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Politik Simonis wird erste Ehrenbürgerin
Nachrichten Politik Simonis wird erste Ehrenbürgerin
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00:38 02.07.2014
Von Ulf Billmayer-Christen
Foto: „Viel Spaß, und macht keinen Scheiß.“ Der Satz, mit dem Ministerpräsidentin Heide Simonis 1996 die Kieler Woche eröffnete, ist legendär.
„Viel Spaß, und macht keinen Scheiß.“ Der Satz, mit dem Ministerpräsidentin Heide Simonis 1996 die Kieler Woche eröffnete, ist legendär. Quelle: dpa
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Kiel

Wirklich fassen kann die 70-Jährige es noch nicht, dass sie am Nachmittag Ehrenbürgerin Schleswig-Holsteins wird. „Ich habe geschluckt, als Ministerpräsident Torsten Albig mich gefragt hat.“ Was es mit der Ehrung auf sich hat, musste Albig seiner Vor-Vorgängerin nicht erklären. Simonis hat den „Ehrenbürger“ vor fast 20 Jahren erfunden, wie so oft eine Gemeinschaftsproduktion der Ministerpräsidentin mit ihrem umtriebigen Staatskanzlei-Chef Klaus Gärtner. „Wir hatten nichts Richtiges für Leute, die sich große Mühe für Schleswig-Holstein gegeben haben“, erzählt Simonis. „Da haben wir uns den Ehrenbürger einfallen lassen als eine Art Belohnung.“

 An Kandidaten mangelt es nicht. „Ich habe Helmut Schmidt 1998 zum ersten Ehrenbürger gemacht“, erinnert sich Simonis. Schmidt sei zwar ein Hamburger, habe aber am Brahmsee sein Häuschen und sehr viel für das Schleswig-Holstein Musik Festival getan. Zwei Jahre später ehrt sie die FDP-Legende Uwe Ronneburger, 2002 posthum den „kühlen Klaren aus dem Norden“, Ex-Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg (CDU). Beim Festakt damals muss Simonis die Zähne zusammenbeißen, lässt sich aber nicht anmerken, dass sie aus der Klinik von einer Brustkrebs-OP kommt. Den Tropf versteckt sie unter einer riesigen Stola.

 Die Diplom-Volkswirtin ist nicht zu stoppen, erzählt von „dem Schriftsteller“, dem vierten Ehrenbürger Siegfried Lenz (2004). Nach der Ära Simonis, die Schleswig-Holstein von 1993 bis zum „Heide-Mord“ 2005 regiert, wird es stiller um die höchste Auszeichnung des Landes. Ihr Nachfolger Peter Harry Carstensen (CDU) kürt in sieben Jahren auch deshalb nur einen Ehrenbürger (Armin Mueller-Stahl 2010), weil ein weiterer Kandidat dankend ablehnt – das SSW-Urgestein Karl Otto Meyer.

 Simonis freut sich über die Ehrung, ist stolz darauf, dass ihrer Arbeit in und für Schleswig-Holstein auf diese besondere Weise gedankt wird. In den Jahren als Ministerpräsidentin fiel das Lob immer spärlicher aus. Die volksnahe Regentin, die mit der SPD-Programmatik wenig am Hut hatte, war bekannt und gefürchtet, weil sie das zunehmend verschuldete Land immer stärker mit einigen Getreuen aus der Staatskanzlei regierte, mit ihrem „Küchenkabinett“.

 Große Spuren in der Landesgeschichte hinterließ die Pragmatikerin anders als etwa ihr Vorgänger Björn Engholm mit seiner Ostseepolitik nicht. Auf die Frage nach ihrem größten Erfolg antwortet Simonis schnell. „Lehrer als Angestellte“, sagt sie, wechselt sofort in den alten Polit-Modus, erklärt, dass die steigenden Beamten-Pensionen das Land langfristig ruinieren und deshalb die von ihr einst begonnene Nicht-Verbeamtung von Lehrern der richtige Weg gewesen sei. „Ich bin damals aber eingeknickt worden“, sagt sie bitter mit Blick auf ihre Genossen, die den bundesweiten Alleingang aufgrund der explodierenden Kosten stoppten. „Die Fraktion hatte Angst.“

 Einen Erfolg kann Simons niemand nehmen. Mit der Power-Politikerin, lange Zeit eine erklärte Nicht-Feministin, regierte erstmals eine Frau ein Bundesland und in Schleswig-Holstein so lange wie niemand vor und bisher auch niemand nach ihr – und das mit unverwechselbarer „Kodderschnauze“ und eiserner Disziplin. „Ich war vielen zu giftig und zu bissig, aber ich habe durchgehalten, das mochten die Menschen.“

 Ihren Kampfgeist hat Simonis nicht verloren. Nicht, als ihre Wiederwahl im Landtag in vier Durchgängen scheitert, nicht, als sie später bei Unicef entnervt das Handtuch wirft oder bei der RTL-Show „Let’s dance“ als „Hoppel-Heide“ auf dem Boulevard geschlachtet wird – und auch nicht, als sie an Schüttellähmung erkrankt. „Ich nehme Medikamente, mache Sport, die Krankheit behindert mich nicht mehr“, versichert sie tapfer. Und ergänzt typisch Simonis: „Ich werde den Herrn Parkinson einfach ignorieren.“