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11:00 08.08.2019
Rund 15 Milliarden Bäume gehen der Welt pro Jahr verloren – aber nur 9 Milliarden werden nachgepflanzt. Quelle: Lutz Roeßler
Hannover

Mehrere Drohnen fliegen über ein ehemaliges Kohlerevier in Südwales. Im Sekundentakt schießen sie Kugeln ab, die dann wie ein Hagelsturm auf den Boden prasseln. Was aussieht wie ein kriegerischer Akt, ist in Wirklichkeit ein Teil des großen Plans, die Welt zu retten.

Die Drohnen werfen Baumsamen ab, vorgekeimt und in einer mit Nährstoffen gefüllten, biologisch abbaubaren Kapsel verpackt. Im Tiefflug schießt so ein „Seedbomber“ die Kapseln mit Druck in den Boden. Wurzel und Blattwerk entfalten sich, der Baum wächst.

Drohnen pflanzen 100 000 Bäume am Tag

Mit den Drohnen sei es möglich, einen Baumsamen pro Sekunde abzuschießen, frohlockt Lauren Fletcher, Chef des britischen Tech-Unternehmens Biocarbon Engineering, das die Methode derzeit in mehreren Ländern testet. Wenn eine Vielzahl von Drohnen simultan arbeite, sei es möglich, 100 000 Bäume am Tag zu pflanzen. Jährlich wollen die Briten eine Milliarde Setzlinge nach einem Schema in die Erde bringen.

Zumindest in den zeitgerafften Werbevideos des britischen Startups ist so in ein paar Sekunden ein klimatoleranter Wald herangewachsen. Die Technik könnte ein blühendes Geschäft für die Briten werden. Weltweit liegt das Massenpflanzen von Bäumen im Trend, und je schneller das geht, desto besser. Die Bäume gelten als wichtige Verbündete des Menschen im Kampf gegen den Klimawandel, weil sie das klimaschädliche Kohlendioxid (CO2) aus der Luft filtern und für lange Zeit gleichsam einlagern.

Sind also nicht E-Autos, Flugverbote und CO2-Steuern unsere Klimaretter – sondern die guten alten Bäume?

Äthiopien hängt Deutschland ab – beim Massenpflanzen

Bäume zu pflanzen liegt jedenfalls im Trend – auch politisch. Vor Kurzem entdeckte selbst Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, bislang nicht gerade als grüner Vordenker bekannt, seine Liebe zu Eiche, Fichte und Buche. Er will nun 30 Millionen Exemplare pflanzen lassen – wohl auch, weil das ungleich sympathischer und sanfter wirkt als Dieselfahrverbote und höhere Abgaben. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat sogar vorgeschlagen, ein „Mehrere-Millionen-Bäume-Programm“ aus dem Energie- und Klimafonds der Bundesregierung zu finanzieren.

Im weltweiten Vergleich ist Deutschland damit allerdings sogar Nachzügler. Im vom Raubbau gebeutelten Äthiopien gab es in der vergangenen Woche sogar ein politisch initiiertes Waldwunder. Zuletzt meldete der Minister für Innovation und Technologie, Getahun Mekuria, dass ehrenamtliche Helfer binnen zwölf Stunden 350 Millionen Setzlinge eingegraben hätten. Sollte die Zahl stimmen, wäre das ein gewaltiger Erfolg.

Eine Schweizer Studie

Fest steht: Die Welt braucht dringend neue Bäume. Laut Studien verliert die Erde jedes Jahr 15 Milliarden Exemplare – nachgepflanzt werden lediglich neun Milliarden. 2017 soll die globale Waldvernichtung einen traurigen Spitzenwert erreicht haben – vor allem für Konsum von Fleisch, Soja, Palmöl, Holz sowie Bodenschätze wurde abgeholzt, berichtet der Umweltverband WWF.

Eine Anfang Juli im renommierten Fachjournal „Science“ veröffentlichte Studie von Schweizer Forschern kam zu dem Schluss, dass sich der Klimawandel durch nichts so effektiv bekämpfen ließe wie durch Aufforstung. Bäume zu pflanzen habe das Potenzial, zwei Drittel der bislang von Menschen gemachten klimaschädlichen CO2-Emissionen aufzunehmen, schreiben die Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.

Sind 1,5 Grad doch machbar?

Sie zeigen zudem auf, wo auf der Welt neue Bäume wachsen könnten und wie viel Kohlenstoff sie speichern würden. Das Ergebnis klingt optimistisch: Die Erde könne ein Drittel mehr Wälder vertragen, ohne dass Städte oder Agrarflächen beeinträchtigt würden. Somit sei also das Ziel des Weltklimarats, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu drosseln, doch noch erreichbar.

Müssen wir nun also nur genug Bäume pflanzen, und alles wird gut?

