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Politik „Alles spricht für Barschels Selbstmord“
Nachrichten Politik „Alles spricht für Barschels Selbstmord“
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09:00 15.08.2018
Von Ulf Billmayer-Christen
Vor mehr als 40 Jahren schien die CDU-Welt noch in Ordnung: Fraktionschef Uwe Barschel (links) mit Geschäftsführer Günther Potschien. Der 73-jährige Volkswirt rechnet jetzt in einem Buch mit Barschel ab. Er geht von einem Suizid des Politikers aus. Quelle: Privat
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Kiel

„Alles spricht für einen Bilanz-Selbstmord“, bekräftigt Potschien im Gespräch mit KN-online. Diese Einschätzung begründet der Diplom-Volkswirt in seinem jüngst erschienenen Buch auch damit, dass Barschel schon in den 70er-Jahren als Fraktionschef mit teils bisher unbekannten „dirty tricks“ Politik machte. Diese „strafrechtlich relevanten Verfehlungen“, so Potschien, wären im Zuge der späteren Kieler Affäre wohl ans Tageslicht gekommen und hätten den Ausschluss Barschels aus der CDU und der Anwaltskammer nach sich gezogen. „Barschel hatte keine Alternative mehr.“

Potschien, der von 1973 bis 1979 an der Seite des CDU-Politikers arbeitete, schildert in dem Buch eine ganze Reihe von Vorfällen, in denen der damalige Fraktionschef rechtliche und moralische Grenzen überschritten habe. So soll Barschel einen Fraktionsmitarbeiter 1976 beauftragt haben, heikle Akten zu vernichten. Laut Potschien wurden die Unterlagen schließlich auf einem unbebauten Grundstück in Blumenthal verbrannt. Grund für die Säuberungsaktion soll eine drohende Prüfung des Landesrechnungshofs gewesen sein. Außerdem hat Potschien einen Hinweis erhalten, dass Barschel angeblich aus Fraktionsmitteln monatlich ein Extra-Salär erhielt.

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Späte Offenbarung

Barschel soll zudem im Rahmen von Telefonaktionen Mitarbeiter gezielt um Anrufe gebeten und diese auch erhalten haben. Ein Ziel sei gewesen, den politischen Gegner mit erfundenen Geschichten zu verunglimpfen. In einem anderen Fall soll der Fraktionschef seinen Geschäftsführer unter vier Augen gebeten haben, Kanzler Helmut Schmidt und dessen damals nur Insidern bekannte Beziehung zu einer Frau in Hartenholm auszuspionieren. Barschel habe geglaubt, den Kanzler mit dessen außerehelicher Liaison kompromittieren zu können, so Potschien.

Seine späte Offenbarung erklärt Potschien mit der nicht abreißenden Welle von neuen Büchern mit absurden Mordtheorien. Die Autoren würden dabei Barschels Zeit als Fraktionschef und seine Persönlichkeitsstruktur ausblenden. Der CDU-Politiker sei ein „Macho“ mit viel Ego und großem Ehrgeiz gewesen. Barschel habe zudem „unter einer fast schon krankhaften Verlustangst“ gelitten, „einmal nicht mehr zu den Dirigenten in der Politik zu gehören“.

Infos zum Buch

„Der Fall Barschel“ , VAS-Verlag, 13,80 Euro. ISBN: 978-3-88864-560-0. Mitautorin des Buches ist die Strander Journalistin Gabriele Schreib.

Christian Hiersemenzel 15.08.2018
15.08.2018