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11:03 19.10.2018
Grünen-Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir: keine Außschließeritis. Quelle: dpa
Berlin

Ob sie sich beim Hessischen Rundfunk am Morgen danach wohl ärgern? Da strahlt der Sender am Mittwochabend ein aufwändig produziertes Fernsehduell zur Landtagswahl aus, und keine 12 Stunde später stellt sich heraus, dass die Fernsehmacher womöglich den künftigen Ministerpräsidenten gar nicht erst eingeladen hatten. Das zumindest legte eine neue Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF-Politbarometer nahe. Demnach darf sich seit Donnerstagmorgen der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir von den Grünen die größte Hoffnung machen, CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier aus der Wiesbadener Staatskanzlei zu verdrängen. Beim TV-Duell am Mittwochabend war jedoch SPD-Oppositionsführer Thorsten Schäfer-Gümbel als vermeintlich aussichtsreichster Gegenkandidat im Studio gewesen.

So schnell kann es manchmal gehen in der Politik.

Die Forschungsgruppe Wahlen sieht die regierende CDU derzeit bei 26 und die oppositionelle SPD bei 20 Prozent. Die an der Landesregierung beteiligten Grünen ziehen an den Sozialdemokraten vorbei und kämen laut der Umfrage auf 22 Prozent der Stimmen, wenn am Sonntag gewählt würde. FDP und Linke taxieren die ZDF-Demoskopen bei jeweils acht, die AfD bei zwölf Prozent.

Zur Ehrenrettung der Fernsehmacher vom Hessischen Rundfunk sei gesagt, dass das Politbarometer die erste und bislang einzige Umfrage ist, die die Grünen in Hessen vor der SPD sieht. Bislang fand die Polarisierung des Wahlkampfes beinahe ausschließlich zwischen Bouffier und Schäfer-Gümbel statt. Auch der Erhebungszeitraum der Befragung mag bei den überraschenden Ergebnissen eine Rolle spielen. Zwischen Montag und Mittwoch haben die Meinungsforscher mehr als 1000 repräsentativ ausgewählte Menschen interviewt. Die Befragten standen damit unter dem unmittelbaren Eindruck der Bayernwahl vom Wochenende, bei der die Grünen einen sensationellen Erfolg eingefahren hatten und CSU sowie SPD vom Wähler gnadenlos abgestraft wurden.

Es gibt also Sondereffekte, die das spektakuläre Zahlenwerk ein wenig relativieren. Und trotzdem wirbelt die Umfrage in Hessen einiges durcheinander.

Schockstarre bei der SPD

Vor allem die SPD steht unter Schock. Gerade erst hatten die Genossen Hoffnung geschöpft, im Wahlkampfendspurt zulegen zu können. Beim TV-Duell hatte sich Schäfer-Gümbel nach allgemeiner Lesart dynamischer und konzentrierter als der 17 Jahre ältere Amtsinhaber Bouffier präsentiert. In den sozialen Medien feierten die Genossen ihren „TSG“ danach fast schon euphorisch: „Da geht noch was!“

Die ZDF-Umfrage macht die kurzzeitig aufgeflammte Euphorie schon wieder zunichte. Dass am Donnerstagabend eine Umfrage der ARD die SPD noch ein knappes Prozentpünktchen vor den Grünen sieht, macht die Stimmung bei den Genossen kaum besser. Längst geht die alte Angst wieder um: Dass am Ende nur die Grünen von der Schwäche des CDU-Ministerpräsidenten.

Auch für den gibt es derzeit wenig Erbauliches. Ein Ergebnis von 26 Prozent wären für die seit 19 Jahren regierenden Konservativen in Hessen ein Desaster. Im Vergleich zu 2013 würde die Partei um mehr als 12 Prozentpunkte abstürzen. Sein Minimalziel, die Staatskanzlei zu verteidigen, kann Bouffier allerdings noch erreichen. Entweder als Chef einer Großen Koalition mit der SPD. Oder zusammen mit dem bisherigen Koalitionspartner von den Grünen. Beides wird knapp.

In dieser Lage könnte Noch-Vize-Regierungschef Al-Wazir der lachende Dritte sein. Um es Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg gleich zu tun und der zweite grüne Ministerpräsident der Republik zu werden, müsste Al-Wazir allerdings ein Bündnis mit SPD und Linken bilden – wozu er bislang wenig Lust hatte. Aber der Grünen-Chef wäre nicht der erste, der unter der Aussicht auf den Chefsessel seine politischen Bewertungen noch einmal überprüft.

Linke Lockerungsübungen und grüne Zurückhaltung

Die Linken jedenfalls gehen schon mal auf die Grünen zu. Spitzenkandidatin Janine Wissler sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), wenn es eine Mehrheit der drei linken Parteien gäbe, müsse man „natürlich darüber reden, ob man sie nutzen kann. Die CDU regiert seit 20 Jahren in diesem Land. Das könnte man ja auch irgendwann mal ändern.“

So richtig trauen sich die Grünen an die Debatte noch nicht heran. „Wir freuen uns über die Umfrage. Sie drückt ein steigendes Zutrauen in Grün aus“, sagte Bundesgeschäftsführer Michael Kellner dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Doch noch sei alles offen. „Wir heben nicht ab, sondern kämpfen für echten Klimaschutz, bezahlbaren Wohnraum und eine gelingende Integration“, so Kellner. „Frisches Grün statt einer abgekämpften Groko ist unser Ziel.“

Auch der hessische Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour äußerte sich verhalten. „Die Umfrage gibt Rückenwind – ist aber noch lange kein Wahlergebnis“, sagt er. Er sehe keinen Grund zur Spekulation, wollte aber nicht ausschließen, dass Al-Wazir am Ende nach der ganzen Macht in Hessen greifen könnte. „Den Begriff Ausschließeritis hat Tarek Al-Wazir erfunden“, so Nouripour. „Selbstverständlich schließen wir unter den demokratischen Parteien niemanden als potenziellen Partner aus.“

Sicher ist derzeit nur eines: Die Wahl in Hessen verspricht extrem spannend zu werden.

Von Markus Decker, Marina Kormbaki und Andreas Niesmann/RND

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