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Politik Doppelnamen, Döner-Witze, Hitlergruß – das Gruselkabinett missglückter Karnevalsscherze
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13:05 05.03.2019
CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer bei ihrem Auftritt vor dem Narrengericht in Stockach: Wie weit reicht die Narrenfreiheit? Quelle: Patrick Seeger/dpa
Berlin

Mit dem Humor ist das ja bekanntlich so eine Sache. Es gibt ihn in unzähligen Formen und Ausgestaltungen. Was wir witzig finden, hängt von vielen Faktoren ab: Von unserer Geisteshaltung und Herkunft, unserer kulturellen Prägung – und natürlich auch vom Zeitgeist.

Ein Witz etwa, der in den 50er-Jahren als „schmutzig“ gegolten hätte, würde heute vermutlich nicht einmal mehr auf dem Grundschulhof ein Schmunzeln provozieren – zu sehr haben die gesellschaftlichen Vorstellungen von Anstand und Moral seither geändert. Andersherum wäre manch ein Gag, der in den 1980er Jahren die Massen zum Grölen brachte, heute nicht mehr opportun, weil er gegen die herrschenden Vorstellungen politischer Korrektheit verstößt. Die Frage, was wir witzig finden und was nicht, muss immer wieder aufs Neue verhandelt werden.

AKK und Frage nach dem dritten Geschlecht

Diese Erfahrung macht gerade auch CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie hatte am Donnerstag mit einer Fastnachtsrede in Stockach (Baden-Württemberg) für Empörung gesorgt. Zu der Einführung von Toiletten für das dritte Geschlecht, sagte Kramp-Karrenbauer: „Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist die Toilette.“

Im Saal sorgte der Witz zwar für den einen oder anderen Lacher, außerhalb der Karnevalsveranstaltung aber musste sich die CDU-Chefin zum Teil heftige Kritik gefallen lassen. Alexander Vogt, Vorsitzende des Bundesverband der Lesben und Schwulen in der Union, forderte Kramp-Karrenbauer zu einer öffentlichen Entschuldigung auf. Auch im Karneval gebe es Grenzen, sagte er.

Bernd Stelter und der Doppelname

Kramp-Karrenbauer ist nicht die erste Büttenrednerin, die sich für einen in den Augen vieler Betrachter missglückten Karnevalsscherz rechtfertigen muss. Zuletzt etwa traf es den Komiker Bernd Stelter – und zwar ausgerechnet, als er einen Witz über Kramp-Karrenbauer gemacht hatte. Oder genauer: über deren Doppelnamen.

Bei der Aufzeichnung einer Fernsehsitzung in Köln hatte Stelter die rhetorische Frage gestellt, ob nicht ein Standesbeamter Frau Kramp-Karrenbauer vor ihrem Doppelnamen hätte warnen können. Eine Frau im Publikum, selbst Doppelnamenträgerin, ärgerte sich so sehr über diesen Scherz, dass sie auf die Bühne kletterte und den Komiker zur Rede stellte.

Eine solche Situation sei ihm in 30 Jahren Karneval noch nie passiert, sagte Stelter im Anschluss. Er habe nur einen Spaß machen wollen, und den werde auch künftig machen. „Das Ganze nennt man Narrenfreiheit.“

Peter Beuth und die Rentner im Flüchtlingsheim für Jugendliche

Im vergangenen Jahr sorgte der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) für einen kleinen Eklat, als er bei einer Büttenrede in Taunusstein über minderjährige Flüchtlinge spottete. „Vor dem Flüchtlingsverwalter verschleiert mancher gern sein Alter – Das stellt unseren Staat fast bloß, macht Bürger ganz verständnislos – Manch Flüchtling in ’nem Jugendheim, könnt fast eher Rentner sein“, reimte Beuth und zog damit den Zorn der Opposition auf sich.

„Die politische Fastnacht zielt mit ihren Beiträgen normalerweise auf die Mächtigen, Herr Beuth hat dafür die Schwächsten der Gesellschaft gewählt“, kritisierte seinerzeit der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion im hessischen Landtag, Günter Rudolph.

