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00:17 09.02.2013
Von Felix Haas
Gewässerschutz in der Landwirtschaft: Landwirt Robert Muus (li.) und Eckhard Kuberski vom Landesbetrieb für Küstenschutz sind stolz auf die schon umgesetzten Maßnahmen rechts der Curau: ein 20 Meter breiter Schutzstreifen mit Knick. Quelle: Peter
Kiel/Stockelsdorf

Es stürmt, Regen peitscht übers Land. Die Curau in Ostholstein schlängelt sich mit bräunlichem Hochwasser an einer matschigen Grasfläche entlang, im Hintergrund türmt sich ein Haufen Erde mit Stockresten vor einem durchfurchten Feld auf. Ein Laie erkennt hier nur ein tristes Stück  Ackerland im Winter. Robert Muus ist kein Laie. Er ist Landwirt, und das hier ist sein Land. Muus deutet mit ausgestrecktem Arm über die Fläche: Hinter dem Einheitsgrau verbirgt sich der Teil eines gewaltigen Projekts – die Allianz zwischen Bauern und Umweltministerium zum Schutz der Gewässer in Schleswig-Holstein.

Fast die Hälfte aller Grundwasserkörper, mit 95 Prozent so ziemlich jedes Fließgewässer und etwa 80 Prozent der berichtspflichtigen Seen im Land sind in einem schlechten Zustand. Das sind alarmierende Zahlen – erst recht vor dem Hintergrund, dass bereits 2015 der erste Bewirtschaftungszeitraum der Wasserrahmenrichtlinie der EU endet. Das bedeutet: Spätestens dann sollte eine Verbesserung der Wasserqualität gemessen werden können.

Umweltminister Robert Habeck verkündete vor wenigen Wochen eine Allianz mit dem Bauernverband für besseren Gewässerschutz. Als wichtigste Maßnahme sollen künftig verbindlich Pufferzonen zwischen Gewässern und Ackerflächen eingerichtet werden: Auf einem Fünf-Meter-Gewässerrandstreifen soll Dauergrünland nicht umgebrochen werden. Im ersten Meter ab der Böschungsoberkante darf nicht gepflügt oder gedüngt werden.

Robert Muus, 59-jähriger Landwirt aus Horsdorf, hat einen solchen Randstreifen zum Gewässer schon im Herbst 2011 eingerichtet. Vorher reichte seine Ackerfläche bis an die Curau heran. Dann rückten Bagger an, gruben das Land um, versetzten einen Knick. Heute ist der Grünstreifen 20 Meter breit, daran schließt direkt der Knick an. Erst dahinter beginnt das Ackerland. Das sind ideale Voraussetzungen zur Verbesserung der Wasserqualität. „Hier herrscht jetzt die Natur“, sagt Muus und blickt auf den Grünstreifen, „es findet keinerlei Bewirtschaftung mehr statt.“

Wer wissen will, warum es so wichtig für die Gewässer ist, dass keine angrenzende Bewirtschaftung stattfindet, muss sich beim zuständigen Mann im Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein erkundigen. Eckhard Kuberski betreut als Leiter die Flussgebietseinheit Schlei/Trave. Er ist ebenfalls zu Muus Hof gekommen an diesem regnerischen Tag.

Kuberski kennt den Zustand der Gewässer. „Sie leiden an zwei Grundproblemen“, sagt er und fasst vereinfachend zusammen: „Erstens: Strukturelle Veränderungen an Fließgewässern, zum Beispiel Begradigungen, haben einen negativen Einfluss auf Lebewesen.“ Viele Gewässer seien so stark verändert worden, dass Fische auf ihren Schwimmrouten behindert würden.  „Zweitens: Die Gewässer sind stark von Nährstoffen wie Phosphor oder Stickstoff belastet – das wirkt sich auf den Zustand des Grundwassers und auf den Laichprozess der Fische aus.“ In der Curau sei die Qualität des Wassers so schlecht gewesen, dass viel zu wenige Fische darin gelebt hätten.

Hier gelangt kein Dünger in die Gewässer

Grünflächen an Gewässern beugten diesen Problemen vor, erklärt Kuberski. Er zeigt auf Pflanzen und Bäume, die vom Hochwasser der Curau umschlossen werden. „Das Wasser hat jetzt Platz, sich einen natürlichen Weg zu suchen – und so auch die Fische.“ Zudem nehme die Nährstoffbelastung ab. „Dadurch, dass keine Bewirtschaftung anbei stattfindet, gelangt auch kein Dünger oder Pflanzenschutzmittel von den Feldern ins Gewässer.“

Robert Muus sagt, er sei froh, dass er sich bei Hochwasser nun keine Sorgen mehr um den Uferbereich der Curau machen müsse. Früher habe man in solchen Fällen mit schweren Geräten eingreifen müssen, damit auch die Felder nicht zu viel Schaden nehmen. „Das fällt nun weg und erspart Arbeit.“ Er sagt auch: „Je mehr man eingreift, desto mehr stört man.“ Muus weiß, welche Vorteile der Gewässerschutz hat. Doch er kennt auch die Konflikte, die im Hintergrund rund um die Umsetzung der Maßnahmen schwelen. Er ist Verbandsvorsteher des Wasser- und Bodenverbandes Schwartau und gleichzeitig im Bauernverband aktiv. Damit nimmt er gewissermaßen die Rolle des Vermittlers zwischen Interessen des Natur- und Wasserschutzes und den Vorstellungen der Bauern ein.

Beim Thema Gewässerschutz sind Landwirte sensibel. Es geht um Land. „Jeder muss gerecht behandelt werden“, sagt Muus. Gerecht behandelt werden heißt: Die meisten Wasserschutz-Maßnahmen funktionieren nur mithilfe von Entschädigungen. Kaum ein Landwirt tritt freiwillig eine größere Bewirtschaftungsfläche ohne Gegenwert ab.

Das Ministerium weiß um die Wichtigkeit von Ausgleichsleistungen und vereinbarte mit dem Bauerverband, dass alle Landwirte eine Entschädigung erhalten, wenn sie freiwillig zehn Meter oder sogar größere Streifen Uferland an die Wasser- und Bodenverbände abgeben. Gegenleistung gibt es in Form von Land oder Geld. Auch im Fall von Muus: Er gab für die Gewässerschutzaktion zwei Hektar seiner Landfläche auf. Als Entschädigung erhielt er vom Land eine ebenso große Fläche über einen Landtausch.

Trotz der Maßnahmen und Ausgleichsleistungen ist bereits klar, dass die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie bis 2015 in weiten Teilen des Grundwassers und der Oberflächengewässer verfehlt werden. Auch an der Curau. Und das, obwohl mittlerweile mehrere Landwirte dem Beispiel von Robert Muus folgen und an den 18 Kilometern des Gewässers neben Randstreifen weitere Maßnahmen wie ein Sandfang und Böschungsabflachungen umgesetzt wurden.

„Wir stehen am Anfang“, sagt Kuberski. Er rechnet damit, dass die Curau erst 2027 mit dem dritten Bewirtschaftungszeitraum alle Auflagen erfüllen wird. Ein erster Schritt sei allerdings getan: „Seit einiger Zeit verbessern sich die Lebensräume für Fische und andere Tiere – das ist ein gutes Zeichen.“