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Politik Lasse Petersdotter und die Schatten der Gewalt
Nachrichten Politik Lasse Petersdotter und die Schatten der Gewalt
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16:50 08.07.2019
Von Karen Schwenke
Lasse Petersdotter (Grüne): Wenn ich heute bedroht werde, habe ich als Politiker die Möglichkeit, das zur Debatte zu machen. Quelle: Thomas Eisenkrätzer (Archiv)
Kiel

Lasse Petersdotter (29) ist in der Grünen-Landtagsfraktion für Strategien gegen Rechtsextremismus zuständig. Für sein Engagement zahlt er einen hohen Preis: Er muss mit Morddrohungen leben. Nach dem rechtsextremmotivierten Politikermord an Walter Lübcke am 2. Juni 2019 haben diese Drohungen für ihn eine neue Brisanz.

Herr Petersdotter, wenn sich Politiker wie Sie gegen rechts engagieren, sind sie besonders gefährdet. Das zeigt der Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke vor gut einem Monat. Wie schätzen Sie die Gefahr für sich ein?

Lasse Petersdotter: Die Tat überrascht mich spätestens seit den NSU-Morden nicht wirklich, aber sie erschreckt. Mich beschäftigt grundsätzlich die Frage, ob der oder die Täter so etwas wie ein Vorbild in der rechten Szene werden. Ich erhalte zwar seit Jahren ähnliche Drohungen wie Walter Lübcke, möchte die Gefährdung aber nicht vergleichen. Vorsichtig bin ich trotzdem.

Was wird Ihnen angedroht?

Ich erhalte zum Beispiel Gewaltandrohungen, wie „Kann man Dir nicht mal auf die Fresse hauen“, oder Kommentare: „Wenn man den nachts erwischen würde“. Vor Weihnachten habe ich eine Broschüre mit Argumentationshilfen gegen rechtspopulistische Aussagen herausgebracht, daraufhin kamen viele Anfeindungen und auch Morddrohungen.

Auf meinen Anrufbeantworter hatte einer gesprochen: „Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie messerreiche Weihnachten.“ Mir wurde auch angedroht: „Die Zeit wird kommen, da werden wir Sie zur Rechenschaft ziehen.“ Das sind alles Ankündigungen, mit denen man einen Umgang finden muss, ich habe ihn schon früh gefunden, lange bevor ich Politiker wurde.

Gab es dafür einen Anlass?

Ja. Mit 15 wurde ich von einem Neonazi verhauen, er war weit über 20 und mehrfach vorbestraft. Ich habe ihn daraufhin wegen Körperverletzung angezeigt. Bis zur Gerichtsverhandlung blieb dann sehr viel Zeit für Einschüchterungen: Er hat mir gedroht, wenn Du die Anzeige nicht zurückziehst, dann bringe ich dich um. Also habe ich versucht, die Anzeige zurückzuziehen, das ging aber nicht.

Damals hatte ich keinen Schutz, ich bin kaum zur Schule gegangen, weil der Mann bei mir im Viertel wohnte. Er wurde dann zwar verurteilt, hat aber nach Absitzen seiner Gefängnisstrafe auf der Kieler Woche 2007 jemanden erstochen. Da war für mich klar, ich muss mich damit auseinandersetzen.

Zur Person

Lasse Petersdotter (29) wurde in Preetz geboren und wuchs in Kiel auf. Nach dem Abitur 2011 studierte er Politik- und Islamwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und machte 2016 seinen Bachelor. 2015 wurde er Mitglied im Parteirat der schleswig-holsteinischen Grünen, arbeitete als Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Medien- und Netzpolitik der Grünen und als Mitarbeiter für Netzpolitik, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Landtagsfraktion. Seit 2017 ist Lasse Petersdotter Landtagsabgeordneter. Er ist unter anderem Sprecher für Finanzen, Tierschutz und Strategien gegen Rechtsextremismus.

Welche Konsequenzen haben Sie gezogen?

Die erste Entscheidung war: dass ich mich nie mehr einschüchtern lasse, auch nie mehr zulasse, dass jemand in meinen privaten Raum eindringt und mich daran hindert, Dinge zu tun. Und ich habe mit Kampfsport angefangen. Das Erlebnis war schließlich auch ein Grund, warum ich in die Politik gegangen bin.

