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Politik Von Deutschland nach Ghana: Dem Elektroschrott auf der Spur
Nachrichten Politik Von Deutschland nach Ghana: Dem Elektroschrott auf der Spur
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14:00 20.10.2018
Auf der Freifläche hinter dem Schrottplatz von Agbogbloshie wurde augenscheinlich jahrelang Haushaltsmüll aufgekippt. Hier gehen viele der Recycler hin, um etwa Kabel zu verbennen und daraus die Metall zu gewinnen. Quelle: Gioia Forster/dpa
Accra

Tony Obour ist ein Meister mit dem Schraubenzieher. Er grübelt, er tastet mit den Augen – und setzt den Schraubenzieher so entschlossen wie konzentriert an. Es ist der Moment, in dem aus einem in Europa entsorgten alten Fernseher der Stolz und die Freude einer Familie in Ghana wird.

Tony Obour repariert die alten Geräte aus Europa auf der Straße vor seinem Laden in Accra, unter einem Schatten spendenden Vordach. Lubman Idris kann von solchem Luxus nur träumen. Seine Werkstatt: ein alter Tisch auf festgetretenem Erdboden, staubig in der Hitze, schlammig in der Regenzeit, vor einer mit Plastikplanen verhängten Hütte. Hier beugt Lubman Idris sich über kleine und kleinste Metallteile, Reste aus kaputter Elektronik. Damit verdient der junge Rohstoffhändler seinen Lebensunterhalt.

Ein Wirtschaftskreislauf, der in weiten Strecken illegal ist

Mehr als 5000 Kilometer entfernt, in Hamburg, hat auch Polizeioberkommissar Wolfgang Heidorn mit Bildschirmen und Kühlschränken und Rohstoffen zu tun: Er soll Elek­tromüll finden, der Deutschland eigentlich nicht verlassen dürfte. Das tut der Müll aber. En masse.

Alle drei Männer sind Spieler in einem Wirtschaftskreislauf, der in weiten Strecken illegal ist. Und der viele Menschen in armen Ländern krank macht: das Geschäft mit ausrangierten Elektrogeräten.

Computer, Drucker, Staubsauger, LED-Leuchten: International wächst der Berg an Elektromüll. Eine UN-Studie schätzt, dass die Menge von weltweit 44,8 Millionen Tonnen auf über 52 Millionen im Jahr 2021 ansteigen wird. Auch, weil Menschen in reichen Ländern wie Deutschland immer schneller nach der neuesten Technologie im Wohnzimmer verlangen. Das Handy ist nicht mehr angesagt. Der Laptop lädt zu langsam, die Auflösung des Fernsehers ginge besser – schon wird ausgemistet und ausgetauscht. Und ein paar Teile haben wirklich den Geist aufgegeben.

Hamburg: Polizeioberkommissar Wolfgang Heidorn, Wasserschutzpolizist, kontrolliert auf dem Gelände einer Spedition im Stadtteil Wilhelmsburg den Inhalt eines Containers. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa

Die alte Waschmaschine nimmt der Lieferant der neuen mit. Kleine Geräte landen im Recyclinghof oder – verbotenerweise – in der Mülltonne. Oder man verscherbelt das alte Teil online, auf dem Flohmarkt, im Gebrauchtwarenladen. Und dann? Das bleibt meist im Verborgenen. Wobei längst klar ist, dass Altelektronik voll kostbarer Stoffe steckt. Gold zum Beispiel.

Doch wer holt Gold und Kupfer und seltene Erden aus dem Schrott? Wo ist der beste Ort fürs Recycling? Alte Geräte schippern tonnenweise auf andere Kontinente. Das meiste Richtung Afrika, und davon wiederum vieles nach Agbogbloshie in Ghana, auf einen riesigen Schrottplatz. Ein Reisebericht.

Sammelstelle Billstraße

Tafsir Rahimi hat sich auf alte Elek­trogeräte spezialisiert. Der Afghane ist Händler in der Billstraße in Hamburg-Rothenburgsort. Über mehrere Hundert Meter reihen sich in dem Gewerbegebiet Im- und Exportläden aneinander. In Schuppen, Läden und Hallen sind Polstermöbel, Hausrat, Fernseher, Elektrogeräte, Fahrräder zu finden. Die Qualität reicht von ganz ordentlich bis eher Schrott.

