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21:38 18.01.2016
Von Jörn Genoux
Eine „Jahrhundertchance“ sei durch das Nein zu Olympia vergeben worden, sagte IHK-Präsident Klaus-Hinrich Vater. Es wäre eine Chance gewesen, Norddeutschland in die Welt zu tragen. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

IHK-Präsident Klaus-Hinrich Vater hatte seiner Rede den Titel „Weltoffenheit im echten Norden“ gegeben. Und er sprach sprach im Hinblick auf das Olympia-Nein von „Traurigkeit, die bleibt“. Der Frust sei noch nicht verflogen. „Wir haben nicht weniger als eine Jahrhundertchance vergeben“, sagte der Unternehmer. Eine Chance auf die „massive Ertüchtigung unserer Infrastruktur“ und eine Chance, „Norddeutschland in die Welt zu tragen“. Vater bezweifelte, „ob Bürgerentscheide gerade bei stets heiklen, immer stark polarisierenden Infrastrukturprojekten der richtige Weg sind“. Doch er sieht auch Positives: In Kiel habe sich in den vergangenen Monaten ein „großartiges Miteinander entwickelt“. Und ein solches Miteinander trägt auch dazu bei, den Zustrom von Flüchtlingen in Schleswig-Holstein zu bewältigen. Der IHK-Präsident erinnerte an Wiedervereinigung und Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise. „Das sollte uns Mut machen, dass wir auch diese Situation in den Griff bekommen und am Ende vielleicht sogar von dem Zustrom profitieren.“ Aussagen, dass er sich durch Obergrenzen stoppen ließe, bezeichnete Vater als unredlich. Er sei „stolz darauf, in einem Land zu leben, das Menschen, die Krieg und Terror oder dem Hungertod entfliehen, Schutz gewährt“. Dafür gab es großen Applaus der Gäste.

 Daran knüpfte Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) an. „Wir haben sie aufgenommen und damit bewiesen: Weltoffenheit im echten Norden ist kein Geschwätz.“ Albig formulierte auch Erwartungen an die, die aufgenommen werden („Wer Deutsch lernen will, der muss nicht warten, bis wir ausreichend Lehrer haben“), aber er rückte vor allem die Chancen der Zuwanderung in den Blickpunkt. Europa brauche neue Arbeitskräfte, neue Menschen. Es fehlten Fachkräfte, und „selbst für Geringqualifizierte gibt es Chancen“. Albig erinnerte daran, dass in gewisser Weise die westliche Welt selbst den Flüchtlingsstrom mit verstärkt habe, indem nämlich wegen fehlender Mittel der monatliche Verpflegungssatz in den Lagern in Nachbarländern Syriens von 30 auf 13 Euro gesenkt werden musste. Albig bezeichnete es als große Aufgabe, „möglichst viele Flüchtlinge so schnell wie möglich in Sprache, Ausbildung und Arbeit zu bringen“. Genau darüber sprach Gastredner Prof. Ludger Wößmann vom Ifo-Institut in München. Der Bildungsökonom forderte, das Bildungsniveau der Flüchtlinge systematisch zu erfassen. „Wir stochern derzeit im Nebel“, beklagte er. Niemand könne sagen, über welche Qualifikationen die Flüchtlinge verfügten. Dies aber sei ganz entscheidend für ihre mögliche Integration in den Arbeitsmarkt und damit in die Gesellschaft.

 „Wir müssen derzeit leider davon ausgehen, dass zwei Drittel der Flüchtlinge aus Syrien von ihrem Bildungssystem für eine Beteiligung an einer modernen Gesellschaft nicht ausreichend ausgebildet wurden“, so Wößmann. Daten aus Syrien zum Beispiel deuteten auf ein schlechtes Niveau der dortigen Bildung und Ausbildung hin. Bei internationalen Tests im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich im Jahre 2011 beispielsweise hätten 65 Prozent der Syrer in der 8. Klasse nicht einmal Grundkompetenzen erreicht. Zum Vergleich: In Deutschland liege der Wert bei 16 Prozent. Und in vorherigen Flüchtlingswellen hätten rund zwei Drittel der Menschen keinen berufsqualifizierenden Abschluss gehabt; bei Einheimischen seien es nur 14 Prozent. „Diese Erkenntnis ist hart. Aber sie hilft, jetzt politisch das Richtige zu tun“, so der Ökonom.

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