Ist das auch der Grund, warum Sie jetzt öffentlich über die Morddrohungen sprechen?

Wenn ich heute bedroht werde, habe ich als Politiker die Möglichkeit, das zur Debatte zu machen. Als ich damals verhauen wurde, hat das niemanden interessiert, außer meinem privaten Umfeld. Man darf nicht vergessen, Politiker sind zwar gefährdet, aber die allermeisten rechtsextremistischen Taten richten sich gegen Menschen mit Migrationshintergrund, gegen Lesben, Schwule, Transpersonen und Obdachlose – alles Menschen, die oft nicht die Möglichkeit haben, sich Öffentlichkeit zu verschaffen.

Lesen Sie auch: Rechtes Terrornetzwerk plante politische Morde in ganz Deutschland 

2016 stand ich auf einer Kieler Liste, eine Internetseite, auf der linke Menschen aufgelistet wurden. Dort stand, was ich gesagt habe, wo ich mich aufhalte, in welche Kneipen ich gehe. Die rechte Szene hatte mich also auf dem Radar. Auch das habe ich damals öffentlich gemacht. Und ich habe mich nicht davon abhalten lassen, weiterhin in diese Kneipen zu gehen.

Walter Lübcke stand ja auch auf einer solchen Todesliste. Macht Ihnen das Angst?

Angst habe ich nicht, aber ich bin sehr vorsichtig. Was etwas nervig ist, dass diese Vorsicht einem schnell paranoid vorkommt. Man hat das Gefühl, übervorsichtig zu sein. Der Mord an Walter Lübcke zeigt aber auch, dass man die Gefahr wirklich ernst nehmen muss.

Was unternehmen Sie denn jetzt, um sich zu schützen?

Es wäre wohl nicht so klug von mir, einzelne Maßnahmen öffentlich zu nennen. Aber, ganz klassisch: Häufiger über meine Schulter gucken. Oder Auffälligkeiten genau beobachten, wie etwa, wenn andauernd die Reifen zerstochen werden von meinem Fahrrad, das öffentlich auf Fotos zu sehen ist. Außerdem stehe ich in engem Kontakt mit der Opferberatungsstelle Zebra e.V.. Das Wichtigste für mich ist: weiterhin keine Möglichkeit auslassen, Widerspruch gegen Rechts zu leisten. Und ich habe ich mir vorgenommen, ab jetzt alle Drohungen und Vorfälle zur Anzeige zu bringen.

Das heißt, bisher haben Sie nichts zur Anzeige gebracht und stehen nicht mit den Sicherheitsbehörden in Kontakt?

Nein, bisher nicht. Das ist falsch, man muss konsequent die Dinge anzeigen. Leider hat das oft keine juristischen Konsequenzen, weil die Drohungen über Twitter oder Facebook von den Absendern schnell wieder gelöscht werden. Das ist Teil der rechten Strategie. Dann können sie nämlich nicht belangt werden, die Verfahren werden wieder eingestellt, weil es heißt, die Drohung sei aus einer Laune heraus entstanden.

Das Problem sind auch bestimmte Akteure in der rechten Szene, wie die Politikerin Erika Steinbach, der Kolumnist Don Alphonso oder der Pegida-Hetzer Akif Pirinçci, die auch schon über mich geschrieben und gepostet haben. Das sind genau die, die auch gegen Walter Lübcke gehetzt haben. Und wenn diese Meinungsmacher erst mal etwas aussprechen, dann wird es für verschwörungstheoretische Rechtsextreme zur Heldentat, etwas zu tun. Das ist das Gefährliche.

Diese Rechtspopulisten sind bundesweit aktiv. Von wem geht denn in Schleswig-Holstein die Bedrohung aus?

Während ich bei anderen Themen oft nur regionale Reaktionen bekomme, erhalte ich auf meinen Äußerungen gegen Rechts Kommentare aus ganz Deutschland. Die Bedrohung geht von Leuten aus, die explizit Gewaltfantasien äußern und Informationen verwenden, die sie eigentlich gar nicht haben können.

In Schleswig-Holstein haben wir zwar eine schwächere rechtsextreme Szene als in vielen anderen Bundesländern, aber die Leute sind bundesweit vernetzt. Es ist auch schwer einzuschätzen, wie sie sich radikalisieren, und absolut kein Grund zur Entwarnung.

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