstein. „Ich finde, er macht es richtig gut“, sagt sie über den heutigen Ministerpräsidenten, ihren Genossen Torsten Albig. Er habe einige Zeit gebraucht, um ins Amt zu finden, sich offenbar erst einmal in Ruhe umgeschaut. „Ich wäre wahrscheinlich gleich vom Zehn-Meter-Brett gesprungen und hätte erst später gemerkt, dass kein Wasser im Becken ist.“

Simonis sagt, was sie denkt – und redet immer noch im Stakkato. Das hatte ihr schon früh den Titel „Häuptling schnelle Zunge“ eingebracht. Da ist sie ganz die Alte.

Im armen Schleswig-Holstein Politik zu machen, sei nicht einfach, erklärt die ehemalige Regierungschefin. Deshalb gelte nach wie vor die Faustregel: „Wer kein Geld hat, muss klug sein.“ Klug findet sie, dass Albig auf Bürgerbeteiligung und Dialog setzt, den Menschen sagt: „Alle, die eine Idee für unser Land haben, bitte mal herkommen.“ Das sei zu ihrer Zeit noch nicht Mode gewesen. Und sie hätte einen solchen Einfall auch nicht gehabt, räumt Simonis freimütig ein. Denn: „Wir hatten mit uns selbst genug zu tun.“

Damit meint die Ex-Ministerpräsidentin vor allem die erste Koalition, die die SPD nach ihrer achtjährigen Alleinregierung 1996 mit den Grünen eingehen musste. Ihr damaliger Staatskanzleichef Klaus Gärtner wurde auf Druck der Parlamentsneulinge während der Koalitionsverhandlungen an den Katzentisch verbannt, weil er Mitglied der FDP war. „Aber auch wir hatten Vorurteile“, erklärt sie. „Nie hätte ich gedacht, dass eine Grüne einmal Finanzministerin wird. Wir glaubten, nur Sozialdemokraten könnten die Schlüsselressorts besetzen.“

Doch das ist nun Schnee vom vergangenen Jahr. Simonis denkt im Moment schon wieder über ein neues (Buch-) Projekt nach. „Es könnte ein Krimi werden.“ Sie habe bereits Material für etwa die Hälfte der Geschichte zusammen. Eines steht fest: „Der würde in Schleswig-Holstein spielen.“ Und: „Vermutlich käme auch die Staatskanzlei darin vor.“ Mit Enthüllungen aus ihren zwölf Jahren in der Zentrale der Macht ist aber leider nicht zu rechnen. Es werde keinen Bezug zur damaligen Zeit geben, versichert die frühere Regierungschefin.

Übrigens: Gratulanten dürften es schwer haben, das Geburtstagskind heute zu erreichen. Heide und Udo Simonis sind vor dem Trubel nach Amrum geflüchtet. Groß gefeiert wird erst im August.