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Politik Rot und Schwarz an einem Tisch
Nachrichten Politik Rot und Schwarz an einem Tisch
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12:00 08.08.2013
Von Uta Wilke
Torsten Albig (SPD, l) und sein Vorgänger Peter-Harry Carstensen (CDU) sitzen zusammen beim Frühstück. Besuche auf Nordstrand und in Husum waren die letzten Stationen von Albigs Sommerreise durchs Land. Quelle: dpa
Nordstrand/Husum

Als der „Rote“ am Mittwochabend im „Pharisäerhof“ eintrifft, ist der „Schwarze“ schon da. „Oh, der Ministerpräsident“, tönt Carstensen durch das Gasthaus. „Herzlich willkommen in der wichtigsten Gemeinde Schleswig-Holsteins!“ Er frotzelt: „Ich lass’ ihn hier doch nicht allein.“ Hier, das ist konservatives Peter-Harry-Land. Hier, das ist der Elisabeth-Sophien-Koog, wo Carstensens Elternhaus steht. Hier, das ist der Ort, an dem 1872 der Pharisäer erfunden wurde: Rum im gesüßten Kaffee mit Sahnehaube.

„Wir beide mögen uns“, sagt Albig. Das Treffen solle ein schönes Zeichen sein, eine Verbeugung vor seinem Vorgänger. „Außerdem brauchte ich wieder mal Honig.“ Den hat der 66-jährige Ex-Ministerpräsident natürlich im Gepäck, als er am Donnerstagmorgen zum gemeinsamen Frühstück erneut im „Pharisäerhof“ aufkreuzt. Der Honig stammt von den Bienen an seinem Wohnsitz Schierensee, wo Carstensen mittlerweile mit Ehefrau Sandra zu Hause ist. Zum Frühstück – der Amtsinhaber trinkt Tee, der Vorgänger Kaffee – haben sich die beiden an einen Extra-Tisch zurückgezogen. Die Wortfetzen, die zu den neugierigen Gästen herüberfliegen, lassen darauf schließen: Es geht in dem Gespräch nicht um die ganz schwere politische Kost. Eine tiefere Bedeutung will der 50-jährige Albig dem Treffen auch nicht beimessen. Sein Vorgänger, der von 2005 bis 2012 im Amt war, geht die Sache ebenfalls locker an: „Wenn das Gespräch dazu beiträgt, das Verhältnis zwischen unseren Parteien zu verbessern, mache ich das gern.“ Aber: „Das Verhältnis zwischen uns beiden muss sich nicht verbessern“, sagt Carstensen, der eher Bauchmensch ist, über Albig, der als Kopfmensch gilt.

Aber hier wird nicht nur geredet: Per E-Bike geht es ins gut 15 Kilometer entfernte Husum. Eine Stunde lang dauert die Fahrt. Der Ältere erzählt auf dem Fahrrad von den Problemen seiner Heimat, von Eindeichung und Sturmfluten. Er hält an und zeigt auf das Festland: „Der Schobüller Berg, das ist der erste Wald, den ich in meinem Leben gesehen habe“. Die kleine Erhebung Berg zu nennen, ist stark geschmeichelt. Aber wir befinden uns eben in einem Landstrich, der ansonsten platt ist wie ein Pfannkuchen.

Carstensen dominiert bei diesem Treffen – natürlich auch in Husum, wo er die ganze Truppe zu seinem Lieblings-Eis-Italiener einlädt. Hier ist er bekannt wie ein bunter Hund und geht keinem Klönschnack aus dem Weg. Doch zunächst stellt er jedem Gast, der an den Tisch kommt, seinen Begleiter Albig mehr oder weniger artig vor: „Das ist der Ministerpräsident, aber der ist Sozi.“

Die beiden Politiker haben sichtlich ihren Spaß. Ob auch alle in ihren jeweiligen Parteien so erfreut über das Treffen sind? Im Vorfeld hat es leichte Kritik gegeben. Die CDU trauert immer noch der Macht nach, die sie vor einem Jahr an Albigs Dreierbündnis aus SPD, Grünen und SSW verlor. „Ich habe nicht gefragt“, erklärt Carstensen den Journalisten, die wissen wollen, was seine Partei über so viel Nähe zum politischen Konkurrenten sage.

Ressentiments gibt es auch bei den Genossen. Vielen ist noch der Bruch der Großen Koalition von 2009 in Erinnerung, als Carstensen die sozialdemokratischen Minister entließ. Albig wirkt bei derartigen Nachfragen etwas ungehalten: „Wir täten gut daran, wenn wir die Zeitrechnung am 12. Juni 2012 beginnen lassen würden.“ Damals wählte ihn die Landtagsmehrheit zum Ministerpräsidenten. „Alles andere ist vertane Energie und Lebenszeit.“