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08:00 07.08.2019
„Die Mehrheit der Kinder kriegt das hin“ – wenn bestimmte Voraussetzungen stimmen: Sprachunterricht für Kinder von Zugewanderten. Quelle: Foto: Patrick Pleul/dpa
Berlin

Rafi kommt nächste Woche aufs Gymnasium. Inzwischen überrascht das schon niemanden mehr, keiner macht ein großes Gewese darum. Nicht seine Eltern, nicht seine Lehrerin. Obwohl Rafi erst seit dreieinhalb Jahren in Deutschland lebt. Obwohl er am Tag, als er mit acht Jahren in die erste Klasse eingeschult wurde, kein einziges Wort Deutsch sprach. Obwohl er anfangs im Unterricht nur zugehört hat.

Für Carolina B., Rafis Lehrerin bis zum Ende seiner Grundschulzeit an einer sogenannten Brennpunktschule in Niedersachsen, war trotzdem schon nach wenigen Tagen klar: „Der wuppt das.“

„Die Mehrheit der Kinder kriegt das hin“

Und noch etwas ist für die erfahrene Lehrerin, die gerade ihren dritten Jahrgang durch die vierjährige Grundschulzeit geführt hat, ganz klar: „Die Mehrheit der Kinder kriegt das hin.“

„Das“ ist das Deutschlernen für Kinder aus anderen Staaten der Erde, die sich plötzlich in Deutschland einleben müssen. Nach zwei bis drei Jahren, sagt Carolina B., sprechen die meisten Deutsch wie ihre einheimischen Altersgenossen. Wenn bestimmte Voraussetzungen stimmen.

„Rafi“, sagt die Lehrerin, „ist intelligent, lernwillig und lernfähig, er hat Förderstunden bekommen und auch außerhalb der Schule viel Deutsch gesprochen. Seine Schulkarriere wird bestimmt nicht an Sprachschwierigkeiten scheitern.“

Ginge es nach dem CDU-Bundestagsabgeordneten Carsten Linnemann, würde die Schulkarriere von Kindern wie dem kleinen Syrer Rafi aber auf jeden Fall deutlich verlangsamt – und abgetrennt von der ihrer deutschen Altersgenossen. Rafi wäre gar nicht erst in die erste Klasse eingeschult worden.

„Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen“, hat der Unionsfraktionsvize in einem Interview mit der „Rheinischen Post“ gesagt – und eine Empörungswelle losgetreten. Diskriminierung werfen Kritiker ihm Gefühl­losigkeit und Naivität vor.

Wirtschaftspolitiker Carsten Linnemann sorgt für gespaltene Meinungen. Quelle: Michael Kappeler/dpa

Zum großen Echo trägt auch reißerische Überschrift bei

Zur Aufwallung trug bei, dass die Deutsche Presse-Agentur (dpa) eine Kurzfassung des Interviews zunächst mit einer reißerischen Überschrift versehen hatte: „CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können.“ Erst nach einigem Hin und Her zog dpa die Überschrift zurück.

Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Aussagen Linnemanns als differenzierter. Bei Kindern ohne oder mit sehr geringen Deutschkenntnissen müsse, so sagt er, „eine Vorschulpflicht greifen, notfalls muss eine Einschulung auch zurückgestellt werden. Das kostet Geld, aber fehlende Integration und unzureichende Bildung sind am Ende viel teurer.“

Es müssten alle Alarmglocken schrillen, wenn bei Sprachtests wie in Duisburg über 16 Prozent der künftigen Erstklässler gar kein Deutsch könnten, sagte Linnemann weiter. Die Probleme würden immer größer. „Wir erleben neue Parallelgesellschaften in vielen Bereichen des Landes. Bis tief hinein in die Mittelschicht erlebe ich Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken, weil das Niveau an staatlichen Schulen sinkt.“

Linnemanns Vorstoß teilt die Meinungen

Linnemanns Vorstoß spaltet das Publikum – einschließlich seiner eigenen Partei. „Ich dachte bisher immer, dass man in der Schule beigebracht bekäme, was man noch nicht kann“, twitterte süffisant der ehemalige CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz. Von einem „völlig falschen Weg“ spricht Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien, CDU: Gerade die Christdemokraten sollten „auf die soziale und gesellschaftliche Errungenschaft einer allgemeinen Schulpflicht hinweisen“.

Prien spricht damit, so scheint es, vielen Menschen mit Migrationshintergrund aus dem Herzen. Nur eines von vielen ist das Plädoyer der Rapperin Lady Bitch Ray für das gemeinsame Lernen: „Zu meiner Einschulung konnte ich besser Türkisch als Deutsch, Deutsch lernte ich so richtig erst in der ersten Klasse. Später Gymnasium, Abitur, Studium der Germanistik & Linguistik – heute bin ich Doktorin der Linguistik. Kinder müssen gefördert werden, nicht am Lernen gehindert!“

Aber sind die Zusammenhänge wirklich eindeutig so oder so? Lernen Hannah und Paul schlechter oder sogar besser, wenn Kinder wie Rafi mit im Klassenzimmer sitzen?

Chef des Deutschen Lehrerverbandes mahnt zur Differenzierung

Hans-Peter Meidinger kennt die aufgeregten Debatten in der Bildungspolitik. Manchmal zettelt er sie sogar selbst an. Der 64-Jährige leitet das Robert-Koch-Gymnasium im niederbayerischen Deggendorf und ist seit gut zwei Jahren auch Chef des Deutschen Lehrerverbandes. Die Wucht der Debatte um die Äußerungen Linnemanns hat allerdings auch ihn überrascht.