Rahimi kauft Elektronik von Firmen, die von Verbrauchern zurückgegebene Altgeräte sammeln. Die regelmäßigen Kontrollen durch Polizei und Behörden in der Billstraße empfindet er als Stress. Defekte Elek­tronik darf nicht einfach in Länder mit niedrigen Umwelt- und Arbeitsstandards exportiert werden.

Alte Kühlschränke und Elektroschrott stehen zwischen unzähligen Altfahrädern auf einem Industriegelände an der Hamburger Billstraße. Von Hamburg werden hochwertige Produkte in alle Welt verschifft. Aber auch viele Gebrauchtwaren, die in Europa keiner mehr haben will, gehen über die Kaikante. Quelle: Axel Heimken/dpa

Seit einer Neufassung des Elektrogesetzes 2015 müssen Exporteure nachweisen, dass Altware noch funktioniert. „Ich lasse meine Geräte immer auf Funktionsfähigkeit prüfen“, betont Rahimi leicht konsterniert. Der Afghane hat vor allem Kühlschränke. 70 bis 80 Prozent seiner Kunden seien Afrikaner, andere kämen aus Russland und der Ukraine. Und sie nehmen große Mengen mit: „Manche kaufen einen Lkw und stopfen ihn bis ins letzte Eckchen voll.“

Ein paar Läden weiter trifft man auf Nala, Mitte 40, ebenfalls aus Afghanistan. Nala, der nur seinen Vornamen nennt, hat ein paar Flachbildfernseher und Musikboxen vor seinem Geschäft stehen. Die Fernseher kaufe er meist auf Flohmärkten, erzählt er. Mehrere Afrikaner laden sie in einen Transporter. Niemand will sich fotografieren lassen. „Die Fernseher laufen noch 20 bis 30 Jahre“, sagt einer.

Umschlagplatz Hafen Hamburg

Der nächste Halt der Ware der Billstraßen-Ware ist häufig der Hamburger Hafen. Als größter deutscher Container-Umschlagplatz wird er von Reedereien im Liniendienst zwischen Europa und Afrika genutzt. Den Ermittlern für Umweltdelikte ist auf dem Terminal in Altenwerder ein Container aufgefallen. Er ist doppelt so schwer, wie er den Frachtpapieren nach sein dürfte, muss zurück zur Spedition. Es könnten defekte Elektrogeräte darin versteckt sein.

Kommissar Wolfgang Heidorn kommt zur Kontrolle. Der Ermittler streift sich gelbe Arbeitshandschuhe über und zieht einen Overall an. Drei Stunden dauert es, bis afrikanische Arbeiter den Container geleert haben. Ans Licht kommen Plastikstühle, Kühlschränke, Fahrräder, Polstermöbel, TV-Geräte.

Speditionsmitarbeiter Adigun Lawal betont, das sei kein Müll. Es gehe um den Handel mit Secondhandware. Afrikaner kauften lieber Gebrauchtes in Deutschland als Neues aus China, sagt der gebürtige Nigerianer. Er lebt seit 18 Jahren in Deutschland. „Robust ist wichtig“, ergänzt er. Die Ghanaer, so seine Erfahrung, könnten fast alles reparieren.

Polizeioberkommissar Wolfgang Heidorn auf der Suche nach Elektroschrott, der nicht exportiert werden darf. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa

Nach der Inspektion fällt Heidorns Bilanz bescheiden aus. Er hat eine Reihe von Fernsehern ohne Funktionsnachweis aufgespürt. Solche Prüfsiegel stellt ein Elektriker aus, für zwei Euro pro Gerät.

Doch: Wann ist etwas Schrott? Ist es ein Herd, bei dem vier Platten heiß werden, der Backofen aber kalt bleibt? Das Gerät müsse die Hauptfunktion erfüllen, sagt der Elektriker Danny Yayar. „Ein Kühlschrank muss kühlen.“ Yayars Firma Dein Hafenservice testet rund 160 000 Geräte pro Jahr. Exportiert werde ein Vielfaches, vermutet er.

Das Hamburger Institut für Ökologie und Politik, kurz Ökopol, hatte für 2008 geschätzt, dass rund 155 000 Tonnen alte Elektrogeräte von Deutschland nach Afrika und Asien exportiert wurden. Neuere Detailerhebungen fehlen. 2014 wurden in der EU nach Angaben von Eurostat 9,3 Millionen Tonnen Elektronik auf den Markt gebracht. Ein Jahr später waren es bereits 9,8 Millionen Tonnen. Nur ein Drittel bis die Hälfte dieser Menge wird in Europa als Abfall entsorgt.

