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Politik Professoren tun sich schwer
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11:37 31.05.2014
Von Deutsche Presse-Agentur dpa
Die beiden ehemaligen Landeschefs Peter Harry Carstensen und Heide Simonis haben oft mit Politik-Seiteneinsteigern in ihren Regierungen zusammengearbeitet. Quelle: Ulrich Perrey/Carsten Rehder/dpa
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Kiel

Selbstbewusst, streitbar, unkonventionell — Waltraud Wende, die sich gern „Wara“ nennt, ist anders als ihre Kollegen, ganz anders. Auch deshalb holte Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) sie im Juni 2012 als parteilose Ministerin ins Kabinett. Prof. Dr. phil. Wende — sie studierte Literaturwissenschaft, Germanistik, Geschichte, Pädagogik und Soziologie — gehört zu einer Spezies, die man gemeinhin Seiteneinsteiger nennt. Davon gab es in der schleswig-holsteinischen Politik einige, die vorerst letzte gescheiterte war die Journalistin Susanne Gaschke als Kieler Oberbürgermeisterin.

Prof. Dr. phil. Wende sollte frischen Wind in Schleswig-Holsteins Bildungs- und Wissenschaftspolitik bringen. Das machte sie, mit Taten und Worten, die ihr Anhänger, vor allem aber auch Gegner und scharfe Kritiker bescherten. Albig stützte sie gegen vehemente Rücktrittsforderungen der Opposition auch, als die Bedrängnis im Zoff um Lehrerausbildung und hoch umstrittene Regelungen für eine eventuelle Rückkehr Wendes an die Uni Flensburg immer größer wurde.

Unter den Seiteneinsteigern fallen die Professoren offenkundig noch etwas mehr aus dem Rahmen als beispielsweise Leute aus der Wirtschaft. „Professoren wissen alles besser“, sagt Ex-Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD). „Man könnte die Wände hochgehen.“ Das tat Simonis wohl auch. Sie hatte gleich zwei Professoren im Kabinett; beide schieden durch Rücktritt aus.

Da war der parteilose Umweltminister Berndt Heydemann, von 1988 bis 1993 im Amt: Der Zoologie-Professor war absoluter Fachmann, imitierte auch gern mal überzeugend Vogelstimmen. Was eine Partei zu einem Thema sagte, habe ihn nicht interessiert, sagt Simonis. Ihr Minister ging im Streit. „Wir kamen nicht miteinander zurecht“, räumt sie ein.

Auch mit dem damaligen Innenminister Hans-Peter Bull, der von 1988 bis 1995 amtierte, soll es gelegentlich gehakt haben. Er hatte als SPD-Mitglied aber einen anderen Politikbezug als Heydemann. Dennoch hörte Bull 1995 gut ein Jahr vor der Landtagswahl auf, um als Professor an die Hamburger Uni zurückzugehen. Simonis und der SPD kam das zu dem Zeitpunkt ungelegen, doch Überredungsversuche scheiterten.

Kritiker werfen auch der heutigen Bildungsministerin vor, sie gehe zu akademisch vor. „Selbstüberhöhungstendenzen“ gebe es ebenfalls. Von Eigenwilligkeit und Querdenkerei ist auch die Rede — Eigenschaften, die aber durchaus zu Professoren wie auch Politikern passen können. „Als Profipolitikerin sehe ich mich nicht — und ich weiß auch nicht, ob das mein Ziel ist“, sagte Wende wenige Monate nach Amtsantritt.

Als blutiger Politik-Neuling rückte 1998 ein gewisser Horst-Günter Bülck an, zuvor Spitzenmanager in einem Zigarettenkonzern. Der blendende Segler beerbte als Wirtschaftsminister Peer Steinbrück - der auch im Streit mit Simonis gegangen war. Der parteilose Bülck sah alles aus der Brille des Wirtschaftsmannes. „Das war ein netter Mensch, alle mochten ihn, er hat immer interessiert zugehört, aber er hatte keine Ahnung von Parteipolitik“, blickt Simonis zurück. Dem nächsten Kabinett mochte Bülck dann nicht mehr angehören, er ging Anfang 2000 zurück in die Wirtschaft.

„Ich kenne kaum ein Beispiel, wo es mit Seiteneinsteigern richtig gut ging“, sagt Simonis. Ihr Nachfolger Peter Harry Carstensen (CDU) will das nicht generalisieren, beurteilt lieber den Einzelfall: Wichtig sei die Erkenntnis, dass Führungspositionen in Politik und Wirtschaft etwas ganz anderes seien. So sei sein Wirtschaftsminister — zuvor Vorstandschef der Norddeutschen Affinerie — Werner Marnette (CDU) daran gescheitert, dass er weitgehend allein habe entscheiden wollen. Es gebe aber auch den Ministerpräsidenten, das Kabinett, den Landtag, dessen Ausschüsse. Marnettes Nachfolger, Jörn Biel, vormals und später wieder IHK-Hauptgeschäftsführer, habe sich ganz anders verhalten, sagt Carstensen, Regierungschef von 2005 bis 2012.

Marnette, Minister von Juli 2008 bis März 2009, sieht das anders als Carstensen. „Ich wusste im Prinzip schon, worauf ich mich einließ“, sagt er heute. „Ich bin da nicht blauäugig reingegangen.“ Zu seinem Schicksal sei dann die HSH Nordbank geworden. Als er sich als Fachmann, der Bilanzen lesen kann, mit um die angeschlagene Bank kümmern wollte, sei er von den Finanzressorts in Kiel und Hamburg abgeblockt und auch politisch unter Druck gesetzt worden. Marnette spricht von kleinteiligen Nickeligkeiten und Beinstellen. „Das hat mich kirre gemacht“, sagt er. „Mit dem Thema Seiteneinsteiger hat das eigentlich nichts zu tun.“