Die bayerische Feuerwehrkapelle und Madame Macron

Eine Fastnachtssendung im bayerischen Rundfunk löste ebenfalls 2018 eine handfeste Sexismus-Debatte aus. Bei der Prunksitzung „Fastnacht in Franken“ trat ein närrischen „Feuerwehrkapell’n“ auf und arbeitete sich mit einer ganzen Reihe an Zoten am Alterunterschied zwischen Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und dessen Ehefrau Brigitte Macron ab. Die Karnevalisten bezeichneten die 24 Jahre älteren Präsidenten-Gattin als „gut eingefahr’nen Schlitten“ und „gut abgehang’ne Dame“ und „schärfste alte Hütte“. Danach sangen die Komödianten zur Melodie von „Pigalle“ noch ein Lied, in dem die Textzeile vorkam: „Brigitte, Brigitte, du bist die schärfste alte Hütte mitten in Paris“.

Schon während der Sendung gab es Buh-Rufe im Publikum, später nannte der Landesbischof der evangelischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm die Sätze „voll daneben“. Der Bayerische Rundfunk sah sich anschließend zu einer Stellungnahme genötigt. „Wenn in diesem Jahr beim Auftritt der „Altneihauser Feierwehrkapell`n“ die sogenannte „Narrenfreiheit“ in der Wahrnehmung einiger Zuschauer indes zu weit ausgelegt war und durch besonders zugespitzte, satirische Passagen Irritationen entstanden sein sollten, bedauern wir dies ausdrücklich“, teilte der Sender mit.

Der hessische Rundfunk und die Döner-Witze

Im Jahr 2012 war es eine TV-Produktion des hessischen Rundfunks, die bundesweit Schlagzeilen machte. Bei der Karnevals-Sitzung „Frankfurt: Helau“, die in der ARD ausgestrahlt wurde, trat die fastnachtsbegeisterte Zahnärztin Patricia Lowin mit glitzerndem Kopftuch in der Rolle der „Türkin Ayse” auf und gab eine ganze Reihe von Döner- und Türkei-Witzen zum Besten. Unter anderem sagte sie, das eine Babywindel auf türkisch „Güllehülle“ heiße und es auf türkischen Basaren keine Toiletten gebe, da jeder jeden bescheiße.

Türkische Medien reagierten empört und der Ausländerbeirat in Hessen warf dem Hessischen Rundfunk „Rassismus zur besten Sendezeit“ vor. Die geforderte Entschuldigung verweigerte der Sender – ebenfalls unter Verweis auf die „sprichwörtlichen Narrenfreiheit“.

„Sieg Heil“-Rufe in Köln

Der größte Karnevalsskandal aller Zeiten allerdings provozierte der deutsche Komiker Jonny Buchadt (bürgerlicher Name: Herbert Günther Schichtling). 1973 forderte der Komiker, ein Onkel von Ben und Meret Becker, feuchtfröhlich feiernden Karnevalisten in Köln zu einem Call-and-Response-Spiel auf. „Lasst mal hören, wie ist denn die Stimmung?“, rief Buchardt in den Saal und spielte dann den Einheizer. „Zicke-Zacke-Zicke-Zacke“, brüllte er ins Mikrofon – und das Publikum reagierte erwartungsgemäß mit einen „Hoi-Hoi-Hoi!“. Also nochmal das ganze und dann der Ruf „Hip-Hip“ – worauf die Antwort „Hurra!“ folgte. Und noch einmal: „Hip-Hip“ – „Hurra!“

Der Saal tobte, und Buchardt machte weiter. Wie selbstverständlich brüllte er „Sieg...“ in das Mikrofon – und die Menge brüllte wie selbstverständlich „Heil“ zurück. Dass der Komiker dabei noch mit seinem rechten Arm den Hitlergruß andeutete, bevor er sich wegdrehte, machte die Peinlichkeit komplett. Allerdings weniger für Buchardt selbst, als für die Menschen im Saal, die nach einem unsicheren Lachen in ein leises Raunen übergingen.

Der Komiker freute sich sichtlich über sein gelungenes Schelmenstück. „Das darf doch nicht wahr sein, Mensch“, sagt er mit einem breiten Grinsen. „So viele alte Kameraden heute Abend hier?“

Noch 40 Jahre nach dem Auftritt löste das Video Aufregung aus – als der WDR den Zusammenschnitt in der Sendung Alaaf & Helau noch einmal zeigte. Danach entbrannte eine Debatte darüber ob der Komiker Ewiggestrigen den Spiegel vorhalten hatte, oder nur einen billigen Witz machen wollte. Endgültig klären lässt sich diese Frage wohl nicht mehr. Buchardt starb im Jahr 2001.

Lesen Sie auch den Kommentar: Lieber nicht zu witzig sein

Von Andreas Niesmann/RND

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