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Nachrichten Politik Lebensgefahr für Helfer in Afghanistan
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20:02 16.08.2018
Die Zivilisten sind auf die Hilfe des Internationalen Rotkreuz-Komitees angewiesen, wie hier ein lebensgefährlich verletzter Junge nach dem Selbstmordattentat auf eine Kabuler Schule vergangenen Mittwoch. Quelle: AP
Kabul

Ghazni steht erneut unter Hochspannung: Seit vergangener Woche gibt es heftige Kämpfe zwischen den radikalislamischen Taliban und Einsatzkräften in der ostafghanischen Provinzhauptstadt. Nach Regierungsangaben sind dabei mindestens 100 Sicherheitskräfte und Zivilisten getötet worden.

Zeitgleich erschütterte ein Selbstmordanschlag auf eine Schule am Mittwoch die afghanische Hauptstadt: Mindestens 48 Menschen waren dabei ums Leben gekommen, größtenteils Jugendliche, hinzu kommen mindestens 67 Verletzte.

Taliban hebt Schutzgarantie auf

Am Donnerstag kündigte der Sprecher der Taliban, Sabiullah Mudschahid, das Sicherheitsabkommen mit dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) auf. Die Lage droht nun vollends zu eskalieren.

„Das ist eine mittelschwere Katastrophe. Jeder kann sich ausmalen, welche Konsequenzen diese Ankündigung für uns haben wird“, sagt Andrea Catta Preta, eine Helferin vom Rotkreuz-Komitee, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Die Organisation ist bereits seit 1987 in Afghanistan aktiv. Die derzeit 1700 Helfer genossen bisher bei allen Konfliktparteien im Land einen besonderen Schutzstatus.

Durch ihn konnten sich die Helfer in ganz Afghanistan ohne Sicherheitseskorten oder gepanzerte Fahrzeuge bewegen und auch in Gebieten helfen, die von Taliban kontrolliert werden.

Sicherheitsmänner sicherten am Mittwoch den Bereich des Selbstmordattentats auf eine Schule in Kabul ab. Quelle: AP

Vorwurf: Unterlassene Hilfeleistung

Die Extremisten werfen dem Internationalen Komitee in einem Schreiben vor, seinen Verpflichtungen zur Unterstützung der Taliban in einem Gefängnis in Kabul nicht nachgekommen zu sein.

Das „eklatanteste Beispiel“ dafür sei die Nichtbeachtung des Hungerstreiks Tausender gefangener Taliban in der Haftanstalt Pul-e Tscharchi. Hunderte Gefangene seien in den vergangenen zehn Tagen ins Koma gefallen.

Das Internationale Komitee äußert sich nicht zu den Vorwürfen. „Uns ist es nicht gestattet, zu den Geschehnissen Stellung zu nehmen“, sagte Andrea Catta Preta, die sich derzeit in Kabul als Helferin aufhält, gegenüber dem RND.

Unterstützung aus Deutschland

Aus Deutschland erhält das Komitee Unterstützung: Dieter Schütz, Pressesprecher des Deutschen Roten Kreuzes, kann sich nicht vorstellen, dass die Helfer ihre Pflichten missachtet haben.

„Die Organisation hilft Menschen in Not unabhängig von politischen und religiösen Anschauungen, folglich auch den Taliban-Kämpfern. Wenn sie verletzt sind, kümmert man sich auch um sie“, sagt er gegenüber dem RND.

Der Pressesprecher hält die Vorwürfe für „nicht besonders stichhaltig“, da die Organisation mit allen Konfliktparteien zusammen arbeiten und deshalb stets neutral bleiben müsse. „Was vor Ort nun wirklich geschehen ist, kann ich natürlich nicht sagen“, wirft er ein.

Ghazni ist auf Hilfe angewiesen

Die Kämpfe in Ghazni entfachten vergangenen Freitag und intensivierten sich über das Wochenende. Das Telekommunikationssystem und die Elektrik sind laut IKRK bereits zu Beginn der Unruhen ausgefallen.

Einige Menschen konnten flüchten, andere verbarrikadierten sich in ihren Häusern. Wasser und Nahrungsmittel würden immer knapper. Die Opferzahlen erhöhten sich täglich, während eine endgültige Zahl noch nicht genannt werden könne.

In einer Pressemitteilung vom 14. August, vor der Aufkündigung der Schutzgarantie, vermeldete das Komitee, während der Unruhen in Ghazni den Verletzten Medizin zur Verfügung gestellt und sie im örtlichen Krankenhaus medizinisch versorgt zu haben.

Sie versorgten die Zivilbevölkerung außerdem mit Kleidung, Wasser und Strom.

Mithilfe der Organisation roter Halbmond transportierten die Helfer die menschlichen Überreste der Kriegsopfer zu ihren Angehörigen, ins Krankenhaus oder zu Militärbasen. Die Organisation stellte den Opfern 250 Särge zur Verfügung und orderte 500 zusätzliche Hygienepakete.

Die Provinzhauptstadt Ghazni befindet sich knapp 150 Kilometer entfernt von der afghanischen Hauptstadt Kabul. Die Taliban griffen Regierungsgebäude und Polizeistationen an. Bisher ist die Rede von über 100 Toten. Quelle: AP

Helfer müssen respektiert und geschützt werden

„Unser Team hat alles dafür getan, das örtliche Krankenhaus zu unterstützen. Wir werden damit weitermachen, solange unsere Unterstützung gebraucht wird und es die Umstände zulassen“, sagte noch vor wenigen Tagen Juan Pedro Schaerer, der Leiter der Rotkreuzhelfer in Afghanistan.

„Wir wollen allen Zivilisten und Verwundeten den Zugang zu medizinischer Versorgung ermöglichen. Unsere medizinischen Helfer müssen respektiert und geschützt werden.“

Nach einer Talibanattacke auf Ghazni am 15. August ist ein Einkaufsladen ausgebrannt. Quelle: AP

Größte Herausforderungen für Sicherheitskräfte

Das Verteidigungsministeriums betonte in einer Regierungspressekonferenz am Mittwoch, dass die Provinzhauptstadt außerhalb des deutschen Verantwortungsbereiches liege und die deutschen Soldaten deshalb keine eigenen Erkenntnisse über den Verlauf dieser Angriffe hätten.

Gleichzeitig warf ein Pressesprecher des Auswärtigen Amts ein: „Der Kampf in eng bewohnten Gebieten gehört zu den größten Herausforderungen für Sicherheitskräfte, ist sehr zeitintensiv, verlustreich und auch unübersichtlich.“

Die humanitären Helfer müssen auch Leichen und menschliche Überreste bergen. Quelle: AP

Region unter Hochspannung

Ob sich die Lage wieder beruhigen wird, kann auch Sanela Bajrambasic vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes nicht voraussagen:

„Ganz Afghanistan steht unter Hochspannung. In Kabul konzentriert sie sich. Bei so komplexen, schwierigen Umständen kann niemand vorhersehen, was als nächstes passieren wird“, sagte sie gegenüber dem RND.

Das Wichtigste sei jedoch, das Vertrauensverhältnis schnellstmöglich wieder aufzubauen, um den Menschen in Not auch weiterhin helfen zu können.

Von Josefine Kühnel/RND

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