Knotenpunkt Accra

„Der Markt für Repariertes floriert, und es gibt reichlich Platz für mehr Wachstum“, schreibt Martin Oteng-Ababio von der Universität Ghana. Ghana ist einer der wichtigsten Importeure alter Elektronik. Etwa 7800 Kilometer legen die Schiffe auf der Reise von Hamburg zum Hafen Tema zurück. Von dort ist es eine halbe Fahrstunde zur Hauptstadt Accra.

Ein Kran hievt die Container von Schiffen auf Lastwagen. Die Lkw rollen an Lagerhallen vorbei zu einem der Terminals. Hier wird der Inhalt inspiziert. 50 bis 100 Container am Tag, rund 30 Minuten pro Stück, erläutert Peter Bopam. Der Mann in blauer Uniform hat im Jubilee Terminal das Sagen. Auf seinem Hof stehen ein paar Container, die Türen offen. Alles muss raus: Autos, Fahrräder, Fernseher, Matratzen, Mikrowellen.

Container werden von einem Schiff im Hafen von Tema gehoben. Hier kommen jährlich Tausende Tonnen alter Elektronik auf dem Seeweg aus Deutschland und aller Welt an. Quelle: Gioia Forster/dpa

Die schwüle Hitze ist erdrückend. „Wir versuchen, so viele Container wie möglich zu prüfen“, sagt Fred Yankey von der Steuerbehörde. Doch es gebe zu wenig Kapazitäten. Ghana hat wie viele andere Staaten die Baseler Konvention ratifiziert, die den Export von Elektroschrott in Entwicklungsländer verbietet.

Was passiert, wenn kaputte Elektrogeräte ankommen? Schulterzucken am Jubilee Terminal. Man prüfe nicht, ob etwas funktioniere. Man verlange auch keine Beweise, sagt Fred Yankey. „Dafür gibt es kein Gesetz in Ghana“, meint er. Von dem deutschen Funktionsnachweis habe er noch nie gehört. „Die meisten Gegenstände, die reinkommen, funktionieren nicht“, sagt er achselzuckend.

„Natürlich darf Elektroschrott eigentlich nicht importiert werden“, erläutert Markus Spitzbart. Er ist für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, kurz GIZ, in Ghana. Diese erarbeitet mit der Regierung in Accra ein Konzept, wie Elektromüll besser weiterverarbeitet werden kann.

Die Werkstatt in Abeka

Tony Obour muss da allerdings keiner mehr etwas vormachen. Er verdient seit fast 30 Jahren mit den alten Geräten aus Europa seinen Lebensunterhalt. Obours Werkstatt liegt im Stadtviertel Abeka, etwa 50 Kilometer vom Hafen Tema entfernt. Der 51-Jährige repariert gebrauchte Fernseher. Der einzige Raum ist vollgestellt mit Regalen, in denen eingestaubte Ersatzteile liegen.

Platz zum Arbeiten hat Obour nur vor dem Haus. Behutsam schraubt er die Plastikabdeckung eines Flachbildfernsehers ab und begutachtet das Innenleben. Die Geräte kaufe er von Importeuren, die ihre Ware neben dem Hafen anböten, erzählt Obour. Ob sie laufen oder nicht, findet er erst in seiner Werkstatt heraus. „Wir testen sie vorher nicht. So sind sie billiger“, sagt er.

Der TV-Reparateur Tony Obour schraubt die Rückseite eines Fernsehers auf, um das Innenleben des Geräts begutachten zu können. Quelle: Gioia Forster/dpa

Von 20 Fernsehern seien etwa acht irreparabel, schätzt Tony Obour. Er versuche, so viele wie möglich wieder in Gang zu setzen, an Familien oder Cafébesitzer zu verkaufen. Aus dem Rest baut er alles aus, was er als Ersatzteile nutzen kann. Was dann noch übrig ist, hat für ihn keinen Wert mehr. Für andere schon.

Überall sind die Schrottsammler unterwegs, junge Männer, meist paarweise, mit Holzkarren. Sie gehen von Laden zu Laden, von Haus zu Haus, und holen kaputte Elektrogeräte ab. Fast alles, was Metall enthält, können sie gebrauchen. Damit ziehen sie weiter, entlang einer Schnellstraße, über eine Brücke, in ein Gebiet rund 17 Kilometer von Obours Werkstatt.

