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Politik Pflege-Diskussion: „Ohne uns käme man nicht einmal vom Bett bis zum Klo“
Nachrichten Politik Pflege-Diskussion: „Ohne uns käme man nicht einmal vom Bett bis zum Klo“
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07:44 04.06.2019
„Hart aber fair“-Moderator Frank Plasberg Quelle: WDR/Stephan Pick
Köln

Zu wenige Bewerbungen, zu viele offene Stellen: Vor einem Jahr starteten die GroKo-Minister Franziska Giffey, Jens Spahn und Hubertus Heil öffentlichkeitswirksam ihre „Konzertierte Aktion Pflege“, um Pflegeberufe attraktiver zu machen. Doch was hat sich für die Beschäftigten seither geändert? Bei „Hart aber Fair“ am Montagabend stellte sich das Trio der Diskussion mit Menschen aus der Praxis.

Die Gäste

Franziska Giffey (SPD): Die Bundesfamilienministerin macht sich für bessere Ausbildungsbedingungen in Pflegeberufen stark. Das Schulgeld soll künftig abgeschafft werden, junge Berufsanfänger besser über die Berufe informiert werden.

Hubertus Heil (SPD): Endlich darf der Arbeitsminister über ein anderes Thema als die Grundrente sprechen. Er plädiert in der Runde besonders für eine Tarifbindung, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Jens Spahn (CDU): Pflege muss besser entlohnt werden, ist sich auch der Gesundheitsminister sicher. Er stellt wiederholt höhere Ausgaben in Aussicht.

Gottlob Schober (SWR-Journalist): Die Altenpflege ist Schobers Schwerpunktthema. Er sieht die Pflegeoffensive der drei Minister eher als Marketing-Instrument.

Silke Behrendt-Stannies (Altenpflegerin): Seit 25 Jahren im Beruf, weiß die engagierte Altenpflegerin: „In einer Stunde müssen wir circa 110 Minuten Arbeit schaffen.“ Sie sei dem Verlassen des Berufs heute deutlich näher als vor einem Jahr, sagt sie auf die Frage, ob sich seit dem Engagement der Minister etwas verbessert habe.

Bernd Meurer (Pflegeheim-Betreiber): Der Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste spricht sich für eine bessere Bezahlung, aber gegen einen flächendeckenden Tarifvertrag aus.

Darüber wurde diskutiert

Obwohl die Themenwahl „Pflege: das letzte harmonische GroKo-Projekt“ in dieser aufregenden Woche ungewöhnlich scheint, setzt sie den Spekulationen über Neuwahlen und Untergangsszenarien etwas entgegen. Denn aktuell gibt es noch eine Regierung, die ihre Arbeit fortsetzt. Das strahlen auch die drei Minister von CDU und SPD in trauter Einigkeit aus. Nein, Herr Heil möchte nicht den SPD-Parteivorsitz übernehmen, Herr Plasberg, und Nein, Herr Spahn wünscht sich auch keine Neuwahlen, sondern will „in der Sache einen Unterschied machen“.

Ist ihm das in Zusammenarbeit mit den Kollegen bei der Verbesserung der Pflege gelungen? „Ich merke davon erst einmal nichts“, sagt Altenpflegerin Silke Behrendt-Stannies. Zwar wurden auf Geheiß Spahns in den letzten Monaten 13.000 neue Stellen in der Pflege geschaffen, bei Behrendt in der Einrichtung sei aber kein Kollege dazugekommen. Die so genannten „Spahn-Stellen“ würden auf dem Papier aufgefressen. Und auch die 21-jährige Auszubildende Clarissa Gehring beklagt ihren niedrigen Lohn und die Verantwortung, morgens alleine zwölf Patienten versorgen zu müssen.

Der Fachkräftemangel ist auch ein Jahr nach Start der Offensive das beherrschende Problem. Nun gibt es Stellen, aber niemanden, der sie antreten möchte. Zwar betont Giffey mehrfach, dass die Ausbildungsbedingungen im kommenden Jahr verbessert werden, die Anerkennung in der Gesellschaft für den Beruf sei aber nach wie vor gering.

Auch die Qualität der Ausbildung nehme weiter ab, ist sich der SWR-Journalist Gottlob Schober sicher. Eine Erhöhung der Auszubildenden alleine reiche nicht, es müssen eben auch Menschen sein, die diesen körperlich und psychisch anstrengenden Berufen wirklich machen wollen.

Das Streitgespräch des Abends

Spahn und Meurer haben es wohl schon öfter diskutiert: Was braucht es zuerst für mehr Pflegekräfte? Eine bessere Bezahlung nach Tarif oder bessere gesetzliche Rahmenbedingungen? Da schieben sich der Gesundheitsminister und der Lobbyvertreter privater Pflegeheime gegenseitig den schwarzen Peter zu. Meurer wünscht sich endlich ein Einwanderungsgesetz für Fachkräfte, das schnell und unbürokratisch greift („Auf den Philippinen warten 30.000 Krankenschwestern mit Bachelor-Abschluss“). Spahn wünscht sich eher höhere Löhne für die hiesig Qualifizierten, für ihn nur erreichbar, wenn sich die Pflegekräfte gewerkschaftlich organisieren.

Das beste Zitat

„Wenn Lokführer und Piloten streiken, regen sich alle auf, weil sie nicht von A nach B kommen. Ohne Pflegekräfte käme man nicht einmal vom Bett bis zum Klo“ , kommentiert die erfahrene Pflegerin Behrendt und wünscht sich mehr Anerkennung für ihren Beruf.

Fazit

Bei allen immer noch erkennbaren Mängeln in der Praxis – zu wenig Pflegepersonal, zu wenig Zeit für Patienten hat – strahlen die drei Minister zumindest Einigkeit und Entschlossenheit für den weiteren Weg aus. Sie wollen „an allen Schrauben drehen“ und „jetzt Signale senden“. Natürlich mahlen die Mühlen langsam, aber zumindest mahlen sie bei Giffey, Spahn und Heil überhaupt noch. Das haben sie mit diesem Auftritt betont harmonisch gezeigt.

Von Nadja Lissok/RND

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