Der Gymnasiallehrer mahnt zur Differenzierung. In einigen Punkten gibt er Linnemann recht. Er kann aber auch die Aufregung über dessen Wortmeldung „durchaus nachvollziehen“. Allerdings: Ein Grundschulverbot für diejenigen, die bei Einschulung kaum ein Wort Deutsch sprechen, geschweige denn schreiben können, sei wohl nicht die Intention des CDU-Politikers. „Er hat darauf hingewiesen, dass in letzter Konsequenz die Einschulung zurückgestellt werden müsste, wenn keine ausreichenden Deutschkenntnisse vorhanden sind“, sagte Meidinger dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Wir haben großen Handlungsbedarf“

Der Lehrerpräsident weiß, dass man manchmal etwas lauter sprechen muss, um gehört zu werden. Intensiv hat er sich beschäftigt mit Fragen der Integration, mit Studien zum Spracherwerb, mit früher Förderung. Meidinger glaubt, dass nach 2015, als Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, an den Schulen Erhebliches geleistet worden ist. Und er ist sehr dafür, Probleme offen anzusprechen. „Wir neigen manchmal zu falscher Vorsicht. Da heißt es: Um Gottes willen, sprecht doch nicht immer Migrationsfragen in Zusammenhang mit Defiziten an“, meint er. Umgekehrt werde ein Schuh daraus: „Wir haben großen Handlungsbedarf und auch Verantwortung denen gegenüber, die wir aufgenommen haben.“

In der Lagebeurteilung unterscheidet Meidinger kaum etwas von Linnemann. „Wir schätzen, dass etwa jeder fünfte Erstklässler bei Einschulung wegen sprachlicher Defizite nicht in der Lage ist, dem Anfangsunterricht zu folgen“, sagt er. „Das betrifft in erster Linie Kinder mit Migrationshintergrund – aber nicht nur. Auch Kinder mit deutschen Wurzeln haben inzwischen erhebliche Sprachprobleme.“

Der Pädagoge will den Politikern nicht das Problembewusstsein absprechen. Aber er analysiert Herausforderungen schonungsloser als andere und sieht gewaltigen Handlungsbedarf. „Alle Studien zeigen, dass Sprachdefizite, die zum Zeitpunkt der Einschulung bestehen, nicht im Laufe der Schulzeit wieder aufgeholt werden können. Im Gegenteil: Die Schere öffnet sich immer weiter, die Leistungsunterschiede werden größer.“

Vorschulische Sprachtests in einigen Bundesländern

Vorschulische Sprachstandstests gebe es nur in einigen Bundesländern. Und selbst dort, wo sie durchgeführt werden wie in Bayern oder Niedersachsen, würden Ressourcen und dafür ausgebildete Lehrkräfte fehlen, um Kinder mit Sprachdefiziten so zu fördern, wie es notwendig wäre.

Meidinger versucht, groß zu denken. Sein Vorschlag: ein bundesweiter Mehrjahresplan. „Der könnte entweder einen verpflichtenden Kita-Besuch mit sprachlicher Frühförderung vorsehen – oder eine obligatorische Vorschule für Kinder mit sprachlichen Defiziten.“ Der Lehrerpräsident befürchtet „ansonsten massive Integrationsprobleme. Wir erleben bereits einen Anstieg der Jugendlichen, die ohne Abschluss die Schule verlassen – darunter ist ein hoher Prozentsatz von Kindern mit Migrationshintergrund.“

Wie kann ein System allen Kindern gerecht werden?

Dass rasch gehandelt werden muss, steht für Meidinger völlig außer Frage. Natürlich zunächst im Interesse der Kinder, die nicht genug Sprachkenntnisse mitbringen. Aber auch im Interesse aller anderen. Er verweist auf Studien. „Je höher der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, desto geringer der Lernerfolg in der Gesamtklasse“, sagt Meidinger. „Wenn in einer Klasse mit 20 Schülern sechs Schüler gar kein Deutsch sprechen und andere etwas lesen und schreiben können, wenn sie eingeschult werden, ist das nicht überraschend. Da bräuchte man eine zweite Lehrkraft, die sich um die Kinder mit besonderem Förderbedarf kümmert.“

Es ist wie so oft in Bildungsdebatten: Erst gibt es pointierte Forderungen – und am Ende läuft es auf die Frage nach dem Personal hinaus. Und auf die Frage, wie ein System möglichst allen Kindern gerecht werden kann. Ist der eine Faktor „Sprachkenntnisse“ für alle gleichermaßen aussagekräftig?

Von den 19 Kindern in Rafis Klasse haben elf einen Migrationshintergrund. Dazu gehört auch Barbara. Sie ist insgesamt, sagt Carolina B. „etwas lernschwach“. Zudem wird zu Hause nur Polnisch gesprochen, Barbara besucht keinen Hort, keinen Verein, keine Ganztagsschule. „Sie hat eigentlich kaum eine Chance, das Anfangsdefizit in der Sprache jemals wieder aufzuholen.“ Für Kinder wie Barbara, sagt die Klassenlehrerin, wäre eine Vorschule womöglich ein Segen, Kinder wie Rafi aber, davon ist sie überzeugt, würden auf diese Art nur „unnötig ausgebremst“.

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Von Rasmus Buchsteiner und Susanne Iden

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