Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Politik In der AfD finden sich jetzt alle „bürgerlich“ – selbst Radikale
Nachrichten Politik In der AfD finden sich jetzt alle „bürgerlich“ – selbst Radikale
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:59 02.09.2019
Der eine trägt Hundekrawatte und der andere soll jetzt auch bürgerlich sein: AfD-Chef Alexander Gauland (rechts) und Brandenburgs AfD-Chef Andreas Kalbitz nur auf dem Foto links). Quelle: imago images / Jens Schicke
Berlin

Am Montag will der Patriarch seine Ermahnung vom Wahlabend nicht mehr so streng gemeint haben, wie sie klang. Bei der Wahlparty der Brandenburger AfD auf der „Bismarckhöhe“ in Werder (Havel) hatte Alexander Gauland die AfD erst vollmundig die „einzige bürgerliche Opposition im Land“ genannt und dann in den Saal gerufen: „Das bedeutet eine große Verantwortung. Bei allem Jubel: Bleibt vernünftig!“ Am Montag schwächte er ab: „Ich hatte keinen konkreten Anlass. Ich wollte nur eins ausdrücken: Übermut tut selten gut.“

Anlässe gab es am Wahlabend viele. Gewonnen haben in Sachsen und Brandenburg die besonders radikalen Teile der Partei. Und es war auch kein Zufall, dass bei der Wahlparty des brandenburgischen AfD-Spitzenkandidaten und „Flügel“-Chefs Andreas Kalbitz auch Björn Höcke anwesend war – und immer dann perfekt posierte, wenn symbolträchtige Fotos zu machen waren. Beim großen Jubel über die Ergebnisse umarmte Höcke Kalbitz, bei Gaulands Auftritt wich Höcke nicht von dessen Seite – und auf der Bühne stand er sogar Seit an Seit mit seinem innerparteilichen Intimfeind Georg Pazderski. Höcke hat seine Landtagswahl in Thüringen noch vor sich, und nicht wenige in der Partei hoffen, dass er ein bisschen unterhalb der Rekordergebnisse aus Sachsen und Brandenburg abschneidet – um etwas Luft aus seinem Sendungsbewusstsein zu lassen.

Zwei Erfolge im Osten, einen Erfolg und einen Rückschlag im Westen

Auf dem Weg zur „bürgerlichen“ Partei hat die AfD am Montag im Westen, besser gesagt, im Norden, einen Erfolg und einen Rückschlag verbucht. Der Rückschlag: In Bremen zerbrach die AfD-Fraktion in der Bürgerschaft, nachdem der Bundestagsabgeordnete Frank Magnitz mit zwei Gefolgsleuten ausgetreten war. Der Erfolg: In Schleswig-Holstein zog sich die aus der Partei ausgeschlossene Doris von Sayn-Wittgenstein von ihrem Posten als Landesvorsitzende zurück. Noch vergangene Woche hatte sie erklärt, die Position trotz des Ausschlusses behalten zu wollen. Auf der Homepage der Nord-AfD heißt es jetzt: „Landesvorsitzender nicht besetzt.“ Der Landesparteivize Joachim Schneider erklärte, auch der Landesvorstand sehe in Sayn-Wittgenstein nicht mehr die Vorsitzende.

Sayn-Wittgenstein, die Parteichef Gauland mit dem Beinamen „die falsche Fürstin“ versieht, gehört wegen ihrer Fördermitgliedschaft in einem rechtsextremen Verein nicht zu den „Bürgerlichen“, die sich im gaulandschen Sinne zu benehmen wissen. Aber was ist mit Höcke, dem völkischen Nationalisten? „Natürlich ist er ein bürgerlicher Politiker", sagte Gauland gestern. „Was sollte ich von einem ehemaligen Studienrat sonst sagen?“ Und auch Andreas Kalbitz sei auf jeden Fall „bürgerlich“. Kalbitz, der wegen einer Vielzahl von Kontakten ins rechtsextreme Spektrum unter Druck steht, sagte von sich: „Ich gehöre nicht zu irgendwelchen NPD-Zirkeln. Ich bin rechts, aber im demokratischen Sinne.“ Wann und warum er sich von rechtsextremem Gedankengut verabschiedet hat, mochte er nicht sagen: Das sei privat.

Ende November wählt die AfD in Braunschweig einen neuen Bundesvorstand. Die Ost-Verbände drängen mit Macht auf einen Vorstandsposten. Gauland kündigte an, sich höchstwahrscheinlich aus Altersgründen zurückzuziehen – damit wäre der Weg für den sächsischen Bundestagsabgeordneten Tino Chrupalla frei. Der gehört nicht dem „Flügel“ an, steht aber auch nicht gegen die Radikalen. Kalbitz wird nicht für die Spitze kandidieren, er hält sich im Westen für nicht vermittelbar. Im Bundesvorstand aber will er bleiben. Und Höcke? „Aus Thüringen sehe ich keinen Kandidaten", sagt ein Vorstandsmitglied.

Fazit dieses Tages nach der Wahl: Der „Flügel“ bestimmt zwar mehr und mehr den Kurs der Partei, aber nur, solange sich seine Vertreter im gaulandschen Sinne „vernünftig“ verhalten. Einer, der das gerade erfolgreich vorführt, ist der Brandenburger Wahlsieger Kalbitz.

Manchmal erschreckt man dann aber doch, mit wem sich Kalbitz bis heute umgibt: Spät am Wahlabend steht plötzlich eine polnische Delegation um ihn herum am Potsdamer Landtag, angeführt vom rechtsextremen Politiker Grzegorz Braun. „Wir sind die Schmuddelkinder Europas“, sagt Braun über seine Partei und die Kalbitz-AfD. „Wir müssen gegen das Establishment zusammenarbeiten.“

Unseren Live-Blog zu den Landtagswahlen finden Sie hier.

Mehr zu den Landtagswahlen:

Landtagswahl in Sachsen 2019: Erste Hochrechnung und Ergebnisse

Landtagswahl in Brandenburg 2019: Hochrechnung und Ergebnisse

Mehr lesen: AfD-Bundesvorstand befürchtet „rechtsextremistische Unterwanderung“

Von Jan Sternberg/RND

Bereits am Mittag des Wahlsonntages zeichnete sich eine deutlich höhere Wahlbeteiligung bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg ab, und so ist es auch gekommen. In beiden Bundesländern liegt die Partizipation diesmal bei weit über 50 Prozent. Noch 2014, bei den vergangenen Landtagswahlen, wurde diese Marke verfehlt.

02.09.2019

Wer wählt die AfD aus welchen Gründen? An wen hat die Linkspartei im Osten verloren? Eine Analyse der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg fördert Überraschendes zu Tage. Alte Gewissheiten scheinen nicht mehr zu gelten. Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick.

02.09.2019

Die Proteste der Hongkonger Demokratiebewegung erreichen nun auch die Schulen und Universitäten. Nach dem Ende der Sommerferien boykottieren einige Schüler und Studenten den Unterricht. Die Aktionen folgen auf die heftigen Auseinandersetzungen am Wochenende, die zu 63 Festnahmen führten.

02.09.2019