Höllenfeuer Agbogbloshie

Agbogbloshie, so heißt dieses Stadtviertel. Es erstreckt sich entlang eines Flusses, dessen verdrecktes Wasser in eine Lagune und dann in den Golf von Guinea fließt. Agbogbloshie ist der Friedhof der elektronischen Welt. Und der Ort, an dem ein permanentes, stinkendes, giftiges Höllenfeuer brennt.

Die Wege schlängeln sich an ausgebauten Motoren und Autokarosserien vorbei. Die Erde ist schwarz, wie am Fuße eines Vulkans. Fahrzeuggetriebe liegen herum, daneben türmen sich Berge von Plastikrahmen ausgeschlachteter TV-Geräte. Aluminium aus Klimaanlagen ist sorgsam aufgestapelt. Unter einfachen Wellblechdächern werkeln junge Männer. 6000 Menschen leben hier, auf einer der größten Müllhalden der Welt.

Gelegentlich ertönen die Geräusche von Hammer und Meißel. Sonst ist es gespenstisch still. Agbogblo­shie ist weltweit nicht als Stadtteil bekannt, sondern als Müllkippe. Hier landet Elektroschrott aus Ghana, Westafrika, der Welt. Hier trotzen Menschen dem Abfall verwertbare Reste ab und verdienen so ein klein wenig Geld.

Der Recycler Lubman Idris nimmt vor seiner Werkstatt in Agbogbloshie ein altes Elektrogerät auseinander, um die Kupferspule darin zu gewinnen und diese weiterzuverkaufen. Quelle: Gioia Forster/dpa

In Ghana existiert fast keine reguläre Recyclingindustrie. Ein Großteil der Verwertung findet hier statt. „Wir kaufen die Sachen von den Leuten mit den Karren“, sagt Lubman Idris. Der 30-Jährige hat eine Mini-Werkstatt am Ufer des Flusses. Er und seine Freunde sitzen vor der Hütte und zerlegen Geräte. „Bildschirme, Fernseher, Kühlschränke, selbst alte Autos, wir nehmen alles.“ Idris öffnet ein Plastikgehäuse. Zum Vorschein kommt eine Kupferspule. Die braucht er.

Seit zwölf Jahren arbeitet Lubman Idris als Recycler. Er trägt ein weißes Trikot des FC Bayern. „Ich bin ein Fan von Bayern und Chelsea“, sagt er und grinst. Er kommt aus dem Norden Ghanas. „Dort gibt es keine Arbeit.“

Agbogbloshie wirkt auf den ersten Blick chaotisch. Bald aber wird klar: Dies ist eine gut geölte Maschine, ein Markt mit System. Zehntausende arbeiten hier. Eine genaue Zahl gibt es nicht. Jeder hat seine Rolle: Sammler, Recycler, Agent, Händler. Auf dem Gelände existieren eine Vereinigung für Schrotthändler, ein Büro der Steuerbehörde und Niederlassungen von Banken. Informelle Arbeit ist in den meisten Ländern Afrikas gang und gäbe, eigentlich kein Aufregerthema. Wären da nicht die Gefahren für Gesundheit und Umwelt.

Schmilzt das Plastik, bleiben die wertvollen Metalle übrig

Über Agbogbloshie hängt stinkender Rauch. Er treibt von einer Freifläche herüber, hinter dem Schrottplatz. Dort wurde jahrelang Hausmüll abgekippt. Der Boden unter den Füßen ist weich, Agbogbloshie war früher eine Sumpflandschaft. Heute tobt hier das Feuer.

Die Recycler verbrennen ganze Berge von Kabeln, Monitoren, Computern. Schmilzt das Plastik, bleibt zum Beispiel Kupfer übrig. So lässt sich das wertvolle Metall leicht entnehmen. Aber die Schrottarbeiter und Anwohner des Slums atmen die Giftschwaden ein. Hinzu kommt, dass viele Recycler mit gefährlichen Materialien hantieren, ungeschützt. Geschwächte Lungen, Tumore, Schilddrüsenprobleme sind die Folge.

Oft seien im Elektroschrott Stoffe wie Quecksilber, Blei und Kadmium oder Chemikalien zu finden, heißt es in einem UN-Bericht. „Für viele gefährliche Inhaltskomponenten gibt es in Ghana derzeit keine entsprechenden Entsorgungsmöglichkeiten und kein Know-how in Agbogbloshie“, sagt GIZ-Experte Spitzbart.