Die Konkurrenz von Wald und Weiden

Julia Pongratz, Professorin für Geografie und Landnutzungssysteme an der Ludwig-Maximilians-Universität München, erforscht seit Jahren, wie sich die verschiedenen Formen der Landnutzung auf das Klima auswirken – und warnt vor zu großen Erwartungen. „Das Ziel der Schweizer Studie war, rein hypothetische Potenziale aufzuzeigen, sie beschäftigt sich nicht mit einem unter realen Bedingungen plausiblen Szenario“, konstatiert sie.

So umfassten die Berechnungen für die Aufforstung beispielsweise auch die Weideflächen. Das Problem sei jedoch, dass die Flächen jeweils in Konkurrenz mit der Nahrungsmittelerzeugung stehen. „Fallen die Weideflächen weg, müssten wir unseren Fleischkonsum massiv einschränken. Das bedeutet, dass wir wiederum mehr Ackerland bräuchten, um andere Nahrungsmittel herzustellen.“

„Wir müssen die Entwaldung stoppen“

Gemeinsam mit Kollegen des Max-Planck-Instituts für Meteorologie hat Pongratz errechnet, wie viel Kohlenstoff gebunden werden könnte, wenn man von einem plausiblen, wenngleich optimistischen Szenario ausgeht. Das Ergebnis: Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten die aufwachsenden Wälder so viel Kohlenstoff binden, wie die Menschheit bei derzeitigen Raten in 20 Jahren emittiert. „Wenn wir mehr Waldflächen schaffen, hilft das zwar, den Klimawandel abzuschwächen“, resümiert Pongratz. Dies könne aber bei Weitem nicht sämtliche Emissionen kompensieren. „Wir kommen nicht darum herum, die Verwendung fossiler Energieträger substanziell zu reduzieren und die Entwaldung zu stoppen, wenn wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen wollen.”

Bäume allein also werden das Klima nicht retten. Aber können sie zumindest die Folgen erträglicher machen?

Die Hitze setzt den Bäumen zu

„Ein Wald kann unter anderem kühlend wirken, indem über seine vielen Blätter Wasser verdunstet“, sagt Pongratz. Studien wiesen nach, dass eine Wiederherstellung des ursprünglichen Waldes in den Tropen die Temperaturen lokal sogar um mehrere Grad abkühlen könnte.

Auch in den überhitzten deutschen Städten wären Bäume, die für Ausgleich sorgen, ein Segen. Die Realität ist aber eine andere, die deutschen Bäume leiden selbst unter den Folgen der Erderwärmung – Dürrestress, Schädlingsbefall und Waldbrände setzen ihnen zu. „Unsere Baumarten sind an der Grenze ihrer Anpassungsfähigkeit“, sagt Hermann Spellmann, Leiter der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen. Brauchen wir also andere?

Der Klimawandel lässt Ideen sprießen

Es werde einen großen Umbau der Bestände geben, um sie an den Klimawandel anzupassen, sagt Spellmann. Wo jetzt noch Fichten wachsen, könnten es künftig Eichen sein, die besser mit der Trockenheit klarkommen. Mancherorts könnten die Buchen verschwinden und auch durch importierte, robustere Baumarten ersetzt werden. Dazu gehören zum Beispiel Douglasie, Roteiche oder Elsbeere.

In den Städten lässt der Klimawandel indes die Ideen sprießen: Begrünte Dächer, hängende Gärten, vertikale Wälder und Bewässerungssysteme sollen die Auswirkungen der Wetterextreme verringern. Stadtplaner, Architekten und Wissenschaftler weltweit haben Stadtgrün als die perfekte Waffe gegen schlechte Luft ausgemacht und Schottergärten zum Feindbild erklärt.

Gesucht wird: der neue Baum

Städteplaner und Gärtner stehen daher nun vor der Herausforderung, den perfekten Stadtbaum der Zukunft zu finden. Gesucht wird: ein Baum, der 39 Grad aushalten kann. Der eine Zeit lang ohne Wasser auskommt. Der standfest ist, aber dessen Wurzeln nicht viel Platz brauchen. Zwar ist der Stadtbaum nicht für das globale Klima entscheidend – aber immerhin für das Stadtklima. In vielerlei Hinsicht.

Der berühmte britische Naturfilmer Sir David Attenborough, inzwischen 92 Jahre alt, fasst es in seiner aktuellen Serie „Unser Planet“ so zusammen: „Bäume spenden uns Schatten und reinigen die Luft. Das macht uns gesünder und glücklicher.“ Einfach nur einen Baum aus dem Fenster zu sehen oder auf dem Weg zur Arbeit an einem vorbeizugehen entspanne schon Körper und Geist.

„Go on, breathe!“, ruft er ihnen zu, „atmet weiter!“

Von Sonja Fröhlich/RND

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