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Politik Sexismus, Rassismus, Diskriminierung: Was ist im Karneval erlaubt?
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10:54 04.03.2019
Der Karnevalsverein „Wilde Frechener“ hieß zum vergangenen Jahr noch anders: „Frechener Negerköpp“. Quelle: Wilde Frechener/dpa
Berlin

Was ist beim Karneval erlaubt und was nicht? Der Übergang zwischen schlechtem Geschmack und Diskriminierung oder Sexismus scheint dieser Tage fließend zu sein.

Jüngstes Beispiel: Ein Auftritt der CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie hatte beim „Narrengericht“ im baden-württembergischen Stockach gescherzt, Toiletten für intergeschlechtliche Menschen seien „für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür – dazwischen – ist die Toilette.“

Das Satiremagazin „extra 3“ hatte am Samstag einen Ausschnitt des Auftritts über den Kurznachrichtendienst Twitter veröffentlicht. Unter dem Hashtag #AKK bezeichneten unter anderem Politiker von FDP und den Grünen den Auftritt der Parteivorsitzenden als „niveaulos“ und verletzend. Der grünen Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann forderte in einem offenen Brief Kramp-Karrenbauer zu einer Entschuldigung auf.

Auch SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil kritisierte den Witz scharf. Solche Äußerungen seien auch an Karneval „absolut respektlos“, sagte Klingbeil den Zeitungen der Essener Funke Mediengruppe. Kramp-Karrenbauer zeige damit, welcher „erzkonservative Wind“ jetzt wieder in der Union wehe.

„Man ist damit nicht unbedingt ein Rassist“

Doch die Fragestellung hört bei Büttenreden nicht auf. Auch Kostüme, die andere Kulturen beleidigen, können einen Aufschrei hervorrufen. Die Kölner Afrikanistik-Professorin Marianne Bechhaus-Gerst unterstützt die Meinung, das Kostüme rassistisch sein können: „Gerade hier in Köln gibt es noch eine ganze Reihe von Karnevalsvereinen, die Blackfacing vornehmen. Das heißt, sie verkleiden sich als Fantasie-Afrikaner mit Baströckchen und Knochenkette, mit denen sie dann alte, stereotype Bilder bedienen“, sagt sie.

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„Man ist damit nicht unbedingt Rassist. Aber es ist eine rassistische Verkleidung.“ Es treffe Menschen, die sich reduziert fühlten. Und der Bastrock sei nur ein Beispiel. „Ich würde mir wünschen, dass es auch eine Diskussion über das Indianerkostüm gibt und was daran problematisch sein könnte. Dass es sich dabei um eine europäische Fantasie über eine Menschengruppe handelt, die nichts mit der Realität zu tun hat.“

Kritik auch am Indianerkostüm

In eine ähnliche Kerbe schlug 2017 die Plakatkampagne „Ich bin kein Kostüm!“. Die Beteiligten – darunter der Antidiskriminierungsverband Deutschland – kritisierten, dass die „Zeit des Kolonialismus und der sogenannten ,Entdeckungen’, die mit Massenmorden und anderen Gräueltaten einhergingen“, bislang nicht ausreichend aufgearbeitet worden sei. „Das sog. ,Indianerkostüm’ und andere diskriminierende und teils romantisierende Bilder bestimmter Gruppen geben die Älteren so immer wieder an die nächste Generation weiter.“

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Entzündet sich eine derartige Diskussion, wird sie mit großer Vehemenz geführt. Bei dem an der Kampagne ebenfalls beteiligten Verein Öffentlichkeit gegen Gewalt gibt man heute zu „Ich bin kein Kostüm!“ kein Interview mehr. Die Gegenreaktion zu dem Vorstoß sei einfach zu heftig gewesen.

Ähnliches weiß Günter Cöllen zu berichten, allerdings mit komplett umgekehrten Vorzeichen. Er ist zweiter Vorsitzender des Karnevalsvereins „Wilde Frechener“, der bis zum vergangenen Jahr noch anders hieß: „Frechener Negerköpp“.

Die „Negerköpp“ benannten sich um

Auf alten Fotos sieht man die Mitglieder mit schwarz angemalten Gesichtern und Fellwesten. Woher der Name kam, kann Cöllen gar nicht genau erklären. „Ich weiß nur so viel, dass es aus einem Stammtisch entstanden ist. Das waren wohl Skat-Brüder.“ Politisch habe man nie sein wollen.

2018 jedenfalls benannten sich die „Negerköpp“ um - und die Kostüme wurden eingemottet. Cöllen berichtet, dass die Anfeindungen überhand genommen hätten. „Das Extremste war die Drohung, dass unser Wagen auf dem Karnevalszug mit Steinen beworfen werden sollte.“ Der Fall erinnert an den Karnevalisten „Neger vom Südend“, der im hessischen Fulda zu einem ähnlichen Politikum wurde.

In sozialen Netzwerken kippen die Debatten auch mal absurd schnell ins Hysterische

Dass derartige Debatten heute viel schneller hochkochen und überhaupt über die Grenzen des eigenen Karnevalsumzugs bekannt werden, hat mit den Sozialen Medien zu tun. Es treffen zwei Extreme aufeinander. Der Karneval, zu dessen DNA der Satz „Das haben wir schon immer so gemacht!“ gehört. Und soziale Netzwerke, in denen Debatten auch mal absurd schnell ins Hysterische kippen können.

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„Durch die weltweite Vernetzung kann heute im Grunde jeder alles mitbekommen. Das verändert ganz automatisch den Blickwinkel“, sagt der in Köln geborene Kabarettist Fatih Çevikkollu, der sich in seinen Programmen häufig mit Integration beschäftigt. Zudem kennt man ihn als Murat aus der Comedy-Serie „Alles Atze“ (RTL). Vom Karneval dürfe man zu Recht mehr Sensibilität einfordern, sagt er.

Das Indianerkostüm hält Çevikkollu dennoch für in Ordnung. Insgesamt rät er aber von Ethno-Kostümen ab - weil sie recht unkreativ seien. „Wenn jemand als Zahnpastatube geht - so etwas finde ich super.“

Von RND/dpa/ngo

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