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Politik Schriftstellerin Geipel: „Je radikaler Höcke war, umso mehr Wähler konnte er ziehen“
Nachrichten Politik Schriftstellerin Geipel: „Je radikaler Höcke war, umso mehr Wähler konnte er ziehen“
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18:53 31.10.2019
Die Schriftstellerin Ines Geipel. Quelle: imago images/Jürgen Heinrich
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Berlin

Ines Geipel, 59, wurde in Dresden geboren, ging als Jugendliche auf ein thüringisches Internat und ist heute Schriftstellerin. Zuletzt erschien ihr Buch „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“.

Frau Geipel, Thüringen hat gewählt. Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

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Dass das Land in der Zeitschleife festhängt. Denn das, was In-Ruhe-Lassen verheißt, wird gewählt. Links wie rechts. Eine offensive Demokratie? Danke der Durchsage.

Wie viel DDR-Vergangenheit steckt in dem Ergebnis – und wie viel Schock über die Transformation der 1990er-Jahre?

In jedem Fall geht es um unendlich viel Geschichte. Thüringen ist in der Hinsicht wie ein Brennglas. Du hast den auf ewig dösenden Kaiser, den wüsten Antisemiten auf der Wartburg, die Weimarer Klassiker, das verfemte Bauhaus, Buchenwald, den NSU. Das ist alles sehr anwesend, durfte aber in diesem Wahlkampf ausdrücklich keine Rolle spielen.

Wie erklären Sie sich das AfD-Ergebnis? Resultiert es aus sozialer Zurücksetzung? Oder ist es gewissermaßen kulturell bedingt?

Fast ein Viertel der Thüringer hat kein Problem mit einem Mann als Ministerpräsident, der offiziell als Faschist bezeichnet werden darf. Wie wir wissen, ist das nicht Protest, sondern klares Bekenntnis. Je radikaler und unverkennbarer Höcke unterwegs war, umso mehr Wähler konnte er ziehen, vor allem unter den Jüngeren. Eine Aussage für sich.

Regierungsbildung in Thüringen schwierig

Wie steht es mit Ihrer Sicht auf die Linke? Ist sie eine sozialdemokratische Partei, wie manche sagen? Oder ist sie immer noch die alte SED?

Dieser Wahlkampf war vor allem ein Schwamm-drüber-Wahlkampf. Schuld, Verantwortung? Kein Thema. Paradox, denn wir sehen ja jetzt, wie verleugnete Instanzen mit einem Mal auf den Plan treten und uns die Doppeldiktatur im Osten ins Gesicht schlägt. Der große Erfolg der Linken in Thüringen dürfte damit zum Pyrrhussieg werden.

Was raten Sie kurzfristig mit Blick auf die Regierungsbildung?

Wenn es nicht ohne Kompromisse geht, sollten diese dennoch klare Konturen haben. Sind Parteiprogramme völlig egal, wird Gesellschaft zur amorphen Masse. Radikalisierungen dürften dann kaum noch steuerbar sein.

Und was raten Sie langfristig mit Blick auf die Gefährdung der Demokratie?

Dass wir in die Lage kommen, präzise zu analysieren, was grad geschieht. Die Wahl in Thüringen war mehr als eine Landtagswahl. Deutschland ist politisch in einem markant anderen Zustand.

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Von Markus Decker/RND