Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Politik Joschka Fischer und Robert Habeck uneins über den Umgang mit der AfD
Nachrichten Politik Joschka Fischer und Robert Habeck uneins über den Umgang mit der AfD
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:56 17.09.2019
Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen Quelle: Boris Roessler/dpa
Anzeige
Berlin

Am Ende wurde es sehr ernst – und unerwartet kontrovers. Und zwar, als es um die AfD ging. „Sie reden wie Nazis. Sie riechen wie Nazis. Und wir nennen sie Rechtspopulisten“, sagte der langjährige Außenminister Joschka Fischer. „Das sehe ich überhaupt nicht ein.“ Hörbar zornig fügte der 71-Jährige mit Blick auf den Nationalsozialismus hinzu: „Ich möchte von erwachsenen Wählern nie wieder hören, dass sie verführt wurden.“

Grünen-Chef Robert Habeck, gerade 50 geworden, übte sich in Mäßigung. Die Antwort auf die Frage nach dem richtigen Umgang mit der AfD sei „noch nicht gefunden“, sagte er. Es sei „leicht zu sagen, das sind alles Nazis“. Man müsse aber darum kämpfen, deren Hetze eine eigene positive Erzählung entgegen zu setzen.

Anzeige

Der alte und der neue Star

Der alte und der neue Star der Grünen trafen beim Internationalen Literaturfestival in Berlin aufeinander – das zweite Mal nach einem ersten öffentlichen Treffen in Schleswig-Holstein. Von Anke Plättner (Phoenix) ebenso souverän wie pointiert moderiert, wurde es ein interessanter Abend – je länger, desto mehr.

Es ging los mit Freundlichkeiten. Die Grünen hätten mit den Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck „eine tolle Wahl getroffen“, sagte Fischer. „Die beiden machen das sehr, sehr gut.“ Habeck wollte im Komplimente machen nicht nachstehen. Ihn habe an Fischer immer „die Risikobereitschaft und die Furchtlosigkeit“ beeindruckt, sagte er.

Zwischendurch wurde es lustig – als Habeck nämlich Fischer bei den Ex-Trotzkisten, Ex-Maoisten und Ex-Leninisten einsortierte. Fischer sagte daraufhin: „Das war ich nie.“ Habeck gab zurück: „Okay, dann meinte ich (Winfried) Kretschmann und (Reinhard) Bütikofer.“ Den baden-württembergischen Ministerpräsidenten und Ex-Parteivorsitzenden. Dazu Fischer: „Da kommst Du schon auf die richtige Spur.“

Biografische Ähnlichkeiten – und Unterschiede

Zugleich wurden Unterschiede deutlich. Denn während der Ex-Sponti Fischer in die Grünen hineinwuchs und in ihnen als Außenminister endgültig zum Establishment aufstieg, ging Habeck nach eigener Aussage erst zu den Grünen, als bei ihm „schon alles gut war“. Was beide verbindet, ist die Karriere in der Landespolitik – Fischer einst als hessischer Umweltminister, Habeck Jahrzehnte später als schleswig-holsteinischer Umweltminister.

Der Ernst kam zunächst bei der Erörterung des Regierens auf Bundesebene – und des damit verbundenen Drucks. Plättner fragte nach Fischers Votum für den Kosovo-Krieg und den Farbbeutel, den er dafür auf dem Bielefelder Grünen-Parteitag 1999 an den Kopf geworfen bekam. „Ich habe meine Partei verstanden“, sagte er rückblickend. Viele Grüne waren vehement gegen das Bombardement auf dem Balkan. Doch Fischer zeigte sich angesichts der ethnischen Gräueltaten weiterhin sicher: „Das war nicht hinnehmbar in Europa.“ Habeck betonte seinerseits: „Wir sind keine Dagegen-Partei mehr; wir sind eine Orientierung gebende Gestaltungspartei.“ Und er mutmaßte, man werde in der Regierung ebenfalls „schwerste Entscheidungen zu treffen haben“.

Keine Übereinstimmung stellte sich wie gesagt beim Thema AfD ein. Fischer, in der Nachkriegszeit geprägt, zeigte sich erschrocken, dass die Partei in der jüngsten Umfrage vor der thüringischen Landtagswahl bei 25 Prozent liege – obwohl der Partei- und Fraktionschef dort Björn Höcke heiße. Er pochte auf die Verantwortung der Wähler. Habeck, 1969 geboren, zeigte sich nicht minder besorgt, ist allerdings der Überzeugung, dass starke Worte nicht helfen. Positionen und Temperamente blieben hier unversöhnt.

Angela Merkel ist im milden Licht der Abendsonne unterwegs.

Joschka Fischer; ehemaliger grüner Außenminister

Einvernehmen herrschte in der Ansicht, dass es bundespolitisch nicht so weitergehen könne wie jetzt. „Wir leben in hochpolitischen Zeiten und sind mit unpolitischem Denken konfrontiert; das ist schwer hinzunehmen“, sagte Habeck und meinte nicht zuletzt die Klimakrise. Fischer stichelte gekonnt wie früher: „Angela Merkel ist im milden Licht der Abendsonne unterwegs; da wird nicht mehr viel passieren.“ Nötig sei ein neuer Aufbruch.

Nach 90 Minuten sah man den älteren und den jüngeren Mann auf der Straße in ein Taxi steigen – vermutlich irgendeinem Restaurant entgegen. Es mutete recht harmonisch an.

Mitarbeit: Fabian Boerger

Von Markus Decker/RND