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Politik Freie Fahrt für freie Bürger? Was für ein Irrsinn!
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21:06 22.01.2019
Müssen die Deutschen schneller als 130 fahren dürfen? Quelle: Armin Weigel/dpa
Berlin

Zugegeben: Ich habe auch schon wissen wollen, was mein Familienkombi so schafft, wenn ich es darauf anlege. Die Bahn war leer, das Wetter gut, also ab auf die linke Spur, das Lenkrad fest umklammert und das Gaspedal bis zu Anschlag durchgetreten. Bei 195 Stundenkilometern war Schluss. Die Tachonadel zitterte, die Innenverkleidung vibrierte. Ein zweites Mal muss ich das nicht haben.

Strafrechtliche Konsequenzen drohen mir trotz dieses öffentlichen Geständnisses nicht. Mein Bleifußexperiment war völlig legal. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung gab es auf diesem Teilstück der Autobahn nicht. Da der Verkehr überschaubar war, würde ein Gericht meine Fahrt auch nicht als unangemessen schnell einstufen. Hätten Motor und Auto es geschafft, hätte ich auch noch deutlich schneller fahren dürfen.

Es ist nicht so, als würden Menschen das nicht tun. Immer wieder gibt es Schlagzeilen von Horror-Unfällen auf Autobahnen, bei denen Geschwindigkeiten weit jenseits der 200 Stundenkilometer eine Rolle spielen. Erst im vergangenen Oktober verlor ein Ferrari-Fahrer auf der A27 bei Walsrode mit 220 Kilometern in der Stunde die Kontrolle über sein Auto. Er bezahlte den Geschwindigkeitsrausch mit seinem Leben. Mehr Glück hatte ein Sportwagen-Fahrer, dem auf der A7 nahe Laatzen bei Tempo 300 ein Reifen platzte. Er überlebte - und bekam noch nicht einmal ein mickriges Pünktchen in der Flensburger Verkehrssünderdatei.

Die Amerikaner wollen baller, die Deutschen rasen

Deutschland ist das einzige entwickelte Land auf der Welt, wo so etwas noch möglich ist. Dabei gibt es eine Vielzahl von Gründen, die für ein generelles Tempolimit sprechen. Die meisten von ihnen lassen sich mit Statistiken und Untersuchungen belegen: Wenn alle langsamer fahren gibt es weniger Unfälle, weniger Klimagase, weniger Lärm, weniger Staus, weniger Stress. Alle Nachbarländer Deutschlands, alle Mitgliedsstaaten der EU, alle westlichen Verbündeten haben das längst erkannt. Nur das vermeintlich aufgeklärte Deutschland verweigert sich beharrlich der Einsicht. Hierzulande gilt immer noch das Motto: Freie Fahrt für freie Bürger.

Was für ein Irrsinn!

Beim Thema Auto verhält sich Deutschland ähnlich irrational wie die Vereinigten Staaten beim Thema Waffenbesitz. Die einen wollen frei ballern, die andern frei rasen. Eindrucksvoll vorgeführt hat die deutsche Auto-Obsession nun ausgerechnet Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Der CSU-Mann, eigentlich verantwortlich für die Sicherheit im Straßenverkehr, nannte die Überlegungen einer Regierungskommission für ein Tempolimit „unverantwortliche“ Gedankenspiele „gegen jeden Menschenverstand“. Selbst wenn die Autolobby und einige Unverbesserliche applaudieren mögen, bleibt das Gegenteil richtig. Seit auf Teilen der A24 zwischen Berlin und Hamburg ein Tempolimit gilt, sind die Zahlen der Unfälle, Schwerverletzten und Toten rückläufig. Und das trotz steigender Verkehrszahlen.

Knapp 2000 Euro für den Geschwindigkeitskick auf deutschen Straßen

Wie absurd das Festhalten am anachronistischen Recht auf Raserei ist, zeigen die Angebote amerikanischer und asiatischer Reiseveranstalter. Sie bieten gut betuchten Touristen ein deutsches „Autobahn Experience“ an. Wer zu viel Geld oder zu viel Langeweile hat, kann für 699 Euro das „Autobahn Professional Paket“ buchen: 80 Minuten mit dem Porsche 911 Carrera auf einer deutschen öffentlichen deutschen Straße – natürlich ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Für 80 Minuten im Lamborghini mit 740 PS werden knapp 2000 Euro fällig. So weit sind wir gekommen: Die Bundesautobahn dient als Disneyland-Ersatz.

Es ist höchste Zeit, die Debatte über ein generelles Tempolimit frei von ideologischen Scheuklappen zu führen. Denn anders als Klimaaktivisten auf der einen und Autofanatiker auf der anderen Seite glauben machen möchten, heißt die Alternative ja nicht 110 oder 300 Stundenkilometer. Es gibt eine Vielzahl an Lösungen dazwischen.

Was spräche dagegen, die Geschwindigkeit auf deutschen Autobahnen bei, sagen wir, 150 Stundenkilometern zu begrenzen. Eine angenehme Reisegeschwindigkeit wäre immer noch möglich, blinde Raserei aber nicht mehr.

Darauf sollten wir uns doch verständigen können.

Lesen Sie auch: Verkehrsminister-Chefin warnt vor überzogenen Erwartungen in Tempolimit-Debatte

Von Andreas Niesmann/RND

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