Im stinkenden Höllenfeuer: Männer verbrennen in Agbogbloshie Kabel und andere Teile alter Elektrogeräte, um die rohen Metalle zu gewinnen und diese weiterzuverkaufen. Quelle: Gioia Forster/dpa

Lubman Idris ist da fatalistisch. „Man kann davor nicht weglaufen“, sagt der 30-Jährige. Kupfer, Aluminium, Eisen – seine Ausbeute geht an die Händler. Hier beginnt das Geschäft wieder lukrativer zu werden. Der Einkäufer kommt auf einem klapprigen Fahrrad. „Ich verkaufe es an Firmen, die die Metalle einschmelzen und exportieren“, sagt er.

Der UN-Bericht schätzt den Wert des Rohmaterials aus Elektroschrott weltweit auf 55 Milliarden Euro. Und wohin werden die in Accra gewonnenen Schätze exportiert? Nach China, Frankreich, Indien, Deutschland, diese Länder nennt er als Beispiele.

So schließt sich der Kreis. Es gibt Märkte für Secondhand-Elektronik in Ländern wie Ghana und einen internationalen Markt für Rohstoffe aus Altgeräten. Ausrangierte Elek­tronik und Abfall als wertvoll zu erkennen, so betonen Fachleute, hat durchaus Pluspunkte.

Aus den informellen Recyclern sollen offizielle Verwerter werden

„Unter Ressourcengesichtspunkten ist das erst mal total sinnvoll“, sagt Till Zimmermann vom Hamburger Institut Ökopol und meint den Export der Geräte. Viele würden noch lange genutzt, bevor sie endgültig im Müll landeten. Abertausende Menschen wie Obour und Idris verdienen in dem Geschäft ihren Lebensunterhalt.

Doch der echte Schrott landet im Feuer auf dem Müllberg in Agbogbloshie. Auch viele Geräte, die in Ghana noch einige Zeit laufen, enden später dort. Und die Gesundheitsrisiken, die verdreckte Umwelt und die geringen Verdienste der Untersten im Abfallgeschäft stehen auf der Gegenseite der Bilanz.

Ein besseres, vor allem sichereres Recycling wäre ein Anfang. „Weil der informelle Recyclingsektor in Ghana aber so gut organisiert ist, kann der formelle Sektor gar nicht richtig Fuß fassen“, sagt der Fachmann Spitzbart. Seine Idee: Aus den informellen Recyclern sollen offizielle, professionelle Verwerter werden. Die Regierung wolle, dass die Menschen ihre Einkommen behielten, sagt Spitzbart. Das Verarbeiten von giftigen Inhaltsstoffen und das Verbrennen von Plastik sollten aber gestoppt werden. Das hinzukriegen ist eine gewaltige Aufgabe.

Der Weg des Elektroschrotts Quelle: RND

Tonnenweise Müll – und Schätze: Daten und Fakten zum Elektroschrott

2 Millionen Tonnen Elektro- und Elektronikgeräte sind im Jahr 2016 allein in Deutschland in Verkehr gebracht worden. In der gesamten Europäischen Union wurden in jenem Jahr laut Eurostat etwa zehn Millionen Tonnen Elektrogeräte auf den Markt gebracht.

1,7 Millionen Tonnen Elektroschrott fallen nach Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe pro Jahr in Deutschland an. Europaweit inklusive der Schweiz und Norwegen waren es einer Erhebung von 2015 zufolge 9,45 Millionen Tonnen.

3,3 Millionen Tonnen des europäischen Elektroschrotts wurden ordnungsgemäß erfasst und wiederverwertet. 750 000 Tonnen landeten im Hausmüll, 2,2, Millionen Tonnen wurden nicht ordnungsgemäß als Altmetall entsorgt – und 3,2 Millionen Tonnen verschwanden irgendwo.

45 Prozent gibt die EU als Rücknahmequote vor, ab 2019 ist sogar eine Recyclingquote von 65 Prozent für elektrische Geräte von der EU vorgeschrieben. Von diesem Ziel ist Deutschland noch weit entfernt: 2015 wurden gerade einmal 42,5 Prozent recycelt.

782 214 Tonnen Altgeräte wurden laut Bundesumweltministerium 2016 gesammelt. Pro Einwohner sind das 8,6 Kilogramm. Die Mengen an Elektroschrott wachsen fast dreimal so schnell wie die des restlichen Abfalls.

300 Milligramm Silber und 30 Milligramm Gold stecken in jedem Smartphone. Zu Gold und Silber kommen noch Palladium, Kupfer und Kobalt – mit einem Wert von 10 000 Euro pro Tonne ist Handyschrott eine sprichwörtliche Goldgrube.

70 Kilogramm Kupfer, 140 Gramm Silber, 30 Gramm Gold – allein diese drei Edelmetalle, herausgezogen aus einer Tonne schrottreifen Computern und Laptops, haben einen Wert von rund 1500 Euro. 200 Euro für Palladium kommen noch dazu.

8,3 Prozent der großen Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen müssen wegen eines Defektes innerhalb der ersten fünf Jahre ausgetauscht werden. Ein Flachbildfernseher steht heute nur noch 4,4 Jahre im Wohnzimmer seines Erstbesitzers; 2007 waren es noch 5,7 Jahre, hat das Marktforschungsinstitut GfK herausgefunden.

Ausrangierte Elektrogeräte liegen in Lünen vor einem Zentrum zur Aufbereitung von Elektroschrott auf einem Haufen. Quelle: Bernd Thissen/dpa

Entsorgen – aber richtig

Welker Salat in die Biotonne, Zeitung von gestern in die Papiertonne – und die alte Kaffeemaschine? Für Elektroschrott gibt es kaum irgendwo funktionierende Entsorgung am Haus – aber seit 2016 klare gesetzliche Regelungen. Die wichtigsten Fakten und ein paar Tipps:

Rücknahme ist Pflicht: Der Handel muss ausgediente Elektro- und Elektronikgeräte zurücknehmen. Das Elektrogesetz gilt für alle, Einzelhandel wie Onlinehandel. Jedenfalls dann, wenn auf mehr als 400 Quadratmetern Elektrogeräte verkauft werden (stationärer Handel) oder mehr als 400 Quadratmeter Versand- und Lagerfläche zur Verfügung stehen (Onlinehandel).

Abtransport bei Neukauf: Große Elektrogeräte wie Fernseher oder Kühlschrank müssen immer dann kostenlos zurückgenommen werden, wenn ein entsprechendes Gerät neu gekauft wird.

Bedingungslose Rücknahme: Kleine Geräte können immer kostenlos zurückgegeben werden, auch dann, wenn man kein Neugerät erwirbt. Laut Gesetz sind kleinere Geräte solche, deren Kantenlänge weniger als 25 Zentimeter beträgt, also etwa Smartphones, Rasierer, elektronische Zahnbürsten.

Wegschmeißen verboten: Jeder Bürger muss seinen Elektroschrott sachgerecht entsorgen; das schreibt das Elektrogesetz „ElektroG“ vor. Es setzt eine EU-Richtlinie um, der zufolge bis 2019 immerhin 65 Prozent des Elektromülls recycelt werden sollen. Ziel ist zum einen die Wiederverwertung wertvoller und zum anderen die sichere Entsorgung gefährlicher Stoffe. Nur durch sachgerechte Entsorgung können diese Substanzen aus dem Elektroschrott isoliert und aufbereitet werden.

Was sind elektronische Geräte? Im Prinzip gilt eine einfache Faustregel: Alles, was mit einem Stromkabel, mit einer Batterie oder Akkus betrieben wird, darf nicht in den Hausmüll. Das fängt schon beim Wecker und beim bellenden Plüschhund an. Neue Geräte tragen das Symbol der durchgestrichenen Mülltonne. Batterien und Akkus dürfen wegen ihres Blei-, Kadmium- und Quecksilbergehalts ebenfalls nicht in die Mülltonne. Sie sind aber leicht zu entsorgen: Dort, wo es neue Batterien gibt, gibt es fast immer auch Behälter für alte.

Für ganz Bequeme: Schon seit 2005 bietet die Post mit „Electroreturn“ einen Rundumservice – kostenlos. Alte Handys, Computerbauteile, leere Druckerpatronen und kleinerer Elektroschrott wie Kabel kommen zu Hause in einen Maxibrief (Höchstmaß: 35 x 25 x 5 cm), der nicht mehr als ein Kilogramm wiegen darf. Electroreturnmarke ausdrucken, ab in den Briefkasten, fertig.

Verkaufen statt einlagern: Viele funktionsfähige Geräte lagern jahrelang in Schubladen und Schränken, weil ein neueres Modell angeschafft wurde. Irgendwann sind sie dann tatsächlich Schrott. Dagegen hilft verkaufen (oder spenden). Je länger jedes Gerät genutzt wird, desto geringer der Gesamtanfall von Elektroschrott.

Von Gioia Foster und Bernhard Sprengel/RND

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